Schöne neue Zeit?

Wie viel sich verändert, merkt man erst, wenn man (im Alter) drüber nachdenkt, wie es früher war. Heute möchte ich nicht auf das sattsam bekannte Smartphone oder das überall verfügbare Internet hinweisen, auch nicht darauf, auf wie vieles früher besser war (auch nicht alles), sondern nur zwei Aspekte herausgreifen. (Über Beides habe ich heute in der Zeitung gelesen).

Wie sehr hat sich die Einstellung zu Tattoos geändert! In meiner Kindheit und Jugend galt, dass so etwas nur „ordinäre“ Menschen zeigten. Heutzutage gilt es als Selbstverständlichkeit, z.T. in großflächiger oder auch in kleinem Format. Bunt oder einfärbig, erscheinen Gesichter, Blumen, Bäumen, Landschaften etc. Mir gefällt es nach wie vor nicht, vielleicht mit Ausnahme von kleinen Texten oder Motiven.  Manchmal denk‘ ich mir halt, wie das alles wohl aussehen wird, wenn diese tätowierten Menschen älter werden, entweder an Gewicht zunehmen, was doch dann diese Motive stark verzerren wird, oder einfach nur alt, mit schrumpeliger Haut?

Der zweite Trend, der mich aber etwas erschreckt: ein Mieter von „Wiener Wohnen“ hat sich beschwert, dass sein Name über seiner Klingel am Haustor aufscheint, und hat die neue Datenschutzverordnung als Grund genannt. Prompt werden alle Namenstaferln über den Klingeln an den Haustüren geändert. Jetzt steht dort nicht mehr Müller oder Mayer, sondern Top (was heißt das übrigens? Angeblich umgangssprachlich für Topos, griechisch Ort) 17 oder Top 32. Und: man kann es als Gemeindebaubewohner nicht verhindern! Wenn man weiterhin seinen Namen dort stehen haben will, kann man eigenhändig das “Top 17“ überkleben. Das gilt auch für Postkasteln. Ob das dann auch für Ärzte gilt, deren Name nicht mehr aufscheint, weiß ich nicht. Auch auf der Wohnungstür selbst kann man das Namensschild abmontieren. Nur 17 oder 32 sollte dann (hoffentlich gutsichtbar) erscheinen. Was das nun für Postboten oder sonstige Zusteller (ja selbst Pizzaboten) heißt, wird sich erst zeigen. Ob Firmen oder sonstige Freiberuflich Tätige diese Namensentfernung mitmachen werden, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich will jedenfalls nicht zu einem namenlosen Rechtsanwalt gehen.

Auch in Ordinationen oder Ambulanzen soll man nicht mehr mit Namen aufgerufen werden, sondern überall, wo man „öffentlich“ warten muss, soll man eine Nummer aus einem Apparat ziehen und diese wird dann aufgerufen oder erscheint auf einem Display. Auch soll man von niemanden – im öffentlichen Raum z.B. Kaffeehaus, Restaurant, Bäcker, Fleischhauer – mit Namen angesprochen werden. Begrüßung ohne Namen könnte zwar jenen helfen, die ein schlechtes Namensgedächtnis haben, aber höflich empfinde ich das gar nicht.

Vielleicht hat sich der Gesetzgeber überlegt (wenn man Derartiges bei diesem Gesetz überhaupt überlegt hat, was ich langsam zu bezweifeln beginne), dass man verstärkt die Vornamen oder Initialen benützen könnte? Wie viele Martinas, Olivers oder Brigittes könnten sich dann bei dem Aufruf in einem öffentlichen Amt, wo vielleicht 50 – 70 Personen warten, aufstehen? Und die Initialen – man versteht doch den Namen schon reichlich schlecht, wenn er durch eine Sprechanlage – vielleicht falsch betont- gerufen wird, dann stell ich mir den Pallawatsch erst bei Initialen vor. Wenn die Lautsprecheranlage nicht perfekt ist, wer kann dann z.B. noch F und S auseinanderhalten!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ernst gemeint sein soll. Unsere Namen haben Generationen von Altvorderen getragen. Selbst Namen, die leicht verspottet werden können, werden von den Inhabern nicht abgelegt, sondern weitergeben und behalten. Und das häufiger werdende Auftreten von Doppelnamen (nicht nur von Frauen) zeigt doch, dass wir auch an unserem früheren Namen erkannt werden wollen, selbst wenn wir ihn für den des Partners eingetauscht haben.

Welche Kennzeichnung soll denn in Zukunft verwendet werden? Eine Bürgernummer, die erst ausgegeben werden muss und weltweit einzigartig sein müsste – mit Länderkennzeichen vorne? Intern könnte man ja die Versicherungsnummer verwenden, über die ja jeder in unserem Lande verfügt.

Außerdem gibt es dann ein noch größeres Ungleichgewicht zwischen Staat und Bürger: Der Staat, aber auch große Firmen haben die Möglichkeit Gesichtserkennungssoftware bei allen Überwachungskameras (und deren gibt es auch bei uns viele, vielleicht nicht so viele wie in Großbritannien) einsetzen. Der Staat kann uns immer und überall verfolgen und wir untereinander müssen auf den Namen verzichten!

Jetzt hat die Datenschutzverordnung schon sehr viel bürokratischen Aufwand verursacht. Firmen aber auch zivile Organisationen haben einen Riesenaufwand betreiben müssen, um sich an diese Regeln zu halten. Jeder von uns hat ziemlich viele Mails erhalten, die ihn darauf aufmerksam gemacht haben, wo überall sein/ihr Name, Adresse, Geburtsdatum gespeichert sind. Selbst staatliche Stellen (Steuerbehörde) bekommt von Firmen keine Unterlagen mehr – die darf nur der Betroffene selbst anfordern. Und per Mail dürfen sie ihm auch nicht mehr zugeschickt werden, sondern er oder sie müssen die Unterlagen persönlich abholen oder sie werden in eine nur der Firma und dem Betroffenen zugänglich gemacht Domäne gestellt, und sie können nur mit Zugangscode abgeholt werden. Mir scheint es manchmal so, als ob diese Datenschutzverordnung von manchen Firmen, Personen oder Institutionen auch zuweilen dazu verwendet wird, um Antragsteller abzuwimmeln. Denn kaum beantrage ich z.B. eine Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr, ein Abonnement, muss ich selbstverständlich Namen, Adresse, Geburtsdatum etc., etc. bekanntgeben.

Da herrscht jetzt eine unvertretbare Diskrepanz! Bitte lieber Gesetzgeber in Österreich (und in der EU), schaut Euch doch noch einmal diese Datenschutzverordnung an und beseitigt diese üblen Auswirkungen.

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Schöne neue Zeit?

5 Gedanken zu “Schöne neue Zeit?

  1. Die DSGVO muss sicher überarbeitet werden. Das Datenschutzgesetz aus 1978 habe ich noch verstanden und in verschiedenen Funktionen (EDV-Unternehmer, Schulleiter) beachtet. Übrigens: jemand, der seinen Namen nicht am Klingelschild stehen haben will, sollte vielleicht in einer Hütte im Wald wohnen.

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