Wiener Straßennamen und mein Cousin Fritz als „freiwillig-unfreiwilliger“ SS-Mann

 

Wien kann wirklich etwas verwirrend sein, da gibt es die Wasagasse, die Wassergasse und die Wasnergasse. Wenn man diese Namen nur hört, kann man sie kaum auseinanderhalten.

Die Wasagasse, in der Roßau im Alsergrund, ist mir seit meiner Kindheit vertraut: Die Harmoniegasse, in der ich zu Anfang meines Lebens gewohnt habe, grenzt an die Wasagasse, in wir Kinder, im Hinterhof eines Hauses, an dessen Stelle früher das Harmonietheater gestanden ist, gespielt haben.  Dieser Hof war eigentlich ein Abhang, der zu den Gärten der Häuser in der Währinger Straße hinaufführte. Später, in der Währinger Straße wohnend, querte ich die Wasagasse auf meinem Schulweg in die Grüne Torgasse. Und nach vielen weiteren Jahren lag diese Wasagasse auf meinem Weg ins Büro auf dem Julius-Tandler-Platz.

Zu Wassergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk meinte ich lange einen persönlichen Bezug gehabt zu haben. Das dürfte aber auf einem Hörfehler beruht haben, denn bei meinen Erinnerungen dürfte es sich um die Wasnergasse gehandelt haben. Gestern hatte ich in der Umgebung der Wasnergasse zu tun, und da der Fünfer (Straßenbahn) außerordentlich lange Intervalle hatte, ging ich vom Wallensteinplatz zu Fuß und kam so in die Wasnergasse – und da kam dann auch der oben erwähnte Bezug zum Tragen.

Mein inzwischen im hohen Alter verstorbenen Cousin Fritz wohnte in seine Jugend längere Zeit bei uns und ich erachtete ihn als so etwas wie einen vergeblich erwünschten älteren Bruder. Seine Eltern lebten in Pernitz, die Textilfachschule, die er besuchte, lag aber in Wien, daher wohnte er (damals selbstverständlich) bei uns in Wien. Nun, eines Tages kam er von der Schule nach Hause und erzählte uns folgende Geschichte: bei ihm, in der Schule, wäre ein Goldfasan (bedeutete in der Zeit des Nationalsozialismus: Kleidung der obersten Titelträger von NSDAP und einiger Parteigliederungen, die in der Kombination Braun mit Lametta – glitzernde Distinktionen – an einen Goldfasan erinnerten) in seine Klasse gekommen, und hätte gefragt, ob alle doch selbstverständlich zur SS (Schutzstaffel war eine nationalsozialistische- militärische –  Organisation, die der NSDAP und Adolf Hitler als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument diente) gehen wollten. Wer traute sich damals als ca. 17Jähriger da schon zu widersprechen. Und jetzt wurde mein friedfertiger, lieber Quasi-Bruder Fritz „freiwillig – unfreiwillig“ SS-Mann, jene Truppe, die an den tödlichsten Fronten eingesetzt wurde. Diese Truppe war auch angehalten, die brutalsten Kriegsverbrechen zu begehen. Und jetzt kommt meine Assoziation ins Spiel: während seiner Ausbildung wohnte Fritz dann zeitweilig in der Wasnergasse. Dort habe ich ihn mit meiner Mutter besucht und mich gestern an die die Straße begrenzende Mauer des Augartens erinnert.

Das Schicksal führte Fritz nach seiner sehr kurzen Ausbildung dann an die schon stark zurückgewichene Ostfront. Noch im Jahr 1945 erlebte er den Kampf um Budapest. In Ungarn waren die Truppen der 2. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Marschall Malinowski im Kampf gegen die deutsche Heeresgruppe Süd unter dem Oberbefehl von Generaloberst Frießner über die Theiß und bis zur Donau südlich nach Budapest vorgestoßen. Die deutschen Verbände waren aber so abgekämpft, dass sie ohne neu zugeführte Verstärkungen (und das waren dann diese Jungen aus der Textilschule und anderen Schulen) nicht in der Lage waren, große Angriffsaktionen durchzuführen. Hitler erteilte den Befehl: „Die Verteidigung der ungarischen Hauptstadt solle durch Kampf Haus um Haus geführt werden, eine kampflose Räumung komme auch bei ungünstiger Entwicklung der Lage nicht in Betracht. Außerdem seien rücksichtslos alle Maßnahmen zu treffen, um die Gefährdung der eigenen Truppen durch den bewaffneten Großstadt-Pöbel zu verhindern, der entweder rechtzeitig evakuiert oder gewaltsam niedergehalten werden müsse.” Bei unserem Wissen der Kriegsabläufe kann man sich die Durchführung dieser Maßnahmen einigermaßen vorstellen! Die Verantwortlichen für die Truppe wünschten, etwa 20 km hinter der Hauptkampflinie eine für den Großkampf ausgebaute Stellung zu errichten, sie sorgfältig zu tarnen und mit Sicherheitsbesatzungen zu versehen. Sie wünschte außerdem eine Verteidigungsanweisung, die ihr das Recht gab, vor Einsetzen der feindlichen Artillerievorbereitung unter Zurücklassen von Nachhuten mit der Masse der Kampftruppen auszuweichen. Hitler weigerte sich, einen Geländeverlust von 20 km ohne Kampf in Kauf zu nehmen.

Diese Fehlentscheidung führte dazu, dass meinem Cousin Fritz durch einen russischen Beschuss der Stalinorgeln (Katjuscha ist die russische Bezeichnung für einen sowjetischen Mehrfachraketenwerfer. Die Übersetzung des russischen Sammelbegriffs war Gardewerfer, von deutscher Seite wurde die Waffe Stalinorgel genannt) drei Finger der rechten Hand weggeschossen wurden. Für ihn war dieser Krieg zu Ende, aber seine ursprüngliche Berufswahl war ihm nun verwehrt, Weber konnte er nun nicht mehr werden.  Er kam nach Linz ins Lazarett, erlebte dort das bombenreiche Kriegsende, meine Mutter hatte noch versucht, ihn von Pregarten aus zu besuchen und zu uns zu holen, kam aber zu spät.

Später hat mein Cousin Fritz lange bei einer Großhandelsfirma in Mariahilf gearbeitet um dann Vertreter – auch für Süßwaren – zu werden. Er verhandelte – nach seinen Erzählungen – meist mit Großabnehmern, Kleinabnehmer für seine Süßwarenmuster war dann die Familie. Ich glaube, er war erfolgreich und nicht unglücklich in seinem Beruf, geheiratet hatte er eine ehemalige Kollegin aus der Textilfachschule. Später erwirtschaftete er als Alleinverdiener eine Eigentumswohnung in Döbling und ein Haus in Pernitz.

Er war zwar Kriegsopfer aber er sah sich nicht als Opfer! R.I.P. lieber Fritz.

 

 

 

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