Im Gymnasium im Jahr 1945

Nun war endlich für mich „das Gymnasium“ (eigentlich Realgymnasium) offen – ohne die gefürchtete Aufnahmsprüfung. Es war das Jahr 1945, als ich in die erste Klasse kam. Es war aufregend, als plötzlich so viele unterschiedliche Lehrerinnen (Lehrer hatten wir nur in Religion und Zeichnen) uns gegenüberstanden. Ich war neugierig, ich war aufgeregt. Äußere Umstände, ja, die waren schlimm, aber das störte mich wenig. Außerdem hatte ich eine Reihe von „alten“ Schulfreundinnen aus der Volksschule hier getroffen, das machte den Anfang leichter. Aber die vielen „Neuen“ hatten oft eine Fluchtgeschichte zu erzählen, sie kamen aus verschiedenen Gegenden Europas, aber sie sprachen alle deutsch, wenn auch manche mit einem „komischen“ Akzent.  Integrationsprobleme gab’s keine.

Schule fand abwechselnd vormittags und nachmittags statt – es gab für zwei Schulen anfänglich eben nur ein Gebäude, ich mochte diesen Nachmittagsunterricht nicht sehr, weil man mit dem Vormittag eigentlich nichts anfangen konnte. Wir hatten keine Schulbücher, man musste alles mitschreiben. Das war mühsam, aber wir kannten damals noch nichts anderes.

Manche unserer Lehrerinnen waren alt. Es stimmt schon, für 10-Jährige scheinen viele alt zu sein. Damals gab es das Problem, dass die “mittlere Generation“ der Lehrer und Lehrerinnen „bei der Partei gewesen war“, wie man es damals nannte. Sie durften nicht unterrichten, sondern mussten wahrscheinlich Schutt wegräumen. Da es nun aber nicht genügend Lehrer gab, holte man die vorherige Generation (wahrscheinlich aus der Pension), die aber auch vom Ständestaat geprägt war. Man sagt, dass alte Menschen viel Erfahrung haben, dass sie weise geworden sind – ja, aber! Ein Beispiel: unsere Biologie-Professorin war eine ältere Dame. Sie kleidete sich auch so. Wahrscheinlich ist das ungerecht, ihr das vorzuwerfen, man war oft ausgebombt gewesen, hatte alles verloren und musste sich mit dem begnügen, was man bekommen hatte. Ich weiß nicht, ob das auf meine Biologielehrerin zutraf. Jedenfalls erschien sie in der Schule immer mit einem schwarzen, knöchellangen Kleid (ich meinte zu wissen, dass es ein Seidenkleid war), mit einem gehäkelten weißen Kragen. Ihre grauen Haare waren zu einem Knoten gesteckt. (Andere hatten damals Dauerwellen). Allerdings nahm sie es mit dem vorgeschriebenen (?) Stoff nicht besonders genau, wir lernten nur über Einzeller – ausschließlich! Da erfolgte die Fortpflanzung über Zellteilung und über andere Fortpflanzungsmöglichkeiten „höherer Tiere“ musste daher nicht gesprochen werden. Mein Wissen auf diesem Gebiet ist bis heute sehr mangelhaft.

Außerdem hatte ich einen Zwischenfall mit ihr provoziert. Und das ging so: Es gab eine Ausspeisung, dazu musste man sich in der Pause mit einem Häferl anstellen und aus einem Kessel bekam man einen Schöpfer Suppe. Nun unsere Schule war damals in drei unterschiedlichen Gebäuden aufgeteilt, die aber auf einem großen Areal – ein Großteil davon parkartig – untergebracht waren Später wurde dann ein ordentliches Schulgebäude dort gebaut. Das Zentrum, Direktion, Lehrerzimmer, auch das Musikzimmer, fanden sich in der sogenannten Villa. Dort fand auch am Gang die Ausspeisung statt.  Um dorthin und wieder weg zu gelangen, musste man durch eine Doppeltür gehen, deren Flügel in beide Richtungen schwingen konnten. Ich hatte also meine Suppe erhalten und wollte nun möglichst rasch in den Garten und schob einen der beiden Flügel eher vehement auf, man sah ja nicht, wer dahinterstand. Wer stand wohl dahinter, eben jene Lehrerin. Mir fiel das Häferl mit der Suppe vor Schreck aus der Hand – und die Suppe verteilte sich über den Boden (Das Häferl war aus Metall). Das Ergebnis war, dass meiner Mutter beim Sprechtag von eben dieser Professorin gesagt wurde: „Dieses Kind hat zwei Arme und zwei Beine zu viel“.  Ich war dann besonders eifrig beim Lernen über diverse Einzeller, nachhaltig war’s aber nicht. Diese Professorin hatte von uns den Spitznamen Volvox Geoid erhalten, denn sie war, für die damalige Zeit,  auch ziemlich rundlich!

Sehr geschätzt habe ich unsere Professorin für Geschichte. Auch sie zählte zu den Älteren, war grauhaarig und versuchte uns historische Fakten nahezubringen: Kaiser, Könige, Kriege, Schlachten. Aber sie verstand es, uns ein Gerüst zu geben, in das man später weitere Fakten einordnen konnte. Natürlich war es nur europäische Geschichte, mit Schwerpunkt Österreich. Aber Fakten über den Ersten Weltkrieg, über die Zwischenkriegszeit erfuhr ich erst  viel später: während meines Studienjahres in den USA. Es war damals für Lehrer wahrscheinlich schwer, Geschichte zu unterrichten. Wie schon erwähnt gab es keine Lehrbücher und was der Lehrplan umfasste, weiß ich auch nicht. Außerdem war man extrem vorsichtig, nichts von der „Nazi-Ideologie“ in den Unterricht zu bringen. Aber was mir diese Lehrerin beigebracht hat, das war die Liebe zur Geschichte. Ich lese gerne noch heute historische Romane über Zeiten und Gegenden, über die ich – für meine Begriffe – zu wenig weiß.

Noch zu erwähnen sind die beiden Mathematikprofessorinnen: eine davon war jung und fesch, die war zuständig für die Unterstufe, die zweite gehörte auch zur grauhaarigen Riege, sie war sehr resolut, ein wenig ungeduldig und galt als sehr streng. Mit der Jungen (und dem Gegenstand) hatte ich so meine Probleme. Sie legte Wert auf das „Aussehen“ der Hausübungen. Und jene Gruppe in der Klasse, die sie verehrte und ihr den Spitznamen Putzi gab, übertraf sich in bunten Blümchenrändern der Hefte, Verschnörkelung der Buchstaben (wir waren halt eine brave Mädchenklasse) etc. Dafür hatte ich absolut kein Verständnis, derartiges verweigerte ich.   Die Ältere der Beiden Lehrerinnen, ihr äußeres Kennzeichen war eine umgehängte Teppichtasche, in der sie korrigierte Hefte beförderte, brachte mir aber die Liebe zur Mathematik bei. Jetzt ging’s nicht mehr um Sternderln und Blümchen, sondern um Gleichungen mit drei Unbekannten, Tangenten und Integralrechnung. Da war alles eindeutig, da war alles klar und entweder richtig oder falsch.  Das gefiel mir.

Zu berichten ist selbstverständlich noch über unseren Klassenvorstand, für mich damals alterslos, über die von vielen geliebte eher junge Lateinprofessorin, aber das bei nächster Gelegenheit.

 

Im Gymnasium im Jahr 1945

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