Wir und die „Anderen“; warum ist das heute so?

Wieso ist es möglich geworden, dass unserer Gesellschaft weniger empathisch reagiert als frühere Generationen? Es gibt Zweifel an der These und es gibt Erklärungsversuche: stimmt es, dass der Sozialstaat, diese moderne Errungenschaft, zugleich zur Erosion des Sozialen führt? Kann man wirklich davon ausgehen, dass „der moderne Mensch“ nur im Hier und Jetzt lebt? Dass der gewohnte Standard von Sicherheit und Wohlstand, den er dabei voraussetzt, selbst Resultat von Errungenschaften ist, die immer wieder neu erarbeitet werden müssen, gerät darüber leicht aus dem Blickfeld.

Es ist ein Grundzug der modernen Gesellschaft, dass der Einzelne mit fortschreitender Arbeitsteilung und Spezialisierung der Funktionssysteme – Wirtschaft, Staat, Bildung, Gesundheitssystem und so weiter – auf Leistungen der verschiedenen Institutionen und Organisationen angewiesen ist und sich darauf verlässt. Er hat „einen Anspruch“ darauf, meint dieser Mensch, wobei es völlig normal und legitim ist, wenn er versucht, das Maximum für sich herauszuholen. Man nimmt, was man bekommen kann, und besteht auf dem Niveau des Erreichten.

Es ist mir völlig klar, dass das nicht auf alle Menschen in unserer Gesellschaft zutrifft. Es gibt gerade in Österreich viele, die Geld und Zeit für andere aufwenden, denen es gar nicht egal ist, wie es weniger Begünstigten geht. Aber die Mehrzahl, so glaube ich, sind nicht besonders empathisch.

Sind wir noch solidarisch? Die Prinzipien der Solidarität sind: „Teilen und Helfen“ sowie „Einer für alle und alle für einen“. So besehen, ist Solidarität ein Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruht: Der eine hilft dem anderen, weil er darauf zählen kann, dass im umgekehrten Fall einer eigenen Notlage dieser ihm ebenfalls helfen würde. Solidarität ist somit von vornherein ein Versprechen gegenseitiger Hilfe, wobei die Gegenleistung jedoch nur im Bedarfsfall und zeitversetzt in der Zukunft erfolgt. Solidarität kann nur funktionieren, wenn klar definiert und festgelegt ist, wer dazugehört und wer nicht.

Und hier „drückt der Schuh“. In unserer derzeitigen Gesellschaft wird „das Wir“ und „die Anderen“ stark propagiert. Es sind die Demagogen, die versuchen Hass zu säen und die Gesellschaft zu spalten. Wie ist es erklärbar, dass mit Fremdenfeindlichkeit, Diffamierung von Angehörigen anderer Religionen oder mit Feindbildern und Vorurteilen gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen wieder erfolgreich Politik betrieben werden kann? Wähler hieven Demagogen in politische Ämter, nicht selten sogar in die Höchsten. Von Trump bis Erdogan, von Le Pen bis Kaczynski. Zwar sind die handelnden Personen unterschiedlich, ihre Methoden allerdings gleichen sich frappierend. Der Demagoge als „Volksverführer“ nutzt die Macht der Worte und Bilder. Er spielt geschickt mit Ängsten, Sehnsüchten und Emotionen der Wähler und weiß diese sehr strategisch zu befeuern. Die technologischen Mittel geben dem Demagogen von heute einige gefährliche Werkzeuge in die Hand!

Wird in den Schulen gegengesteuert? Werden junge Menschen angeleitet, kritisch zu hinterfragen? Nur so könnte gewährleistet werden, dass sie in Zukunft nicht auf Scharlatane, die ihnen „das Blaue vom Himmel“ versprechen, hineinfallen. Meines Erachtens wäre es eine Aufgabe der Erziehung, Anleitungen zu geben, wie „Fake-News“ erkannt werden können, besonders im Hinblick auf die extensive Nutzung von Sozialen Medien durch die Jungen. Sie dürfen nicht anfällig werden für das Gerede von der Spaltung der Gesellschaft in Leistungsträger und Schmarotzer, in Fleißige und Unwillige, „Einheimische“ und Ausländer (Flüchtlinge, Asylanten) in Wir und die Anderen. Zivilcourage braucht Vorbilder. Demagogen und Hetzer müssen beim Namen genannt werden. Appelle, selbst wenn sie von höchster Stelle kommen, reichen längst nicht mehr.

Ich habe von einem Beispiel gelesen (ich gebe zu, überprüfen konnte ich es nicht, aber es scheint mir plausible zu sein): Die FPÖ hat gerade in jenen Bezirken besonders an Stimmen gewonnen, in denen vor knapp 500 Jahren die Türken durchzogen, als sie auf dem Weg zur Belagerung nach Wien furchtbares Elend anrichteten. Nach statistischen Berechnungen bekam die FPÖ in diesen Regionen anteilig ein Zehntel mehr Wähler als überall dort, wo die Türken anno 1529 (und nochmals 1683) nicht durchgezogen sind. Ergänzend ist dazu zu bemerken, dass die Wähler in den ehedem türkisch geplünderten Gebieten noch gar nicht so lange dazu tendieren, mehr als andere „Rechts“ zu wählen, nämlich erst seit 2005. Und das fällt zeitlich eher damit zusammen, dass 2005 verstärkt das Narrativ „der bösen Türken“ strapaziert wurde.  Diese islamkritische Haltung (z.B. „Daham statt Islam“) wurde durch diese lange zurückliegenden türkischen Plünderungen untermauert. Das scheint dort auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, wo die Erinnerung an „Türkengräuel“ noch heute bestehen. Diese Ergebnisse zeigen, wie sich z.B. lang vergessene historische Ereignisse für politische Kampagnen gegen ethnische und religiöse Minderheiten reaktivieren lassen.

Aber der eigentliche Grund für den Unmut vieler Wähler liegt – bewusst oder unbewusst – in der Angst, wirtschaftlich und sozial abzustürzen oder die Kontrolle über die eigene Zukunft zu verlieren. Der hohe Anteil von Wählern rechter Parteien etwa meist in solchen Regionen, in denen es viele Verlierer der Globalisierung, aber eigentlich gar nicht so viele „Andere“ (z.B. Ausländer) gibt.

Sich hat die Globalisierung das Entstehen rechtspopulistischer Strömungen befördert hat. Die neoliberale Individualisierungs- und Flexibilisierungswut führt zur Auflösung der alten Bindungen (nach Klassen und sozialen Gruppen) und die immer mehr „auf sich selbst zurückgeworfenen“ Menschen suchen nach Ersatzidentitäten. Durch die ökonomischen Folgen der Globalisierung wurde die Bevölkerung in Globalisierungsgewinner und -verlierer mit jeweils typischen Interessenslagen gespalten. Darüber hinaus bewirkte die Internationalisierung vieler Entscheidungsprozesse eine immer stärkere Entfremdung zwischen den politischen Parteien (und Institutionen) und weiten Teilen der Wählerschaft. Die Vertreter der neuen Bewegungen am rechten Rand sehen es deshalb als ihre Hauptaufgabe, die so entstandene Lücke zu füllen und die Interessen der politisch entfremdeten Globalisierungsverlierer politisch zu artikulieren

Es wird Manipulierern (Demagogen) sehr eicht gemacht, wenn ihre Thesen nicht hinterfragt werden.

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