Im Park von Schönbrunn

Schön war’s im Schlosspark Schönbrunn. Vorauszuschicken ist, dass der Schlosspark um 17:30 schließt, verständlicherweise, denn da ist es schon ziemlich finster. Daher muss ich jetzt, da wir wieder „Normalzeit“ haben, meinen Tag anders einteilen. Vorher bin ich erst weggegangen, sobald ich meine Arbeit (also Schreiben) erledigt hatte, das geht sich jetzt nicht mehr aus, dazu wird es zu früh finster: Schreiben muss ich nach einem eventuellen  „Ausflug“.

Schönbrunn ist wirklich riesig und bietet viel. Ich war heute aber weder im Zoo, noch im Schloss, noch in der Wagenburg, noch im Palmenhaus. Und selbst den Park kann man bei einem Ausflug nur teilweise durchwandern. Ich bin beim Meidlinger Tor hineingegangen und wollte eigentlich nur durch die langen Allen bis zum Schönbrunner Tor gehen. Ursprünglich hatte  ich geplant,  dies an einem nebeligen Tag machen, wenn die geraden Alleen im Nichts zu verschwimmen scheinen. Aber es war schön, sonnig, warm und der Sturm war schon etwas abgeebbt. Als ich an der Orangerie vorbei ging, überlegte ich mir, dass früher alle Herrenhäuser am Land über Orangerien verfügten in denen seltene Pflanzen gesammelt wurden. Naja, durch den Klimawandel werden viele dieser damals exotischen Pflanzen bei uns jetzt langsam heimisch. Aber Orangerien haben für mich doch etwas ungeheuer Luxuriöses an sich!

Ich stellte fest, dass Schönbrunn schon im „Wintermodus“ war. Die (Spring-)Brunnen waren abgestellt, die Blumen aus den Rabatten entfernt. Aber dem Reiz des Parks tut das keinen Abbruch. Zugegeben: der Obeliskenbrunnen schaut ohne sprudelndes Wasser schon ein bisserl seltsam aus. Die römische Ruine passt – im Hinblick auf die Vergänglichkeit – recht gut zur Jahreszeit. Die meisten Alleebäume tragen noch ihr Laub (mit Ausnahme der Kastanienbäume) und das leuchtet im Sonnenschein golden. Nur langsam rieseln diese Blätter ab.

Eigentlich wollte ich nur um das Parterre vor dem Schloss einerseits und dem Neptunbrunnen andererseits herumgehen und mir die verschiedenen Figuren anschauen, aber dann habe ich daran gedacht, wie lange ich schon nicht bei der Gloriette oben gewesen bin.  Ich glaube, das letzte Mal war in meiner Studentenzeit, als ich noch Ausländer führte. Es war eine Gruppe von Australiern, die aus Tasmanien kamen (ich musste nachschauen, wo Tasmanien liegt) die ich dorthin führte.

Unter zu gehen, wäre bequemer gewesen, aber mit einer Menge Touristen bin ich dann doch den Zickzack Weg hinaufgegangen. Ein wunderbarer Blick auf das teilweise noch durch die Sonne beschienene Schloss im dem wunderbaren Schönbrunnergelb hat mich dann belohnt. Oben angekommen ist der Rundblick über Wien schon spektakulär.  Selbstverständlich sieht man auch eine ganze Reihe von hässlichen Blöcken, aber dann blitzt die goldene Kuppel der Kirche von Steinhof auf, in der Ferne sieht man den Kahlen- und den Leopoldsberg. Die Touristen photopraphieren eifrig, primär allerdings sich selber.

Es steht da eine „Bahn“ bei ihrer Haltestelle, die eine Rundfahrt durch Schönbrunn anbietet.  Aber ich finde, ich gehe doch lieber zu Fuß zum Schönbrunner Tor. Ich bin ja auch unten nicht in das Pferdefuhrwerk, das ebensolche Rundfahrten anbietet, eingestiegen. Und in einer Kutsche herumzufahren, bedürfte eines Partners, dann wär’s vielleicht romantisch.

Also mach ich mich auf den Weg hinunter. Noch einmal den Zickzackweg zu gehen, erscheint mir etwas fad, also begebe ich mich auf den Waldweg, er führt nur sanft bergab. Ich komm zum Tiroler Hof – hier war ich überhaupt noch nie, der eher sehr urig ausschaut. Die Straße, die weiter hinunterführt, ist abgesperrt. Aber ein Waldweg führt daneben – in die richtige Richtung. Jetzt wird’s langsam steiler, aber es gibt auch ein Bankerl unterwegs. Der Weg schlängelt sich ein wenig, hier gehen und laufen nur noch wenige. Ringsherum ist Mischwald, man wähnt sich im Wiener Wald. Plötzlich, vorbei an einer Mauer, kommt man dann wieder in einer Parklandschaft. Man befindet sich an der Außenseite des Tiergartens. Hier sind Pflanzen teilweise beschriftet, es scheint sich um den Botanischen Garten zu handeln. Bald kommt man zum Tor des Zoos, hier strömen schon die Leute heraus. Viele Kinder – inländische und ausländische – haben ihn besucht.

Jetzt kommen wir vorbei am Palmenhaus. Als ich noch ein Kind war, sind meine Eltern im Winter mit mir hierhergegangen, um einen Husten oder einen Schnupfen zu heilen. Ob das immer geglückt ist, daran kann ich mich nicht erinnern, aber mir gefielen die riesigen Pflanzen besonders gut.

Langsam komme ich zum Ausgang, aber hier steht ein Maronibrater. Eigentlich ist es noch nicht kalt genug, aber ich kann nicht widerstehen, es ist ja auch schon dunkel geworden. In der U-Bahn hab‘ ich mich dann ein bisserl geschämt, dass ich gegessen habe, die Maroni natürlich. Aber Essen in der U-Bahn ist ja jetzt ein Tabu. Geschmeckt haben sie mir sehr, die Maroni, es waren die ersten, und genauso wie das erste Schleckeis im Frühling sind die ersten Maroni im Herbst die Besten.

Im Park von Schönbrunn

Im Gymnasium im Jahr 1945

Nun war endlich für mich „das Gymnasium“ (eigentlich Realgymnasium) offen – ohne die gefürchtete Aufnahmsprüfung. Es war das Jahr 1945, als ich in die erste Klasse kam. Es war aufregend, als plötzlich so viele unterschiedliche Lehrerinnen (Lehrer hatten wir nur in Religion und Zeichnen) uns gegenüberstanden. Ich war neugierig, ich war aufgeregt. Äußere Umstände, ja, die waren schlimm, aber das störte mich wenig. Außerdem hatte ich eine Reihe von „alten“ Schulfreundinnen aus der Volksschule hier getroffen, das machte den Anfang leichter. Aber die vielen „Neuen“ hatten oft eine Fluchtgeschichte zu erzählen, sie kamen aus verschiedenen Gegenden Europas, aber sie sprachen alle deutsch, wenn auch manche mit einem „komischen“ Akzent.  Integrationsprobleme gab’s keine.

Schule fand abwechselnd vormittags und nachmittags statt – es gab für zwei Schulen anfänglich eben nur ein Gebäude, ich mochte diesen Nachmittagsunterricht nicht sehr, weil man mit dem Vormittag eigentlich nichts anfangen konnte. Wir hatten keine Schulbücher, man musste alles mitschreiben. Das war mühsam, aber wir kannten damals noch nichts anderes.

Manche unserer Lehrerinnen waren alt. Es stimmt schon, für 10-Jährige scheinen viele alt zu sein. Damals gab es das Problem, dass die “mittlere Generation“ der Lehrer und Lehrerinnen „bei der Partei gewesen war“, wie man es damals nannte. Sie durften nicht unterrichten, sondern mussten wahrscheinlich Schutt wegräumen. Da es nun aber nicht genügend Lehrer gab, holte man die vorherige Generation (wahrscheinlich aus der Pension), die aber auch vom Ständestaat geprägt war. Man sagt, dass alte Menschen viel Erfahrung haben, dass sie weise geworden sind – ja, aber! Ein Beispiel: unsere Biologie-Professorin war eine ältere Dame. Sie kleidete sich auch so. Wahrscheinlich ist das ungerecht, ihr das vorzuwerfen, man war oft ausgebombt gewesen, hatte alles verloren und musste sich mit dem begnügen, was man bekommen hatte. Ich weiß nicht, ob das auf meine Biologielehrerin zutraf. Jedenfalls erschien sie in der Schule immer mit einem schwarzen, knöchellangen Kleid (ich meinte zu wissen, dass es ein Seidenkleid war), mit einem gehäkelten weißen Kragen. Ihre grauen Haare waren zu einem Knoten gesteckt. (Andere hatten damals Dauerwellen). Allerdings nahm sie es mit dem vorgeschriebenen (?) Stoff nicht besonders genau, wir lernten nur über Einzeller – ausschließlich! Da erfolgte die Fortpflanzung über Zellteilung und über andere Fortpflanzungsmöglichkeiten „höherer Tiere“ musste daher nicht gesprochen werden. Mein Wissen auf diesem Gebiet ist bis heute sehr mangelhaft.

Außerdem hatte ich einen Zwischenfall mit ihr provoziert. Und das ging so: Es gab eine Ausspeisung, dazu musste man sich in der Pause mit einem Häferl anstellen und aus einem Kessel bekam man einen Schöpfer Suppe. Nun unsere Schule war damals in drei unterschiedlichen Gebäuden aufgeteilt, die aber auf einem großen Areal – ein Großteil davon parkartig – untergebracht waren Später wurde dann ein ordentliches Schulgebäude dort gebaut. Das Zentrum, Direktion, Lehrerzimmer, auch das Musikzimmer, fanden sich in der sogenannten Villa. Dort fand auch am Gang die Ausspeisung statt.  Um dorthin und wieder weg zu gelangen, musste man durch eine Doppeltür gehen, deren Flügel in beide Richtungen schwingen konnten. Ich hatte also meine Suppe erhalten und wollte nun möglichst rasch in den Garten und schob einen der beiden Flügel eher vehement auf, man sah ja nicht, wer dahinterstand. Wer stand wohl dahinter, eben jene Lehrerin. Mir fiel das Häferl mit der Suppe vor Schreck aus der Hand – und die Suppe verteilte sich über den Boden (Das Häferl war aus Metall). Das Ergebnis war, dass meiner Mutter beim Sprechtag von eben dieser Professorin gesagt wurde: „Dieses Kind hat zwei Arme und zwei Beine zu viel“.  Ich war dann besonders eifrig beim Lernen über diverse Einzeller, nachhaltig war’s aber nicht. Diese Professorin hatte von uns den Spitznamen Volvox Geoid erhalten, denn sie war, für die damalige Zeit,  auch ziemlich rundlich!

Sehr geschätzt habe ich unsere Professorin für Geschichte. Auch sie zählte zu den Älteren, war grauhaarig und versuchte uns historische Fakten nahezubringen: Kaiser, Könige, Kriege, Schlachten. Aber sie verstand es, uns ein Gerüst zu geben, in das man später weitere Fakten einordnen konnte. Natürlich war es nur europäische Geschichte, mit Schwerpunkt Österreich. Aber Fakten über den Ersten Weltkrieg, über die Zwischenkriegszeit erfuhr ich erst  viel später: während meines Studienjahres in den USA. Es war damals für Lehrer wahrscheinlich schwer, Geschichte zu unterrichten. Wie schon erwähnt gab es keine Lehrbücher und was der Lehrplan umfasste, weiß ich auch nicht. Außerdem war man extrem vorsichtig, nichts von der „Nazi-Ideologie“ in den Unterricht zu bringen. Aber was mir diese Lehrerin beigebracht hat, das war die Liebe zur Geschichte. Ich lese gerne noch heute historische Romane über Zeiten und Gegenden, über die ich – für meine Begriffe – zu wenig weiß.

Noch zu erwähnen sind die beiden Mathematikprofessorinnen: eine davon war jung und fesch, die war zuständig für die Unterstufe, die zweite gehörte auch zur grauhaarigen Riege, sie war sehr resolut, ein wenig ungeduldig und galt als sehr streng. Mit der Jungen (und dem Gegenstand) hatte ich so meine Probleme. Sie legte Wert auf das „Aussehen“ der Hausübungen. Und jene Gruppe in der Klasse, die sie verehrte und ihr den Spitznamen Putzi gab, übertraf sich in bunten Blümchenrändern der Hefte, Verschnörkelung der Buchstaben (wir waren halt eine brave Mädchenklasse) etc. Dafür hatte ich absolut kein Verständnis, derartiges verweigerte ich.   Die Ältere der Beiden Lehrerinnen, ihr äußeres Kennzeichen war eine umgehängte Teppichtasche, in der sie korrigierte Hefte beförderte, brachte mir aber die Liebe zur Mathematik bei. Jetzt ging’s nicht mehr um Sternderln und Blümchen, sondern um Gleichungen mit drei Unbekannten, Tangenten und Integralrechnung. Da war alles eindeutig, da war alles klar und entweder richtig oder falsch.  Das gefiel mir.

Zu berichten ist selbstverständlich noch über unseren Klassenvorstand, für mich damals alterslos, über die von vielen geliebte eher junge Lateinprofessorin, aber das bei nächster Gelegenheit.

 

Im Gymnasium im Jahr 1945

Lehrerinnen an die ich mich erinnere

Es gibt doch einige „Lehrpersonen“ in meiner Kindheit und meiner Jugend. an die ich mich erinnere. Die meisten Erinnerungen sind positiv, aber dennoch gab es welche, die hauptsächlich negativ sind.

Die erste Erinnerung in meiner frühen Kindheit war die Tante Elfi, sie und ihre Mutter führten einen privaten „englischsprachigen“ Kindergarten in der Tulpengasse, im neunten Bezirk. Wir gingen nur einmal in der Woche dorthin. Beeindruckt haben mich ein Kachelofen, mit einem quadratischen „Loch“, indem immer eine Teekanne stand. Ein Bild mit blühenden Kirschbäumen (dass es Kirschbäume waren, habe ich erst später festgestellt, als ich eine weitere Reproduktion dieses Bildes irgendwo gesehen habe) bewahre ich bis heute in meinem Gedächtnis. Die beiden Damen waren sehr lieb, wieviel sie uns (wir waren vielleicht eine Gruppe von sieben Kindern, die einander bereits „aus dem Park“ kannten) beigebracht haben, kann ich nicht mehr beurteilen.

Meine Wiener Volksschullehrerin war eine junge, sehr engagierte aber dennoch mütterliche Frau.  Ich ging – schon ihretwegen – gerne in die Schule. In ihrer unaufgeregten Art brachte sie uns viel bei. Sie lehrte damals in der Volksschule, der so genannten Schubertschule, in der Grüne Torgasse im Alsergrund (später wurde sie Direktorin). Das Schulgebäude hatte einen eigenartigen Geruch, den ich nicht mochte, aber die „Frau Lehrerin“ machte dies alles wett. Lehrpersonen waren damals auch für allerhand Aktionen der Regierung verantwortlich: wir Kinder mussten sonst weggeworfenes Metall sammeln (ich erinnere mich an Zahnpastatuben) und in die Schule bringen. Aber sie vermittelte uns keine „Nazidoktrinen“. Als ich einmal in der Schule einen Hitlerwitz erzählte, der von meiner Großmama, die ihre Ablehnung der Nazis offen lebte, stammte, meinte sie zu meiner Mutter, dass man mir erklären müsste, dass ich derartiges nicht in der Schule erzählen solle. Sie hätte uns anzeigen können. Die Pause durften wir in einem Hof, asphaltiert, aber mit Bäumen umsäumt, hinter der Schule verbringen. Sie weckte in uns die Liebe zu Büchern, die wir dann in der Buchhandlung Auff in der Porzellangasse kaufen konnten. Sie war es auch, die schon früh zu meiner Mutter sagte, dass ich für eine Aufnahmsprüfung für ein Gymnasium vorbereitet werden sollte, was zwar nicht Lesen, Schreiben oder Rechnen betraf, sondern Turnen. Ich war einfach patschert. Und ums Gymnasium zu kommen, musste man in der Nazizeit auch auf ein Seil hinaufklettern können, ich aber hing wie ein Mehlsack am unteren Ende des Seils. Also wurde ich in eine private Turnschule geschickt.

Aber diese Situation änderte sich grundlegend, als ich nach Pregarten im Mühlviertel, kam. Aufgrund der Bombensituation waren wir dorthin evakuiert worden. Sehr willkommen waren „die Wiener“ dort nicht. Ich kam 1944 in die dritte Klasse, in der ich ja auch in Wien gewesen war. Hier waren nicht nur „brave Kinder“, sondern in den letzten Bänken saßen ein paar recht rüpelhafte Buben, die schon mehrmals sitzen geblieben waren. Das war aber nicht das Schlimmste, die Lehrerin, dort „Fräun“ (Fräulein) genannt, hatte diese Position wahrscheinlich nur deshalb erhalten, weil sie aktiv in „der Partei“ war. Rechtschreibung war nicht ihre Stärke, was ich sogar (schlauerweise lauthals) feststellte.  Die Rache war schlimm, sie prüfte mich in Mühlviertler Heimatkunde, von der ich klarerweise keine Ahnung hatte – ein Sechser war das für mich schockierende Ergebnis.  Sie hatte ihre „Weimperln“ (unrechtmäßig bevorzugte Kinder in der Schule), sie bevorzugte Kinder aus Linz massiv, was wiederum meinen Gerechtigkeitssinn sehr störte. Sie war es auch, die uns zum Kartoffelkäfersammeln auf die Felder schickte, ohne uns vorher einen Kartoffelkäfer gezeigt zu haben. In der vierten Klasse unterrichtete uns dann der Direktor der Schule als Lehrer, der großen Wert auf Musik legt, und uns alle die oberösterreichischen Heimatlieder beibrachte.  Ich glaube, dass das sein Widerstand gegen die Nazis war. Aber Schulbetrieb wurde ohnedies immer schwieriger, bei Fliegeralarm wurden wir jetzt regelmäßig bald nach Hause geschickt, später kamen noch die Tiefflieger dazu …. Schule fand dann nicht mehr statt, als sich die Front 1945 aufzulösen begann.

Aber es gab noch eine Lehrerin in Pregarten, mit der ich auf Kriegsfuß stand, es war die Handarbeitslehrerin.  Das war allerdings wesentlich weniger ihre als meine Schuld. Auf weibliche Handarbeiten wurde unter der Nazizeit viel Wert gelegt. Also mussten wir Socken stricken lernen. Neue Wolle gab es keine, sondern nur irgendwelche aufgetrennten Resteln. Egal wie schön man auch strickte, was herauskam war nicht besonders hübsch. Es war wenigstens für uns selber und nicht für „unsere tapferen Soldaten an der Front“. Dennoch strickte ich gar nicht gerne. Um mein Pensum zu erfüllen war Stricken für mich Hausübung. Da auch meine Mutter fand, dass das Stricken für mich nicht so notwendig wäre, „machte sie meine diesbezügliche Hausübung“. Das sah man aber! Ich strickte krampfhaft – meine Mutter locker, daher trennte sie immer das in der Schule Gestrickte auf und machte es neu.  Als es keine Schule mehr gab, trennte meine Mutter „das Werk“ auf und verwendete die Wolle zu anderen Zwecken.

Aber die biedere Handarbeitslehrerin brachte ich unabsichtlich später fast in Schwierigkeiten. Bei der „Eroberung“ des Ortes durch die Amerikaner, sie kamen auf großen Panzern angefahren, der Ort war weiß beflaggt, viele Menschen neugierig säumten die Straße, traf ich jene Handarbeitslehrerin und grüßte sie, so man mich dies gelehrt hatte, mit dem Hitlergruß. Der Soldat auf dem Panzer schaute recht grimmig herunter! Ich verdrückte mich schleunigst.

Zu bemerken ist noch, dass es im Frühjahr 1945 keine Aufnahmsprüfung ins Gymnasium gab, man benötigte nur ein Abschlusszeugnis der Vierten Klasse (Habe ich durch einige Wochen Schulbesuch in Wien nachgeholt) und wurde „auf Bewährung“ bis Weihnachten aufgenommen. Auf ein Seil hinaufklettern habe ich nie zusammengebracht!

 

Lehrerinnen an die ich mich erinnere

Gedenken an Leonard Bernstein und die Wiener Gesera

Heute war es schon sehr herbstlich, kalt, trüb und nebelig.  Eigentlich ungemütlich, es regnete zwar nicht, aber es war nass und feucht. „Museumswetter“. Ich war den Vorschlag einer Freundin gefolgt, habe sie abgeholt und wir gingen miteinander ins Jüdischen Museum, also jenes am Judenplatz.

Hier wird des 100. Geburtstages von Leonard Bernstein gedacht. Also Musik kann nur begrenzt gezeigt werden, aber man lernt hier den Menschen Bernstein näher kennen.

Wenn man die Ausstellung betritt, ist man zuerst einmal mit Otto Perl konfrontiert. Wer war Otto Perl, fragt man sich. Also er war ein aus Wien „ausgewanderter“ Schneider, der sich in New York niedergelassen hat und dort Anzüge und besonders die Fracks für Bernstein geschneidert hat. Einer ist in der Schau zu sehen. Gezeigt werden Bernsteins frühe Jahre in Boston und New York, seine Beziehung zur Synagoge. Der Erfolg der Westside Story. Man findet auch Hinweise, dass dieser begnadete Musiker z.B. die Black Panther Bewegung in den USA unterstützt hat, lange vor dem Auftritt von Martin Luther King, dass er sich gegen den Vietnam Krieg gestellt hat und die McCarthy Aktivitäten verabscheut hat.

Eigentlich war Bernstein schon 1946 eingeladen worden, nach Wien zu kommen, um die Philharmoniker zu dirigieren. Damals lehnte er ab, da ihm zu viele Nazis im Orchester saßen. Erst 1966 kam er dann – liebte dann auch Wien, immer mit Einschränkungen. Und er lehrte seine Liebe zu Gustav Mahler auch die Philharmoniker.

Gezeigt werden Bilder „Bernstein mit Trachtenjacke, Bernstein mit Wetterfleck“ (den ihn Kanzler Vranitzky geschenkt hatte), er trug diese „als Therapie gegen deutschen Nationalismus“. Ganz nachvollziehen kann ich das eigentlich nicht. Viele Photos kann man sehen, Briefe, Telegramme (wirklich nostalgisch für mich, Telegramme anzusehen!) gewechselt mit Kreisky, mit Kardinal König, mit Bürgermeister Zilk, mit Marcel Pravy, mit Heinz Fischer-Karwin.  Auch das Gästebuch von Franz Endler, mit einem Bild Bernsteins in dessen Wohnung kann man bewundern. Teilweise kann man Gespräche hören, aber die Technik in der Ausstellung funktioniert nicht immer ganz. Bernstein hatte viele Fans, die meisten davon liebten ihn und z.B. Renate Wunderer, damals Molden Verlag, schenkte ihm von ihrer Mutter selbstgebackenen Vanillekipferl.

Die Ausstellung über Teddy Kollek, den Wiener Bürgermeister von Jerusalem, werde ich mir jedenfalls dort noch anschauen.

Und weil wir schon einmal da waren, schauten wir uns noch die permanente Ausstellung „das jüdische Wien im Mittelalter“ an. Tief geht’s hinunter, man steht vor den Mauerresten der alten Synagoge, die schon damals Zentrum jüdischen Lebens war. Groß war diese Synagoge, man sieht noch die Reste des Sockels des Thoraschreins, auch die Bima, von hier wurde die Thora verlesen,  kann man erkennen. Aber eigentlich sehen diese Mauern hier gar nicht so anders aus, als die Mauerreste in Lorch, nur durch das Wissen, was hier gestanden ist, bekommen sie ihre Bedeutung. Im Mittealter war Wien Heimat einer blühenden jüdischen Gemeinde, die zu den größten und bedeutendsten in Mitteleuropa zählte. Wien wurde durch hier lehrende Rabbiner zu einem Zentrum jüdischen Wissens. Ein Panorama von Wien damals zeigt die Lage und Größe dieser jüdischen „Stadt in der Stadt“. All das wurde 1420/21 beendet: Als Wiener Gesera wird die planmäßige Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Herzogtum Österreich im Jahr 1421 auf Befehl Herzog Albrechts V., des späteren Römisch-deutschen Königs Albrecht II., durch Zwangstaufe, Vertreibung und Hinrichtung durch Verbrennen bezeichnet. Der Name leitet sich von einer „Wiener Gesera“ genannten jüdischen Schrift her und wird auch für die darin beschriebenen Ereignisse verwendet. Noch im 13. und 14. Jahrhundert hatten die Juden in Österreich – verglichen mit anderen Gegenden – weit reichenden Schutz und Sicherheit genossen, obwohl es auch hier gelegentlich zu Verfolgungen gekommen war (beispielsweise 1338 wegen eines angeblichen Hostienfrevels in Pulkau). In zahlreichen Orten des Herzogtums Österreich (das im Wesentlichen dem heutigen Nieder- und Oberösterreich entspricht) hatte es wohlhabende jüdische Gemeinden gegeben, die bedeutendsten waren in Wien, Krems und Wiener Neustadt, das allerdings damals politisch zum Herzogtum Steiermark zählte. Die Straßennamen Judenplatz und Schulhof (Schul = Synagoge) im 1. Wiener Gemeindebezirk erinnern daran, dass sich dort der jüdische Stadtteil befunden hat. Von dem in Zünften streng organisierten Handwerk waren die Juden ausgeschlossen; ihr wichtigster Erwerbszweig war der Geldverleih und der Handel.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lage der Juden in Österreich. Ein einschneidendes Ereignis war der Brand im Wiener Judenviertel, der am 5. November 1406 in der Synagoge ausbrach. Die Brandursache ist unbekannt, es kam jedoch verbreitet zu Plünderungen und Ausschreitungen gegen die Juden, wohl auch wegen des Verlustes von verpfändeten Wertsachen. Der Wohlstand und die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Gemeinde wurden durch den Brand stark beeinträchtigt.

1411 wurde der vierzehnjährige Albrecht für großjährig erklärt; in der Folge belegte der stets an Geldmangel leidende Herzog die jüdischen Gemeinden mit immer neuen Steuern. Seit Sommer 1419 verwüsteten die Hussitenkriege das Königreich Böhmen. Auch das benachbarte Österreich wurde in Mitleidenschaft gezogen: Hussitische Streifscharen durchzogen auch das nördliche Niederösterreich und kamen bis Krems. In etlichen Dokumenten werden nun die Juden der Kollaboration mit den Hussiten beschuldigt. Es wurde der Vorwurf des Waffenhandels erhoben, ebenso der Vorwurf des Ritualmordes, vor allem an christlichen Kindern, wurde im Mittelalter und der Neuzeit immer wieder gegen Juden erhoben. Auch die Ereignisse von 1421 werden in etlichen Berichten mit Ritualmordanklagen in Verbindung gebracht.  Der Vorwurf der Hostienschändung diente im Mittelalter und in der Neuzeit immer wieder als Begründung und Vorwand für Judenverfolgungen. Am 23. Mai 1420 wurden auf Befehl Herzog Albrechts alle Juden in ganz Österreich gefangen genommen. Nach etwa einem Monat wurden die mittellosen Juden des Landes verwiesen und in Schiffen die Donau hinuntergetrieben, während die Begüterten weiter in Haft blieben. Es gibt zahlreiche Berichte von Misshandlungen und Folterungen, teils um die Juden zur Annahme der Taufe zu „überreden“, teils um Aussagen über versteckte Wertgegenstände zu erpressen. Für Kinder unter 15 Jahren wurde die Zwangstaufe angeordnet. 1421 wurde das Dekret Herzog Albrechts verkündet, das die Juden zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung der verbleibenden Wiener Juden, 92 Männer und 120 Frauen, fand am selben Tag auf der Gänseweide in Erdberg statt.

Wieder aus den Tiefen des Jüdischen Museums heraufgestiegen, blickten wir uns auf dem wunderschönen Judenplatz um.  Direkt über der alten Synagoge steht das Holocaust Mahnmal, es wurde   am 25. Oktober 2000, also einen Tag vor dem österreichischen Nationalfeiertag, enthüllt.

Wir waren hungrig geworden, die Feinkosterei (ehemals das wohlbekannte Wirtshaus „zum Scherer“) im Haus „Zur kleinen Dreifaltigkeit“, bot sich an, das kleine Beuscherl mit Knöderln war ganz hervorragend.

Und jetzt versuchte auch noch die Sonne immer erfolgreicher den herbstlichen Nebel zu zerreißen.

Gedenken an Leonard Bernstein und die Wiener Gesera

Viel Zeitgeschichte auf einmal?

Gestern – ich habe darüber berichtet (Das Elend von 1918/1919) – war ich in der hervorragenden Ausstellung „Die erkämpfte Republik“. Abends habe ich mir im Fernsehen (ORF III) „auf den Spuren der Republik“ angeschaut. Dabei präsentiert Altbundespräsident Heinz Fischer die Geschichte der Ersten und Zweiten Republik, als Vorsitzender des Beirats für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018. Gestern lief der erste Teil, heute abends (27.10.2018) werden dann der dritte und der vierte Teil gezeigt (ich werde sie mir sicher ansehen). Und heute früh hörte ich im Radio ö1 die Sendung: Hörbilder, in Memoriam Rudolf Gelbard.

Das war für mich etwas viel Zeitgeschichte auf einmal, besonders weil mir zu diesem Thema mein leider im Juni verstorbener Ehemann als Gesprächspartner bitter fehlt.

Zu den „Spuren der Republik“: Die Reihe begann mit dem Schicksalsjahr 1918, als mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Habsburger Monarchie der Grundstein für die Erste Republik gelegt wurde. In den folgenden 100 Jahren durchlebte Österreich bedeutende Höhepunkte und schwere Krisen – von der Machtübernahme des NS-Regimes zur Geburtsstunde der Zweiten Republik, über die Zeit der Wirtschaftswunderjahre, (das war bisher zu sehen) die 1968er Revolution bis zum EU-Beitritt und jenen Jahren mit unterschiedlichen Koalitionsregierungen, die die Republik prägten.

Für mich war diese Präsentation ein so genanntes „Déjà-vu“ Erlebnis, da ich fast alles, das da gezeigt wurde, bereits in den Dokumentationen von Hugo Portisch gesehen habe. Ich habe auch nicht den Eindruck gehabt, dass da neues Material verwendet wurde. Neu war nur, dass Heinz Fischer diese Darstellungen begleitete und kommentierte und dass Miguel Herz-Kestranek die erläuternden Texte sprach. Ich bin halt schon alt, habe vieles selbst erlebt, viel darüber gelesen und viele Dokumentationen gesehen. Wahrscheinlich ist es richtig, die Geschichte für Junge anders aufzubereiten, wahrscheinlich ist es auch richtig, diese Darstellung von einem ehemaligen Bundespräsidenten – der ja nicht parteigebunden agieren soll – erstellen zu lassen, besonders weil eben jener Bundespräsident als Vorsitzender des Beirats für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 bestellt worden war.

Dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es besonders die linke Sicht war, die hier zum Ausdruck gekommen ist.

Zur Sendung in Memoriam Rudolf Gelbard. Dazu ist vielleicht vorauszuschicken, dass ich eine etwas gestörte Beziehung zu Rudi Gelbard hatte.   2008 wurde eines meiner Bücher veröffentlicht: „Wessen Heiliges Land? Christan im Israel-Palästina-Konflikt“. Nun man kann viele Bücher gut oder schlecht finden, aber bei einer Präsentation dieses Buches vor der Österreichisch-israelischen Gesellschaft wurde das Buch förmlich in der Luft zerrissen. Und der Moderator dieser Veranstaltung war Rudi Gelbard. Er hat nur negative Kommentatoren zugelassen, von denen ich doch einige hätte entkräften können. Ich hätte gerne über die möglichen Lösungen für diesen Konflikt gesprochen (z.B. ein bzw. zwei Staatenlösung) aber der Moderator beschränkte sich darauf, seine Erlebnisse aus dem KZ Theresienstadt darzustellen. Ich habe nachher die Lebensgeschichte Rudi Gelbards gelesen und etwas mehr Verständnis für sein Verhalten aufbringen können.  Wir haben einander öfter bei verschiedenen Anlässen gesehen und gesprochen und haben letztlich ein friedliches Verhältnis zueinander entwickeln können. Auch aus diesem Grund hat mich sein Tod betroffen gemacht.

Auch er war der so genannten „linken Seite“ Österreich zuzurechnen. Bei der Darstellung seines Lebens in dieser Radiosendung ist das klar zum Ausdruck gekommen. Es war die Rede von der  vorauseilenden Bereitschaft der Österreicher, der fehlende Widerstand an den Grenzen, die offenbar minutiöse Planung und die Verhaftung von mehr als 50.000 Menschen in Wien aus ihren Wohnungen bereits in der Nacht vor dem großen Jubel am Heldenplatz. Regelmäßig ist Rudolf Gelbard noch Jahre und Jahrzehnte nach dem Krieg neuen Zusammenrottungen von ehemaligen Ariseuren und Neonazis entgegengetreten. Und regelmäßig konnte er die Veröffentlichung verfälschender Geschichtsschreibung verhindern.  Gelbard war langjähriger Funktionär im Bund Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer/innen und engagierter Antifaschist. 1996 wurde er in den Bundesvorstand der Freiheitskämpfe/innen gewählt und gehörte diesem bis zu seinem Tode an.

Sein Ausspruch anlässlich einer Auseinandersetzung mit den „Rechten“, „sie hätten uns durch Kanalgitter gequetscht“ hat mich sehr zum Lachen gebracht. In der Sendung kam auch der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer zu Wort, der ein Freund des grade Verstorbenen war und ihm auch den Professorentitel aufgrund dessen Belesenheit verliehen hat. Auch mit Karl Blecha hat ihn einiges verbunden.

Morgen, am 28.10,2018 wird auch in der Sendung „Menschenbilder“ auf oe1 noch einmal des Verstorbenen gedacht.

Aufgrund aller dieser „Informationen“ habe ich wieder einmal über die politische Definition „Rechts-Links“ nachzudenken begonnen. Stimmt sie parteipolitisch noch? Was ist „linkes“ Gedankengut – was ist „rechtes Gedankengut“? Was sind die Zukunftsvisionen der beiden Lager?  Was haben sie gemeinsam, was trennt sie?  Derzeit scheinen sie einander recht unversöhnlich gegenüber zu stehen.

Damit möchte ich mich dann nach den für morgen geplanten Sendungen auseinandersetzen – wer dazu eine Meinung hat: für Anregungen wäre ich recht dankbar, denn nur mit mir selbst diskutieren scheint mir nicht so fruchtbar?

 

 

 

Viel Zeitgeschichte auf einmal?

Das Elend von 1918/1919 – „Die erkämpfte Republik“ im Wien Museum

Gestern am Nachmittag wollte ich eigentlich in einen Park fahren, z.B. Schönbrunn oder in den Pötzleinsdorfer Schlosspark. Es ist noch herbstlich warm, es weht kein Sturm und die Sonne scheint noch, wenn auch durch Gewölk. Es ist eigentlich noch keine Zeit für „in-doors“. Aber – knapp vor vier Uhr – fand ich, dass es dazu zu bald dunkel würde, weil ich ja in beiden Fällen mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin- und rurückfahren muss.

Also: etwas anderes. In Frage kam, „Verhüllt, enthüllt“, im Weltmuseum. Aber dann entschied ich doch für die „erkämpfte Republik“, 1918/1919 im Wien Museum am Karlsplatz. Der Grund dafür war, dass heute, Freitag, der 26. Oktober doch unser Nationalfeiertag ist. Nur kurz zur Erinnerung: Der Nationalfeiertag in Österreich existiert in seiner heutigen Form seit 1965. Gefeiert wird er jedes Jahr am 26. Oktober. Zuvor gab es von 1919 bis 1933 den 12. November als Nationalfeiertag zum Gedenken an die Entstehung der ersten österreichischen Republik. Danach wechselte das Datum von 1934 bis 1945 auf den 1. Mai auf das Proklamationsdatum der Verfassung des Ständestaates.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Österreich zunächst bis 1955 unter Besatzungsrecht. In dieser Zeit gab es keinen Nationalfeiertag. Durch den Österreichischen Staatsvertrag erlangte Österreich schließlich im Juli 1955 seine volle Souveränität zurück. Damit war jedoch eine 90 Tage Frist für den Abzug der Alliierten Besatzungstruppen verbunden. Diese Frist endete am 25. Oktober 1955. Um die Neutralität Österreichs und nicht den Truppenabzug zu unterstreichen, wurde das Datum 1956 auf den 26. Oktober verschoben, weil an diesem Tag der Neutralitätsbeschluss des Bundesverfassungsgesetzes in Kraft trat. An diesem Tag sollte jedes Jahr die österreichische Flagge gehisst werden, wodurch auch der Begriff „Tag der Fahne“ entstand.

1965 wurde der „Tag der Fahne“ am 26. Oktober in den Nationalfeiertag Österreich umgewandelt. Zwei weitere Jahre später wurde dieser Feiertag mit allen anderen Feiertagen in Österreich auf eine Stufe gestellt. Seitdem ist der 26. Oktober ein arbeitsfreier Tag in ganz Österreich und es gilt überall die Feiertagsruhe.

Die Neutralität ist seit ihrer Beschlussfassung am 26. Oktober 1955 ein grundlegendes Element in der österreichischen Außenpolitik. Sie wurde allerdings durch den EU-Beitritt am 1. Jänner 1995 und durch weitere seither beschlossene neue Verfassungsbestimmungen de facto eingeengt.

Anfänglich konnten die Österreicher mit ihrem Nationalfeiertag nicht viel anfangen, es wurden Fitness-Märsche propagiert. Inzwischen hat sich ein Ritual entwickelt. Der 26.10 wurde zum „Tag der offenen Tür“ in öffentlichen Einrichtungen, und das Militär veranstaltet seit 1995 alle zehn Jahre eine Parade auf der Wiener Ringstraße und begeht diesen Jahrestag mit Angelobungen und einer Leistungsschau. An verschiedenen Stellen der Stadt werden Geräte des Heeres aufgestellt, dass Wien für Fremde fast wie eine Stadt vor der Ausrufung eines großen Krieges ausschaut.

Mit meinem Mann bin ich meist zu Angelobung auf den Heldenplatz gegangen und wir haben die Gerätschaften des Heers interessiert betrachtet. Das habe ich – trotz schönem Wetter – mir heute nicht gegönnt.

Dafür war ich gestern in der Ausstellung „Die erkämpfte Republik“. Es wird ein Jahr der österreichischen Geschichte beginnend vom November 1918 bis Ende des Jahres 1919 in Photographien gezeigt. Vieles hat man schon gesehen, da gab es die hervorragenden TV-Dokumentationen von Hugo Portisch über diese Zeit. Aber die Bilder dieser Ausstellung bereiten das Geschehen damals drastisch auf, man spürt förmlich die Stimmung von damals.

Die Menschen waren zwar froh, dass dieser schreckliche Krieg endlich vorbei war, aber das Land, in das die heimehrenden Truppen – in Züge gepfercht, auf den Zügen sitzend – zurückgekommen waren, war hungrig, verarmt und heruntergekommen. Viele beschuldigten dafür das Haus Habsburg. Das Kaiserreich war zerfallen, der Kaiser musste abdanken, seine Besitzungen wurden eingezogen, er musste mit seiner Familie das Land verlassen. In Schönbrunn wurden „Proletarierkinder“, ja so nannte man diese, die zumeist Waisen waren, einquartiert Auf einem Photo kann man sie sehen, ihr Aussehen erinnert an die Kinder im heutigen Jemen! Wien hungerte, es gab monatelang kein Mehl, es gab kein Brennholz, die frierenden, hungernden Menschen holzten Teile des Wienerwaldes ab. Sie waren krank, die Spanische Grippe hate sich ausgebreitet, der viele aufgrund ihrer Schwäche zum Opfer fielen.

Am 21. Oktober 1918 traten im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrats als Provisorische Nationalversammlung zusammen. Am 12. November wurde die Republik ausgerufen.  nicht ohne Pannen, aus den rot-weiß-roten Fahnen war der Mittelteil, das Weiß, von den Kommunisten herausgerissen worden, so wurden rote Fahnen vor dem Parlament gehisst.

Viele marschierten auch für mehr Rechte, Arbeit gab es ja auch keine, für die vielen Rückkehrer aus dem Krieg.   Man „erkämpfte“ z.B. den 8-Stunden Tag, die Abschaffung der Zensur. Auch das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, es gab weibliche Vertreterinnen im Parlament – wenn auch wenige. Aber es gab auch einen Marsch der Kriegsversehrten, der mich sehr berührte.

Es war das tägliche Leben, das abgesehen von den erreichten und noch nicht erreichten Rechten, so schwierig war, man musste sich für alles „anstellen“ sei es um Brot oder aber um das Heimkehrergeld. Und Nachdem es ein ganz klein wenig aufwärts gegangen war, kam die nächste Enttäuschung, das Diktat von St. Germain. Die ungeheure „Kriegsschuld“, der Verlust von weiteren Territorien, und der so von allen herbeigesehnte Anschluss an Deutschland – war von den Alliierten verboten worden. Dabei halfen auch die Nahrungsmitteltransporte aus der Schweiz, aus Schweden, aus den USA  nicht ausreichend. Man musste die Kinder fortschicken, damit sich diese anessen konnten, nach England, nach Dänemark …. Vieles Trauriges aus dieser Zeit kann man aus diesen Photographien erkennen.

Und wir Heutigen sollten unendlich dankbar sein, für unser gutes Leben. Wir sollten es als solches erkennen, uns dafür einsetzen, damit es nicht noch einmal so kommen kann.

 

 

Das Elend von 1918/1919 – „Die erkämpfte Republik“ im Wien Museum

Byzanz und der Westen – 1000 vergessene Jahre: Ein Erlebnis

Von dieser Ausstellung „Byzanz und der Westen, 1000 vergessenen Jahre“ war ich sehr angetan. Die ausgezeichnete Führerin fragte die Teilnehmer, wieviel sie von Byzanz in ihrer Schulzeit gehört hätten, und es war nur ein Teilnehmer, der meinte, „ein wenig“. Man sollte meinen, dass mein Enkel (17 Jahre alt, achte Klasse Gymnasium) vielleicht mehr darüber gelernt hat, mitnichten!

Neulich, im Radio (oe1) habe ich im Rahmen einer Jazzsendung unerwarteter Weise einen Schlager, gesungen von Caterina Valente aus meiner grauen Vorzeit gehört: „Istanbul not  Constantinople“. Diese wunderbare Stadt hat mindestens drei Namen: Byzantion war eine um 660 v. Chr. am südwestlichen Ausgang des Bosporus gegründete Koloniestadt dorischer Griechen aus Megara, Argos und Korinth. Byzantium wurde unter römischer Herrschaft zu einer mittelmäßig wichtigen Stadt in der römischen Provinz Thracia. Byzantion von 326 bis 330 von Kaiser Konstantin I. zur neuen Hauptstadt des Römischen Reiches ausgebaut und in der Folgezeit Konstantinopel genannt. Nach der Eroberung der Stadt und des nach ihr benannten Byzantinischen Reichs durch die Türken war sie von 1453 bis 1923 die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, aus der das heutige Istanbul hervorging.

Aber in dieser Ausstellung geht es nicht um die Stadt Byzanz, sondern um das Byzantinische Reich, uns oft besser bekannt als oströmisches Reich. Und selbst um dieses geht es nur zum Teil, denn es geht um die Beziehungsgeschichte zwischen dem byzantinischen Reich und dem „Westen“, denn wer sich auf der Schallaburg über Byzanz hätte informieren wollen, hätte dies 2012 tun müssen. Da lief die Ausstellung „Das goldene Byzanz und der Orient“.

Die Ausstellung beginnt mit der Teilung von West- und Ostrom und geht bis zum Fall Konstantinopels (1453). Unter der sogenannten Reichsteilung von 395 n. Chr. versteht man die nach dem Tod von Theodosius I. erfolgte Teilung des Imperium Romanum in eine westliche und eine östliche Hälfte, in der jeweils ein Kaiser residierte. West- und Ostrom waren im 5. Jahrhundert allerdings nicht etwa zwei voneinander unabhängige Reiche, sondern bildeten nach damaligem Verständnis weiterhin gemeinsam das unteilbare Imperium Romanum. So gab es weiterhin auch nur ein einziges römisches Bürgerrecht (civitas Romana). Latein war zwar anfänglich die gemeinsame Sprache, aber im Osten setzt sich Griechisch immer stärker durch und verdrängt letztlich die frühere gemeinsame Sprache. Auch das führte zu Missverständnissen.

476 endet das weströmische Reich mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustus, den seine Gegner „Augustulus“ (Kaiserlein) nannten, durch den germanischen Heerführer Odoaker. Dieser wurde zum König von Italien ernannt und stellte Italien unter die Oberherrschaft des Kaisers von Ostrom. Damit war vorerst die hierarchische Stellung Ostroms eindeutig. Das sollte aber nicht so bleiben.

Aber man reist – aus verschiedenen Gründen: da sind jene, die sich als Söldner des einen oder anderen verdingen. Oft kehren sie nicht zurück, sondern siedeln sich auch im attraktiven Osten an.  Schon damals pilgert man ins Heilige Land, das ja damals noch Teil des Byzantinischen Reiches war.  Und der Handel blühte!  Der Osten weckt Begehrlichkeiten, denn nur dort gibt es z.B. Seide. Bekanntlich war es ja verboten Seidenraupen zu exportieren (nebstbei hätte man dann im Westen auch die entsprechenden Maulbeerbäume benötigt). Und Seide war im Westen sehr begehrt. Sie wurde nicht verkauft, sondern sie wurde nur verschenkt!  Die ausgestellten Seidenstoffe waren wunderbar fein gewebt mit komplizierten Mustern versehen. Auch noch anderes war im Westen rar: Reliquien. Die Kaiserin Helena (Mutter von Konstantin) hatte im Heiligen Land die drei Kreuze gefunden, auf denen Jesus und die beiden Mitangeklagten gekreuzigt worden waren. Kreuzsplitter wurden in wunderbaren, reich verzierten Behältern bewahrt und ausgestellt. Ein Drittes war „ein rares Statussymbol“ im Westen: eine byzantinische Prinzessin.   Auch die österreichischen Babenberger können byzantinische Prinzessinnen aufweisen: Theodora Komnena, Prinzessin von Byzanz, Herzogin von Österreich (* um 1134 in Konstantinopel; † 2. Jänner 1184 in Wien), wurde durch ihre Ehe mit Heinrich II. Jasomirgott von Österreich aus dem Haus der so genannten Babenberger, Markgräfin von Österreich (1149–1156), Herzogin von Bayern (1149–1156) und erste Herzogin von Österreich (1156–1177) und Theodora Angela Prinzessin von Byzanz, Herzogin von Österreich (* zwischen 1180 und 1185, † 22./23. Juni 1246 in Kahlenberg) war als Gemahlin von Leopold VI. dem Glorreichen von Österreich Herzogin von Österreich und Steiermark, wurde als Witwe Zisterzienserin im Stift Lilienfeld. Diese und andere Prinzessinnen kamen mit großem Hofstaat, mit all dem Geschmeide und Seidenkleidern, die im Osten üblich (standesgemäß) waren.

Aber im Westen steht die Zeit nicht still, nach dem Ende der großen Völkerwanderung blieben die Franken als Großmacht übrig. Und dort kam es zur Entwicklung eines neuen Kaisertums, das in Karl dem Großen gipfelte. Nun gab es doch eine Konkurrenzsituation, aber Kaiser Karl ließ sich vom Papst krönen. Ab dann ist es mit der Oberhoheit von Byzanz vorbei. Das bedeutet aber nicht, dass der Westen den prunkvollen Osten nicht bewundert, aber nun importiert man die Güter nicht mehr von dort, sondern man versucht deren Stil nachzuahmen.

Der byzantinische Bilderstreit war eine Zeit der leidenschaftlichen theologischen Debatte in der orthodox-katholischen Kirche und dem byzantinischen Kaiserhaus während des 8. und 9. Jahrhunderts, in der es um den richtigen Gebrauch und die Verehrung von Ikonen ging, die hier auch ausgestellt sind. .

Es kam auch zur Kirchenspaltung, zum morgenländischen Schisma, der ersten großen Spaltung der Christenheit. Ihre Auswirkungen reichen tief: nicht nur religiös, sondern auch politisch hat der Gegensatz zwischen Rom und Byzanz Europa bis heute geprägt. Differenzen hatte es schon lange vor 1054 gegeben, insbesondere zwischen dem Papst und dem Patriarchen von Konstantinopel war es immer wieder zu Spannungen gekommen. Theologisch spielte dabei besonders die so genannte Filioque-Kontroverse eine Rolle. Hintergrund war ein 589 im Westen eingeführter Zusatz zum Glaubensbekenntnis, demzufolge der Heilige Geist nicht nur aus dem Vater, sondern auch aus dem Sohn („filioque“) hervorgeht. Am konfliktträchtigsten waren aber die politischen Spannungen wer war authentischer Nachfolger: Kaiser und Papst oder Kaiser und Patriarch.  Nun exkommunizierte man einander. Zudem beanspruchte Konstantinopel einige Territorien in Italien. Vor allem das Gebiet um Ravenna, aber auch Teile Unteritaliens gehörten zu seinem Einflussbereich. Als die Normannen begannen, die Gebiete zu erobern, veränderte sich das Kräftegleichgewicht. Aber diese Normannen passen Herrschaft und Verwaltung den Gewohnheiten ihrer Untertanen an. Das führt zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte.

Nun kommt es auch zu den Kreuzzügen. Der Erste Kreuzzug war ein christlicher Kriegszug zur Eroberung Palästinas, zu dem Papst Urban II. im Jahre 1095 aufgerufen hatte. Sein ursprüngliches Ziel war die Unterstützung des Byzantinischen Reiches gegen die Seldschuken. Der Kreuzzug begann 1096 zum einen als bewaffnete Pilgerfahrt von Laien, zum anderen als Zug mehrerer Ritterheere aus Frankreich, Deutschland und Sizilien und endete 1099 mit der Einnahme Jerusalems durch ein Kreuzritterheer. Nun wurden auch eigene christliche Reiche in jenem Territorium gegründet, von dem die Byzantiner erwartet hatten, dass es ihnen zurückerstattet wird. Und es folgen weitere Kreuzzüge. Am schlimmsten wirkte sich jener auf diese Ost-West- Beziehungen aus, indem Konstantinopel von einem Kreuzfahrerheer (französische und venezianische Ritter) angegriffen, geplündert und angezündet wird. Byzanz wird nun (kurzfristig) katholisch.

Aber 1261erobern die Byzantiner Konstantinopel zurück. Doch schon bedrohen die Osmanen diese ohnedies schon klein gewordene Reich. 1453 ist es soweit, Konstantinopel fällt an die Osmanen.

Diese gesamte komplizierte Geschichte wird durch atemberaubende Objekte – von hie und da, die auch ausgetauscht wurden, untermalt. Diese Objekte wurden aus aller Welt zusammengestellt. Diese Ausstellung erfolgte in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Sie ist auch die wertvollste Ausstellung, die je auf der Schallaburg zu sehen war. Einzigartige Exponate aus namhaften Sammlungen wie dem Pariser Musée du Louvre, Schatzkammer von San Marco, Israel Museum in Jerusalem verschiedenen Klöstern, der österreichischen Nationalbibliothek sind zu sehen.

Ich war ehrlich begeistert!

Byzanz und der Westen – 1000 vergessene Jahre: Ein Erlebnis