Gedenken an Leonard Bernstein und die Wiener Gesera

Heute war es schon sehr herbstlich, kalt, trüb und nebelig.  Eigentlich ungemütlich, es regnete zwar nicht, aber es war nass und feucht. „Museumswetter“. Ich war den Vorschlag einer Freundin gefolgt, habe sie abgeholt und wir gingen miteinander ins Jüdischen Museum, also jenes am Judenplatz.

Hier wird des 100. Geburtstages von Leonard Bernstein gedacht. Also Musik kann nur begrenzt gezeigt werden, aber man lernt hier den Menschen Bernstein näher kennen.

Wenn man die Ausstellung betritt, ist man zuerst einmal mit Otto Perl konfrontiert. Wer war Otto Perl, fragt man sich. Also er war ein aus Wien „ausgewanderter“ Schneider, der sich in New York niedergelassen hat und dort Anzüge und besonders die Fracks für Bernstein geschneidert hat. Einer ist in der Schau zu sehen. Gezeigt werden Bernsteins frühe Jahre in Boston und New York, seine Beziehung zur Synagoge. Der Erfolg der Westside Story. Man findet auch Hinweise, dass dieser begnadete Musiker z.B. die Black Panther Bewegung in den USA unterstützt hat, lange vor dem Auftritt von Martin Luther King, dass er sich gegen den Vietnam Krieg gestellt hat und die McCarthy Aktivitäten verabscheut hat.

Eigentlich war Bernstein schon 1946 eingeladen worden, nach Wien zu kommen, um die Philharmoniker zu dirigieren. Damals lehnte er ab, da ihm zu viele Nazis im Orchester saßen. Erst 1966 kam er dann – liebte dann auch Wien, immer mit Einschränkungen. Und er lehrte seine Liebe zu Gustav Mahler auch die Philharmoniker.

Gezeigt werden Bilder „Bernstein mit Trachtenjacke, Bernstein mit Wetterfleck“ (den ihn Kanzler Vranitzky geschenkt hatte), er trug diese „als Therapie gegen deutschen Nationalismus“. Ganz nachvollziehen kann ich das eigentlich nicht. Viele Photos kann man sehen, Briefe, Telegramme (wirklich nostalgisch für mich, Telegramme anzusehen!) gewechselt mit Kreisky, mit Kardinal König, mit Bürgermeister Zilk, mit Marcel Pravy, mit Heinz Fischer-Karwin.  Auch das Gästebuch von Franz Endler, mit einem Bild Bernsteins in dessen Wohnung kann man bewundern. Teilweise kann man Gespräche hören, aber die Technik in der Ausstellung funktioniert nicht immer ganz. Bernstein hatte viele Fans, die meisten davon liebten ihn und z.B. Renate Wunderer, damals Molden Verlag, schenkte ihm von ihrer Mutter selbstgebackenen Vanillekipferl.

Die Ausstellung über Teddy Kollek, den Wiener Bürgermeister von Jerusalem, werde ich mir jedenfalls dort noch anschauen.

Und weil wir schon einmal da waren, schauten wir uns noch die permanente Ausstellung „das jüdische Wien im Mittelalter“ an. Tief geht’s hinunter, man steht vor den Mauerresten der alten Synagoge, die schon damals Zentrum jüdischen Lebens war. Groß war diese Synagoge, man sieht noch die Reste des Sockels des Thoraschreins, auch die Bima, von hier wurde die Thora verlesen,  kann man erkennen. Aber eigentlich sehen diese Mauern hier gar nicht so anders aus, als die Mauerreste in Lorch, nur durch das Wissen, was hier gestanden ist, bekommen sie ihre Bedeutung. Im Mittealter war Wien Heimat einer blühenden jüdischen Gemeinde, die zu den größten und bedeutendsten in Mitteleuropa zählte. Wien wurde durch hier lehrende Rabbiner zu einem Zentrum jüdischen Wissens. Ein Panorama von Wien damals zeigt die Lage und Größe dieser jüdischen „Stadt in der Stadt“. All das wurde 1420/21 beendet: Als Wiener Gesera wird die planmäßige Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Herzogtum Österreich im Jahr 1421 auf Befehl Herzog Albrechts V., des späteren Römisch-deutschen Königs Albrecht II., durch Zwangstaufe, Vertreibung und Hinrichtung durch Verbrennen bezeichnet. Der Name leitet sich von einer „Wiener Gesera“ genannten jüdischen Schrift her und wird auch für die darin beschriebenen Ereignisse verwendet. Noch im 13. und 14. Jahrhundert hatten die Juden in Österreich – verglichen mit anderen Gegenden – weit reichenden Schutz und Sicherheit genossen, obwohl es auch hier gelegentlich zu Verfolgungen gekommen war (beispielsweise 1338 wegen eines angeblichen Hostienfrevels in Pulkau). In zahlreichen Orten des Herzogtums Österreich (das im Wesentlichen dem heutigen Nieder- und Oberösterreich entspricht) hatte es wohlhabende jüdische Gemeinden gegeben, die bedeutendsten waren in Wien, Krems und Wiener Neustadt, das allerdings damals politisch zum Herzogtum Steiermark zählte. Die Straßennamen Judenplatz und Schulhof (Schul = Synagoge) im 1. Wiener Gemeindebezirk erinnern daran, dass sich dort der jüdische Stadtteil befunden hat. Von dem in Zünften streng organisierten Handwerk waren die Juden ausgeschlossen; ihr wichtigster Erwerbszweig war der Geldverleih und der Handel.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lage der Juden in Österreich. Ein einschneidendes Ereignis war der Brand im Wiener Judenviertel, der am 5. November 1406 in der Synagoge ausbrach. Die Brandursache ist unbekannt, es kam jedoch verbreitet zu Plünderungen und Ausschreitungen gegen die Juden, wohl auch wegen des Verlustes von verpfändeten Wertsachen. Der Wohlstand und die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Gemeinde wurden durch den Brand stark beeinträchtigt.

1411 wurde der vierzehnjährige Albrecht für großjährig erklärt; in der Folge belegte der stets an Geldmangel leidende Herzog die jüdischen Gemeinden mit immer neuen Steuern. Seit Sommer 1419 verwüsteten die Hussitenkriege das Königreich Böhmen. Auch das benachbarte Österreich wurde in Mitleidenschaft gezogen: Hussitische Streifscharen durchzogen auch das nördliche Niederösterreich und kamen bis Krems. In etlichen Dokumenten werden nun die Juden der Kollaboration mit den Hussiten beschuldigt. Es wurde der Vorwurf des Waffenhandels erhoben, ebenso der Vorwurf des Ritualmordes, vor allem an christlichen Kindern, wurde im Mittelalter und der Neuzeit immer wieder gegen Juden erhoben. Auch die Ereignisse von 1421 werden in etlichen Berichten mit Ritualmordanklagen in Verbindung gebracht.  Der Vorwurf der Hostienschändung diente im Mittelalter und in der Neuzeit immer wieder als Begründung und Vorwand für Judenverfolgungen. Am 23. Mai 1420 wurden auf Befehl Herzog Albrechts alle Juden in ganz Österreich gefangen genommen. Nach etwa einem Monat wurden die mittellosen Juden des Landes verwiesen und in Schiffen die Donau hinuntergetrieben, während die Begüterten weiter in Haft blieben. Es gibt zahlreiche Berichte von Misshandlungen und Folterungen, teils um die Juden zur Annahme der Taufe zu „überreden“, teils um Aussagen über versteckte Wertgegenstände zu erpressen. Für Kinder unter 15 Jahren wurde die Zwangstaufe angeordnet. 1421 wurde das Dekret Herzog Albrechts verkündet, das die Juden zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung der verbleibenden Wiener Juden, 92 Männer und 120 Frauen, fand am selben Tag auf der Gänseweide in Erdberg statt.

Wieder aus den Tiefen des Jüdischen Museums heraufgestiegen, blickten wir uns auf dem wunderschönen Judenplatz um.  Direkt über der alten Synagoge steht das Holocaust Mahnmal, es wurde   am 25. Oktober 2000, also einen Tag vor dem österreichischen Nationalfeiertag, enthüllt.

Wir waren hungrig geworden, die Feinkosterei (ehemals das wohlbekannte Wirtshaus „zum Scherer“) im Haus „Zur kleinen Dreifaltigkeit“, bot sich an, das kleine Beuscherl mit Knöderln war ganz hervorragend.

Und jetzt versuchte auch noch die Sonne immer erfolgreicher den herbstlichen Nebel zu zerreißen.

Gedenken an Leonard Bernstein und die Wiener Gesera

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