Wo trifft man eine römische Legion und zwei christliche Heilige an?

Gestern zeigte sich in Wien in der Früh wie so ein Herbsttag aussehen kann, es war grau, es hat genieselt – eigentlich war es „Nebelreißen“. Eigentlich ein Tag um zu Hause bleiben?

Weit gefehlt: wir machten uns auf den Weg zur Legio II Italica pia fidelis, stationiert an der Donau aber auch zu Severin und Florian. Wo trifft man all dies an? In der oberösterreichischen Landesausstellung in Lorch/Enns. (nur mehr bis 6. November geöffnet)

Oft bin ich schon über die Westautobahn gefahren, aber immer wieder bin ich fast erstaunt, wie schnell man aus der Stadt in diesen prachtvollen Wienerwald kommt, der selbst im Nieselregen seine leuchtenden Herbstfarben zeigt. Nicht lang bleibt das Wetter trüb, je weiter wir in den Westen kommen, desto weniger Tropfen fallen, und schon bei Melk (auch immer wieder: welch wunderbarer Anblick) sieht man das erste Blau am Himmel.

Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, als wir z.B. an St. Valentin vorüberfahren, wo meine Mutter und ich im Dezember 1945 von Wien nach Pregarten „gereist“ sind. Da meine Mutter keine I-Karte hatte, konnten wir nicht offizielle über die Zonengrenze. In St. Valentin trieb meine Mutter einen freundlichen Mann auf, der uns mit einer Zille über die Donau brachte. Vorher schon war mir „Blindenmarkt“ auf der Anzeigetafel aufgefallen, wo ein Zug, der uns eben aus Pregarten im Frühjahr 1945 nach Wien gebracht hat, in Blindenmarkt elend lang gestanden war und nicht weiterfahren konnte, weil die Lokomotive für Truppentransporte der Russen benötigt worden war. Wie anders reist man heute! Bei der Abfahrt nach Enns dachte ich noch an den Schrecken, den die Demarkationslinie, die damals hier verlief, für viele Menschen bedeutete. Willkürlich konnte man aus dem Zug, aus den wenigen Autos die hier passierten geholt werden und „verschwinden“, für manche bedeutete es ein Nimmerwiedersehen, andere kehrten mehr oder minder gebrochen aus der Gefangenschaft zurück.

Aber schon bei der Abfahrt Enns weisen viele Tafeln auf die Landesausstellung hin, schon grüßt der Turm von St.Laurenz. Parkplätze sind vorhanden, wir sind rechtzeitig für die Führung (laut Internetangaben 11, 14 und 16 Uhr – an Sonntagen). Aber heute gibt es Führungen am laufenden Band, die Gruppen dürfen nicht allzu groß sein. Allerdings muss das Ende der Sonntagsmesse abgewartet werden. Ein Friedhof umgibt dies Kirche und Namen, die wir auf Schildern von Firmen gesehen haben, tauchen auf hier auf. Nach der Messe haben sich viele noch zu einem Besuch „ihrer“ Gräber begeben.

Unsere Führerin ist ein ganz junges enthusiastisches Mädchen, das seine Sache sehr gut macht. Die Basilika St. Laurenz erhebt sich über den Mauerresten römischer Vorgängerbauten, die bei archäologischen Grabungen zwischen 1960 und 1966 frei gelegt wurden. Das älteste Bauwerk – ein vornehmes römisches Haus – stammt aus dem 2. Jh. n. Chr. Darüber wurde im 4./5. Jh. eine frühchristliche Kirche erbaut. Es folgten weitere Umbauten und Erweiterungen, bis um 1300 die heute noch bestehende Kirche in gotischem Stil errichtet wurde. Nach Abschluss der archäologischen Forschungen wurde die Kirche 1966–1968 neu eingerichtet und war damit eine der ersten Kirchen im Land, deren Gestaltung bereits vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) geprägt war. Aus organisatorischen Gründen – damit die einzelnen Gruppen nicht einander im Weg stehen –  begeben wir uns zuerst „unter die Kirche“. Hier sieht man sehr gut erhaltenen Mauern des römischen Hauses, samt der – in diesen Breiten – erforderlichen Fußboden- und Wandheizung. Hier gefundene Objekte werden in Vitrinen an den Wänden ausgestellt. Man hat auch antike Grabplatten gefunden, die ganze Familien darstellen. Eine Inschrift, die man angetroffen hat, nennt den Namen des Statthalters, der so einzigartig ist, dass sich seine Lebensgeschichte daraus rekonstruieren ließ. Er war nicht nur hier in Noricum, sondern auch in Parthien und Nordafrika. Wenn man bedenkt, dass Soldaten diese Wege zu Fuß zurücklegen mussten, wenn Legionen verlegt wurden, Offizieren standen wenigstens Pferde dafür zur Verfügung. Stolz zeigt man die Bilder der Berühmtheiten, die hier gewesen sind: Präsident Kirchschläger zum Beispiel, aber besonders auch Papst Johannes Paul II., der hier 1968 eine Messe zelebriert hat.

Zurück hinauf in die wunderschöne, sehr sensible restaurierte gotische Kirche. Man muss bedenken, dass während der Ausgrabungen der Boden der Kirche entfernt werden musste. Ein Teil des Bodens der Kirche war offengelassen worden, damit man die Entwicklung dieses Bauwerks über die Jahrhunderte verfolgen kann. Die Reliquien des Heiligen Florian von Lorch und weiterer Märtyrer, die nicht dem Kaiser als Gott huldigen wollten, sind in einem antiken, heute wieder sichtbaren Steintrog im wuchtigen Hauptaltar der Basilika beigesetzt.

Die Kirche war zu Zeiten von Severin Sitz eines Bistums Lauriacum, selbst Karl der Große ist auf einem Feldzug gegen die Awaren hier durchgekommen und hat drei Tage gefastet. (Wir haben später hier in Lorch aber hervorragend gegessen). Es sind sehr eindrucksvolle Plastiken in der Kirche zu sehen, die insgesamt Ruhe und Erhabenheit ausstrahlt.

Auf einem bemerkenswerten Bronzetor der Kirche sind Szenen aus dem Leben des Heiligen Severin von Noricum abgebildet, er hat für die Bevölkerung das teure aus Rom importierte Olivenöl wunderbar vermehren können.

Wir sind dann ins Museum Lauriacum gegangen – auf einem mit Römerhelmen gekennzeichneten Weg. Die Stadt Enns hat sich wahrscheinlich auch für diesen Zweck „herausgeputzt“, die alten Häuser sind wunderschön restauriert, es ist schon erstaunlich, dass sich der Stil hier durchaus von jenem in Niederösterreich unterscheidet. Dieses Museum ist hervorragend gestaltet, un zeigt eindrucksvoll römisches Leben – sei als Soldat oder als Zivilgesellschaft. Es bietet auch kindgerechte Darstellungen.

Den zweiten Teil dieser Landesausstellung haben wir leider nicht mehr besucht: es wäre noch eine Stunde Fahrzeit in jede Richtung gewesen: Dort im Römerpark Schlögen kann man Ruinen eines römischen Badegebäudes sowie auch Überreste eines Kastell-Tors besichtigen.

Ich kann nur empfehlen, nehmen Sie sich noch die Zeit dieses Landesausstellung zu besichtigen!

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