Lehrerinnen an die ich mich erinnere

Es gibt doch einige „Lehrpersonen“ in meiner Kindheit und meiner Jugend. an die ich mich erinnere. Die meisten Erinnerungen sind positiv, aber dennoch gab es welche, die hauptsächlich negativ sind.

Die erste Erinnerung in meiner frühen Kindheit war die Tante Elfi, sie und ihre Mutter führten einen privaten „englischsprachigen“ Kindergarten in der Tulpengasse, im neunten Bezirk. Wir gingen nur einmal in der Woche dorthin. Beeindruckt haben mich ein Kachelofen, mit einem quadratischen „Loch“, indem immer eine Teekanne stand. Ein Bild mit blühenden Kirschbäumen (dass es Kirschbäume waren, habe ich erst später festgestellt, als ich eine weitere Reproduktion dieses Bildes irgendwo gesehen habe) bewahre ich bis heute in meinem Gedächtnis. Die beiden Damen waren sehr lieb, wieviel sie uns (wir waren vielleicht eine Gruppe von sieben Kindern, die einander bereits „aus dem Park“ kannten) beigebracht haben, kann ich nicht mehr beurteilen.

Meine Wiener Volksschullehrerin war eine junge, sehr engagierte aber dennoch mütterliche Frau.  Ich ging – schon ihretwegen – gerne in die Schule. In ihrer unaufgeregten Art brachte sie uns viel bei. Sie lehrte damals in der Volksschule, der so genannten Schubertschule, in der Grüne Torgasse im Alsergrund (später wurde sie Direktorin). Das Schulgebäude hatte einen eigenartigen Geruch, den ich nicht mochte, aber die „Frau Lehrerin“ machte dies alles wett. Lehrpersonen waren damals auch für allerhand Aktionen der Regierung verantwortlich: wir Kinder mussten sonst weggeworfenes Metall sammeln (ich erinnere mich an Zahnpastatuben) und in die Schule bringen. Aber sie vermittelte uns keine „Nazidoktrinen“. Als ich einmal in der Schule einen Hitlerwitz erzählte, der von meiner Großmama, die ihre Ablehnung der Nazis offen lebte, stammte, meinte sie zu meiner Mutter, dass man mir erklären müsste, dass ich derartiges nicht in der Schule erzählen solle. Sie hätte uns anzeigen können. Die Pause durften wir in einem Hof, asphaltiert, aber mit Bäumen umsäumt, hinter der Schule verbringen. Sie weckte in uns die Liebe zu Büchern, die wir dann in der Buchhandlung Auff in der Porzellangasse kaufen konnten. Sie war es auch, die schon früh zu meiner Mutter sagte, dass ich für eine Aufnahmsprüfung für ein Gymnasium vorbereitet werden sollte, was zwar nicht Lesen, Schreiben oder Rechnen betraf, sondern Turnen. Ich war einfach patschert. Und ums Gymnasium zu kommen, musste man in der Nazizeit auch auf ein Seil hinaufklettern können, ich aber hing wie ein Mehlsack am unteren Ende des Seils. Also wurde ich in eine private Turnschule geschickt.

Aber diese Situation änderte sich grundlegend, als ich nach Pregarten im Mühlviertel, kam. Aufgrund der Bombensituation waren wir dorthin evakuiert worden. Sehr willkommen waren „die Wiener“ dort nicht. Ich kam 1944 in die dritte Klasse, in der ich ja auch in Wien gewesen war. Hier waren nicht nur „brave Kinder“, sondern in den letzten Bänken saßen ein paar recht rüpelhafte Buben, die schon mehrmals sitzen geblieben waren. Das war aber nicht das Schlimmste, die Lehrerin, dort „Fräun“ (Fräulein) genannt, hatte diese Position wahrscheinlich nur deshalb erhalten, weil sie aktiv in „der Partei“ war. Rechtschreibung war nicht ihre Stärke, was ich sogar (schlauerweise lauthals) feststellte.  Die Rache war schlimm, sie prüfte mich in Mühlviertler Heimatkunde, von der ich klarerweise keine Ahnung hatte – ein Sechser war das für mich schockierende Ergebnis.  Sie hatte ihre „Weimperln“ (unrechtmäßig bevorzugte Kinder in der Schule), sie bevorzugte Kinder aus Linz massiv, was wiederum meinen Gerechtigkeitssinn sehr störte. Sie war es auch, die uns zum Kartoffelkäfersammeln auf die Felder schickte, ohne uns vorher einen Kartoffelkäfer gezeigt zu haben. In der vierten Klasse unterrichtete uns dann der Direktor der Schule als Lehrer, der großen Wert auf Musik legt, und uns alle die oberösterreichischen Heimatlieder beibrachte.  Ich glaube, dass das sein Widerstand gegen die Nazis war. Aber Schulbetrieb wurde ohnedies immer schwieriger, bei Fliegeralarm wurden wir jetzt regelmäßig bald nach Hause geschickt, später kamen noch die Tiefflieger dazu …. Schule fand dann nicht mehr statt, als sich die Front 1945 aufzulösen begann.

Aber es gab noch eine Lehrerin in Pregarten, mit der ich auf Kriegsfuß stand, es war die Handarbeitslehrerin.  Das war allerdings wesentlich weniger ihre als meine Schuld. Auf weibliche Handarbeiten wurde unter der Nazizeit viel Wert gelegt. Also mussten wir Socken stricken lernen. Neue Wolle gab es keine, sondern nur irgendwelche aufgetrennten Resteln. Egal wie schön man auch strickte, was herauskam war nicht besonders hübsch. Es war wenigstens für uns selber und nicht für „unsere tapferen Soldaten an der Front“. Dennoch strickte ich gar nicht gerne. Um mein Pensum zu erfüllen war Stricken für mich Hausübung. Da auch meine Mutter fand, dass das Stricken für mich nicht so notwendig wäre, „machte sie meine diesbezügliche Hausübung“. Das sah man aber! Ich strickte krampfhaft – meine Mutter locker, daher trennte sie immer das in der Schule Gestrickte auf und machte es neu.  Als es keine Schule mehr gab, trennte meine Mutter „das Werk“ auf und verwendete die Wolle zu anderen Zwecken.

Aber die biedere Handarbeitslehrerin brachte ich unabsichtlich später fast in Schwierigkeiten. Bei der „Eroberung“ des Ortes durch die Amerikaner, sie kamen auf großen Panzern angefahren, der Ort war weiß beflaggt, viele Menschen neugierig säumten die Straße, traf ich jene Handarbeitslehrerin und grüßte sie, so man mich dies gelehrt hatte, mit dem Hitlergruß. Der Soldat auf dem Panzer schaute recht grimmig herunter! Ich verdrückte mich schleunigst.

Zu bemerken ist noch, dass es im Frühjahr 1945 keine Aufnahmsprüfung ins Gymnasium gab, man benötigte nur ein Abschlusszeugnis der Vierten Klasse (Habe ich durch einige Wochen Schulbesuch in Wien nachgeholt) und wurde „auf Bewährung“ bis Weihnachten aufgenommen. Auf ein Seil hinaufklettern habe ich nie zusammengebracht!

 

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