Feiertage unserer Mitbürger

Wir Österreicher lieben unsere Feiertage, wir zelebrieren sie auch – ob angemessen sei dahingestellt – und wir haben derer eine ganze Menge. Aber wir haben auch Mitbürger, die ganz andere Feste feiern. Sie müssen an diesen Tagen auch arbeiten – wenn sie sich keinen Urlaub nehmen – im Gegensatz zu uns Christen. Und von der Mehrheitsbevölkerung werden ihre Feste wenig wahrgenommen. Manchmal – im Rundfunk – zumeist in Religionssendungen, wird der Hintergrund dieser Feste erklärt, aber sonst?

Gerade in den letzten Tagen hat eine Reihe von jüdischen Festen stattgefunden. Ich habe kaum etwas in Zeitungen darüber gelesen. Vielleicht hilft es unserem Zusammenleben, wenn wir mehr übereinander wissen.  Die Tage dieser Feste werden nach jüdischer Zeitrechnung festgelegt. Diese beginnt im Jahr 3761 vor der christlichen Zeitrechnung. In diesem Jahr, konkret am 6. Oktober, hat Gott nach jüdischem Glauben die Welt erschaffen. Daher steht der jüdische Kalender mittlerweile im 6. Jahrtausend. Der jüdische Kalender ist ein Lunarsolarkalender. Das bedeutet, das zwar das Jahr wie im islamischen Kalender in zwölf Mondmonate aufgeteilt ist, Schaltjahre aber den jüdischen Kalender an das um elf Tage längere Sonnenjahr angleichen.

Heuer hat am 19. September Jom Kippur stattgefunden. Vielen von uns ist vielleicht der Jom Kippur Krieg in Erinnerung. Der hat aber nichts mit dem Fest zu tun, sondern hat nur an diesem Tag begonnen. Er fand vom 6. Bis 25. Oktober statt. Er wurde von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten gegen Israel geführt, und war der vierte arabisch-israelische Krieg im Rahmen des Nahostkonflikts. Jom Kippur (Tag der Sühne, deutsch zumeist Versöhnungstag oder Versöhnungsfest) ist der höchste jüdische Feiertag. Der Tag gilt als strenger Ruhe- und Fastentag. Nach christlich-geprägtem Gregorianischen Kalender fällt Jom Kippur von Jahr zu Jahr auf unterschiedliche Daten im September oder Oktober. Zusammen mit dem zehn Tage davor stattfindenden zweitägigen Neujahrsfest Rosch ha-Schana bildet er die Hohen Feiertage des Judentums und den Höhepunkt und Abschluss der zehn Tage der Reue und Umkehr. Jom Kippur wird von einer Mehrheit der Juden, auch nicht religiösen, in mehr oder weniger strikter Form eingehalten.

Das Fest geht vermutlich auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil zurück, in der Bibel kann man dazu lesen: „Am zehnten Tage des siebenten Monats sollt ihr fasten und keine Arbeit tun, weder ein Einheimischer noch ein Fremdling unter euch. Denn an diesem Tage geschieht eure Entsühnung, dass ihr gereinigt werdet; von allen euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn.“ Im Jerusalemer Tempel wurden an diesem Tag besondere Opfer dargebracht, es war der einzige Tag, an dem der Hohepriester – allein und streng abgeschirmt – das Allerheiligste im Tempel betreten durfte, um stellvertretend für das Volk die Vergebung der Sünden zu empfangen. Dort besprengte er die Bundeslade mit dem Blut von zwei Opfertieren. Ebenso wurde über zwei Böcken das Los geworfen , einer mit dem Los „für Gott“ wurde geopfert zur Reinigung des Tempels. Über dem per Los ermittelten Ziegenbock „für Asasel“ wurden alle Sünden des Volkes Israel vom Hohepriester öffentlich bekannt. Anschließend wurde das Tier „für Asasel“ getötet, indem es über den Rand der Bergklippen in der Judäischen Wüste geschickt wurde.  Das entspricht nun unserem „Sündenbock“. jemand, der von unbußfertigen Menschen für ihr eigenes Unheil, Fehler und Sünden fälschlich beschuldigt und schließlich verantwortlich gemacht wird und der manchmal beseitigt wird, obwohl das ursprüngliche Konzept ein Bekenntnis eigener Schuld und Reue von der Gemeinschaft verlangte.

Jom Kippur ist der heiligste und feierlichste Tag des jüdischen Jahres, ein Fastentag, an dem 25 Stunden gefastet wird, d. h. von kurz vor Sonnenuntergang des Vortags bis zum nächsten Sonnenuntergang wird weder flüssige noch feste Nahrung eingenommen. Streng religiöse Juden tragen an Jom Kippur keine Lederschuhe und kleiden sich in Weiß.

Am 24. September begann heuer Sukkot (oder Laubhüttenfest). Es wird fünf Tage nach dem Versöhnungstag, gefeiert und dauert sieben Tage. Das Fest ist bäuerlichen und wahrscheinlich kanaanitischen Ursprungs und hatte ursprünglich einen historisch-landwirtschaftlichen Charakter. Das Fest hat sich schon in der Antike während Jahrhunderten stark verändert, was sich in den biblischen und nachbiblischen Texten widerspiegelt. Es hatte etwas von unserem Erntedankfest, wenn nicht nur die Getreide-, sondern auch die Weinernte eingebracht ist. Mit den Laubhütten dürften hier die Schatten spendenden Unterstände auf den Feldern gemeint sein, wie sie auch heute im Vorderen Orient zur Zeit der Ernte noch gebräuchlich sind. Erst nach dem Babylonischen Exil wird Sukkot zu einem historischen Fest, das mit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten begründet wird und das Wohnen in Laubhütten während der Festzeit vorschreibt. Der Überlieferung nach soll König Salomon den Tempel in Jerusalem zu Sukkot eingeweiht haben. Selbst im Johannesevangelium ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfestes diejenigen, die Durst haben, zu sich, was im Zusammenhang mit einer zu dieser Zeit vom ersten bis zum letzten Tag des Festes üblichen Wasserschöpfzeremonie interpretiert wird.

In Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, als die Israeliten in provisorischen Behausungen wohnten, wird auch heute jedes Jahr zu Sukkot dort, wo sich Platz dafür bietet – im Garten, im Hof, auf dem Parkplatz, Balkon oder Dach – die Sukka gebaut, eine mit Ästen, Stroh oder Laub gedeckte Hütte, die unter freiem Himmel stehen muss. In ihr werden, wenn es das Wetter erlaubt, die Mahlzeiten während der siebentägigen Dauer des Festes eingenommen; besonders gesetzestreue Juden übernachten sogar in der Laubhütte. Jüdische Gemeinden erstellen in der Regel eine Gemeindesukka, in der der Kiddusch nach dem Gottesdienst und andere Empfänge während des Sukkotfestes stattfinden. In Anlehnung an das antike Erntedankfest und die mit Regen und Fruchtbarkeit assoziierten Zeremonien werden während Sukkot zu den Gottesdiensten in der Synagoge ein Feststrauß getragen. Darin befinden sich ein gebundener Palmzweig, drei Myrtenzweige, und zwei Bachweidenzweigen, die in der rechten Hand getragen werden, sowie der Etrog, eine Sorte der Zitronatzitrone, der in der linken Hand gehalten wird.

Ich finde es schade, dass wir – die Mehrheitsbevölkerung – diese Feste so wenig zur Kenntnis nehmen.

(Beschreibungen zu zeitlich entsprechenden anderen Anlässen folgen dann über weitere jüdische und auch muslimische Feste)

Feiertage unserer Mitbürger

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