Das Elend von 1918/1919 – „Die erkämpfte Republik“ im Wien Museum

Gestern am Nachmittag wollte ich eigentlich in einen Park fahren, z.B. Schönbrunn oder in den Pötzleinsdorfer Schlosspark. Es ist noch herbstlich warm, es weht kein Sturm und die Sonne scheint noch, wenn auch durch Gewölk. Es ist eigentlich noch keine Zeit für „in-doors“. Aber – knapp vor vier Uhr – fand ich, dass es dazu zu bald dunkel würde, weil ich ja in beiden Fällen mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin- und rurückfahren muss.

Also: etwas anderes. In Frage kam, „Verhüllt, enthüllt“, im Weltmuseum. Aber dann entschied ich doch für die „erkämpfte Republik“, 1918/1919 im Wien Museum am Karlsplatz. Der Grund dafür war, dass heute, Freitag, der 26. Oktober doch unser Nationalfeiertag ist. Nur kurz zur Erinnerung: Der Nationalfeiertag in Österreich existiert in seiner heutigen Form seit 1965. Gefeiert wird er jedes Jahr am 26. Oktober. Zuvor gab es von 1919 bis 1933 den 12. November als Nationalfeiertag zum Gedenken an die Entstehung der ersten österreichischen Republik. Danach wechselte das Datum von 1934 bis 1945 auf den 1. Mai auf das Proklamationsdatum der Verfassung des Ständestaates.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Österreich zunächst bis 1955 unter Besatzungsrecht. In dieser Zeit gab es keinen Nationalfeiertag. Durch den Österreichischen Staatsvertrag erlangte Österreich schließlich im Juli 1955 seine volle Souveränität zurück. Damit war jedoch eine 90 Tage Frist für den Abzug der Alliierten Besatzungstruppen verbunden. Diese Frist endete am 25. Oktober 1955. Um die Neutralität Österreichs und nicht den Truppenabzug zu unterstreichen, wurde das Datum 1956 auf den 26. Oktober verschoben, weil an diesem Tag der Neutralitätsbeschluss des Bundesverfassungsgesetzes in Kraft trat. An diesem Tag sollte jedes Jahr die österreichische Flagge gehisst werden, wodurch auch der Begriff „Tag der Fahne“ entstand.

1965 wurde der „Tag der Fahne“ am 26. Oktober in den Nationalfeiertag Österreich umgewandelt. Zwei weitere Jahre später wurde dieser Feiertag mit allen anderen Feiertagen in Österreich auf eine Stufe gestellt. Seitdem ist der 26. Oktober ein arbeitsfreier Tag in ganz Österreich und es gilt überall die Feiertagsruhe.

Die Neutralität ist seit ihrer Beschlussfassung am 26. Oktober 1955 ein grundlegendes Element in der österreichischen Außenpolitik. Sie wurde allerdings durch den EU-Beitritt am 1. Jänner 1995 und durch weitere seither beschlossene neue Verfassungsbestimmungen de facto eingeengt.

Anfänglich konnten die Österreicher mit ihrem Nationalfeiertag nicht viel anfangen, es wurden Fitness-Märsche propagiert. Inzwischen hat sich ein Ritual entwickelt. Der 26.10 wurde zum „Tag der offenen Tür“ in öffentlichen Einrichtungen, und das Militär veranstaltet seit 1995 alle zehn Jahre eine Parade auf der Wiener Ringstraße und begeht diesen Jahrestag mit Angelobungen und einer Leistungsschau. An verschiedenen Stellen der Stadt werden Geräte des Heeres aufgestellt, dass Wien für Fremde fast wie eine Stadt vor der Ausrufung eines großen Krieges ausschaut.

Mit meinem Mann bin ich meist zu Angelobung auf den Heldenplatz gegangen und wir haben die Gerätschaften des Heers interessiert betrachtet. Das habe ich – trotz schönem Wetter – mir heute nicht gegönnt.

Dafür war ich gestern in der Ausstellung „Die erkämpfte Republik“. Es wird ein Jahr der österreichischen Geschichte beginnend vom November 1918 bis Ende des Jahres 1919 in Photographien gezeigt. Vieles hat man schon gesehen, da gab es die hervorragenden TV-Dokumentationen von Hugo Portisch über diese Zeit. Aber die Bilder dieser Ausstellung bereiten das Geschehen damals drastisch auf, man spürt förmlich die Stimmung von damals.

Die Menschen waren zwar froh, dass dieser schreckliche Krieg endlich vorbei war, aber das Land, in das die heimehrenden Truppen – in Züge gepfercht, auf den Zügen sitzend – zurückgekommen waren, war hungrig, verarmt und heruntergekommen. Viele beschuldigten dafür das Haus Habsburg. Das Kaiserreich war zerfallen, der Kaiser musste abdanken, seine Besitzungen wurden eingezogen, er musste mit seiner Familie das Land verlassen. In Schönbrunn wurden „Proletarierkinder“, ja so nannte man diese, die zumeist Waisen waren, einquartiert Auf einem Photo kann man sie sehen, ihr Aussehen erinnert an die Kinder im heutigen Jemen! Wien hungerte, es gab monatelang kein Mehl, es gab kein Brennholz, die frierenden, hungernden Menschen holzten Teile des Wienerwaldes ab. Sie waren krank, die Spanische Grippe hate sich ausgebreitet, der viele aufgrund ihrer Schwäche zum Opfer fielen.

Am 21. Oktober 1918 traten im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrats als Provisorische Nationalversammlung zusammen. Am 12. November wurde die Republik ausgerufen.  nicht ohne Pannen, aus den rot-weiß-roten Fahnen war der Mittelteil, das Weiß, von den Kommunisten herausgerissen worden, so wurden rote Fahnen vor dem Parlament gehisst.

Viele marschierten auch für mehr Rechte, Arbeit gab es ja auch keine, für die vielen Rückkehrer aus dem Krieg.   Man „erkämpfte“ z.B. den 8-Stunden Tag, die Abschaffung der Zensur. Auch das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, es gab weibliche Vertreterinnen im Parlament – wenn auch wenige. Aber es gab auch einen Marsch der Kriegsversehrten, der mich sehr berührte.

Es war das tägliche Leben, das abgesehen von den erreichten und noch nicht erreichten Rechten, so schwierig war, man musste sich für alles „anstellen“ sei es um Brot oder aber um das Heimkehrergeld. Und Nachdem es ein ganz klein wenig aufwärts gegangen war, kam die nächste Enttäuschung, das Diktat von St. Germain. Die ungeheure „Kriegsschuld“, der Verlust von weiteren Territorien, und der so von allen herbeigesehnte Anschluss an Deutschland – war von den Alliierten verboten worden. Dabei halfen auch die Nahrungsmitteltransporte aus der Schweiz, aus Schweden, aus den USA  nicht ausreichend. Man musste die Kinder fortschicken, damit sich diese anessen konnten, nach England, nach Dänemark …. Vieles Trauriges aus dieser Zeit kann man aus diesen Photographien erkennen.

Und wir Heutigen sollten unendlich dankbar sein, für unser gutes Leben. Wir sollten es als solches erkennen, uns dafür einsetzen, damit es nicht noch einmal so kommen kann.

 

 

Das Elend von 1918/1919 – „Die erkämpfte Republik“ im Wien Museum

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