Viel Zeitgeschichte auf einmal?

Gestern – ich habe darüber berichtet (Das Elend von 1918/1919) – war ich in der hervorragenden Ausstellung „Die erkämpfte Republik“. Abends habe ich mir im Fernsehen (ORF III) „auf den Spuren der Republik“ angeschaut. Dabei präsentiert Altbundespräsident Heinz Fischer die Geschichte der Ersten und Zweiten Republik, als Vorsitzender des Beirats für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018. Gestern lief der erste Teil, heute abends (27.10.2018) werden dann der dritte und der vierte Teil gezeigt (ich werde sie mir sicher ansehen). Und heute früh hörte ich im Radio ö1 die Sendung: Hörbilder, in Memoriam Rudolf Gelbard.

Das war für mich etwas viel Zeitgeschichte auf einmal, besonders weil mir zu diesem Thema mein leider im Juni verstorbener Ehemann als Gesprächspartner bitter fehlt.

Zu den „Spuren der Republik“: Die Reihe begann mit dem Schicksalsjahr 1918, als mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Habsburger Monarchie der Grundstein für die Erste Republik gelegt wurde. In den folgenden 100 Jahren durchlebte Österreich bedeutende Höhepunkte und schwere Krisen – von der Machtübernahme des NS-Regimes zur Geburtsstunde der Zweiten Republik, über die Zeit der Wirtschaftswunderjahre, (das war bisher zu sehen) die 1968er Revolution bis zum EU-Beitritt und jenen Jahren mit unterschiedlichen Koalitionsregierungen, die die Republik prägten.

Für mich war diese Präsentation ein so genanntes „Déjà-vu“ Erlebnis, da ich fast alles, das da gezeigt wurde, bereits in den Dokumentationen von Hugo Portisch gesehen habe. Ich habe auch nicht den Eindruck gehabt, dass da neues Material verwendet wurde. Neu war nur, dass Heinz Fischer diese Darstellungen begleitete und kommentierte und dass Miguel Herz-Kestranek die erläuternden Texte sprach. Ich bin halt schon alt, habe vieles selbst erlebt, viel darüber gelesen und viele Dokumentationen gesehen. Wahrscheinlich ist es richtig, die Geschichte für Junge anders aufzubereiten, wahrscheinlich ist es auch richtig, diese Darstellung von einem ehemaligen Bundespräsidenten – der ja nicht parteigebunden agieren soll – erstellen zu lassen, besonders weil eben jener Bundespräsident als Vorsitzender des Beirats für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 bestellt worden war.

Dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es besonders die linke Sicht war, die hier zum Ausdruck gekommen ist.

Zur Sendung in Memoriam Rudolf Gelbard. Dazu ist vielleicht vorauszuschicken, dass ich eine etwas gestörte Beziehung zu Rudi Gelbard hatte.   2008 wurde eines meiner Bücher veröffentlicht: „Wessen Heiliges Land? Christan im Israel-Palästina-Konflikt“. Nun man kann viele Bücher gut oder schlecht finden, aber bei einer Präsentation dieses Buches vor der Österreichisch-israelischen Gesellschaft wurde das Buch förmlich in der Luft zerrissen. Und der Moderator dieser Veranstaltung war Rudi Gelbard. Er hat nur negative Kommentatoren zugelassen, von denen ich doch einige hätte entkräften können. Ich hätte gerne über die möglichen Lösungen für diesen Konflikt gesprochen (z.B. ein bzw. zwei Staatenlösung) aber der Moderator beschränkte sich darauf, seine Erlebnisse aus dem KZ Theresienstadt darzustellen. Ich habe nachher die Lebensgeschichte Rudi Gelbards gelesen und etwas mehr Verständnis für sein Verhalten aufbringen können.  Wir haben einander öfter bei verschiedenen Anlässen gesehen und gesprochen und haben letztlich ein friedliches Verhältnis zueinander entwickeln können. Auch aus diesem Grund hat mich sein Tod betroffen gemacht.

Auch er war der so genannten „linken Seite“ Österreich zuzurechnen. Bei der Darstellung seines Lebens in dieser Radiosendung ist das klar zum Ausdruck gekommen. Es war die Rede von der  vorauseilenden Bereitschaft der Österreicher, der fehlende Widerstand an den Grenzen, die offenbar minutiöse Planung und die Verhaftung von mehr als 50.000 Menschen in Wien aus ihren Wohnungen bereits in der Nacht vor dem großen Jubel am Heldenplatz. Regelmäßig ist Rudolf Gelbard noch Jahre und Jahrzehnte nach dem Krieg neuen Zusammenrottungen von ehemaligen Ariseuren und Neonazis entgegengetreten. Und regelmäßig konnte er die Veröffentlichung verfälschender Geschichtsschreibung verhindern.  Gelbard war langjähriger Funktionär im Bund Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer/innen und engagierter Antifaschist. 1996 wurde er in den Bundesvorstand der Freiheitskämpfe/innen gewählt und gehörte diesem bis zu seinem Tode an.

Sein Ausspruch anlässlich einer Auseinandersetzung mit den „Rechten“, „sie hätten uns durch Kanalgitter gequetscht“ hat mich sehr zum Lachen gebracht. In der Sendung kam auch der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer zu Wort, der ein Freund des grade Verstorbenen war und ihm auch den Professorentitel aufgrund dessen Belesenheit verliehen hat. Auch mit Karl Blecha hat ihn einiges verbunden.

Morgen, am 28.10,2018 wird auch in der Sendung „Menschenbilder“ auf oe1 noch einmal des Verstorbenen gedacht.

Aufgrund aller dieser „Informationen“ habe ich wieder einmal über die politische Definition „Rechts-Links“ nachzudenken begonnen. Stimmt sie parteipolitisch noch? Was ist „linkes“ Gedankengut – was ist „rechtes Gedankengut“? Was sind die Zukunftsvisionen der beiden Lager?  Was haben sie gemeinsam, was trennt sie?  Derzeit scheinen sie einander recht unversöhnlich gegenüber zu stehen.

Damit möchte ich mich dann nach den für morgen geplanten Sendungen auseinandersetzen – wer dazu eine Meinung hat: für Anregungen wäre ich recht dankbar, denn nur mit mir selbst diskutieren scheint mir nicht so fruchtbar?

 

 

 

Viel Zeitgeschichte auf einmal?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s