Der rettende rote Knopf

Der rote Knopf sitzt auf einem grauen Gummiband und sollte immer getragen werden. Es ist nämlich ein Notknopf, der das Rote Kreuz holen kann. Wir haben dieses Armband schon eine Weile zu Hause, ich habe immer insistiert, dass es ein Mann trägt, wenn ich außer Haus war. Wir haben es öfter benutzen müssen, wenn mein Man umgefallen war und ich ihn nicht allein aufheben konnte. Nun, nachdem mein Mann mich verlassen hat, habe ich ursprünglich geplant, dieses Band zurückzugeben, aber die Kinder haben drauf bestanden, dass ich es mir lasse, und immer trage, denn schließlich wohne ich ja allein. Anfänglich benutzte ich dieses Band nur einigermaßen schlampig, aber dann habe ich mir angewöhnt, es (mehr oder weniger) immer zu tragen. Manchmal war es ein bissel peinlich, weil ich vergessen hatte, es herunter zu nehmen, wenn ich weggegangen bin und dann schaute es nicht gerade elegant aus – naja.

Diese Band ist mit einer „Station“ verbunden, die bei Knopfdruck automatisch das Rote Kreuz verständigt, dass jemand Hilfe braucht. Es funktioniert nur in der Wohnung. Natürlich kann es passieren, dass amn versehenlich drückt, aber dann kann man es abschalten (wenn man sehr schnell ist) oder man entschuldigt sich, wenn gefragt wird, ob man etwas braucht.

Vorgestern abends es war mir ein bissel schlecht, als ich ins Bett ging, und wirklich, ich musste mehrmals aufstehen, um mich zu übergeben, das letzte Mal, „direkt aus dem Tiefschlaf“. Als es vorbei war, merkte ich, dass sich alles drehte und ich sehr schwindlig wurde. Ich setzte mich auf den Boden, um einen unkontrollierten Sturz vorzubeugen. Dort saß ich nun, etwas erschöpft, und stellte fest, dass ich es nicht schaffte, aufzustehen. Der Fußboden ist aus Stein, ein Fenster war gekippt, ich kam direkt aus dem Bett und sah eigentlich keine Möglichkeit, dorthin schnell wieder zurückzukehren.  Denn selbst wenn ich es geschafft hätte,  mich hochzuhieven, was vielleicht möglich gewesen wäre, weil wir dort eine Reihe von Haltegriffen für meinen Mann angebracht hatten, konnte ich mir nicht vorstellen dann noch ins Schafzimmer zu gelangen.

Da saß ich nun und wusste mir anfangs nicht zu helfen, das Handy lag am Nachtkastl, zum Laden über Nacht. Ich überlegte hin und her, woher denn das Übelsein käme, naja, ich hatte sicher viel zu viel, viel zu süß und viel zu fett über Weihnachten gegessen, aber heute wahrscheinlich einfach zu viel. Über das Warum sollte ich wohl später nachdenken, besser jetzt, da mir langsam ziemlich kalt wurde, wie ich es ins Bett schaffen könnte. Bis ich dann schließlich den roten Knopf am Gummiarmband erkannte. Also drückte ich. Wie geplant, meldete sich die Stimme „Brauchen Sie etwas“. Ich war sehr dankbar, sie zuhören, und sagte, „ja, ich bin umgefallen“, man hörte mich, glaube ich, am anderen Ende nicht, weil der Apparat etwas entfernt stand. Ich brüllte noch einmal “Ich bin umgefallen“. Und dann die Antwort „wir kommen“. Ich war wirklich froh. Es dauerte nicht lang, wahrscheinlich ca. 20 Minuten, bis ich den Schlüssel im Schloss hörte. Da ich, wie immer in der Nacht, kein Licht gemacht hatte, musste ich erst auf meine Lage aufmerksam machen. Aber bald standen die drei Helfer um mich herum, zwei freundliche junge Männer und ein Mädchen. Die Burschen waren Zivildiener. Das Mädchen war wahrscheinlich freiwillig unterwegs. Es war immerhin drei Uhr früh. Es waren keine langen Erklärungen notwendig, flugs war ich ins Bett geschafft, es fand sich ein Kübel, falls es zu weiteren Speibereien kommen sollte. Man stellte mir auch den Stock (meines Mannes) zum Bett, „stehen Sie nicht auf, ohne sich anzuhalten“. Ich musste nur noch die Nummer der E-Card nennen und schon war alles vorbei. Ich wurde noch gefragt, ob ich ins Spital wollte, was ich naheliegender Weise verneinte.  Ich hab‘ dann gleich und gut geschlafen.

Am drauffolgenden Tag war ich noch ein bissel marod, wie man bei uns sagt. Nicht wirklich krank, aber Ich getraute mich nicht zu duschen, ich konnte noch nichts essen. Ich entschloss mich einfach im Bett zu bleiben, Fieber hatte ich keines, höchstens ein bissel erhöhte Temperatur. Ich konnte mich auch nicht entschließen einen Blogeintrag zu schreiben, obwohl er mir pausenlos im Kopf herumging. Zwischendurch schlief ich immer wieder ein.

Dazwischen dachte ich nach, wie es früher, als ich ein Kind gewesen bin, war, als ich krank wurde. Ein untrügliches Zeichen für mein Krankwerden als Kind war, dass ich mich unter einem Tisch verkroch. Ja, aber dann wurde ich verwöhnt, es wurde mir eine Hendlsuppe gebracht, ein Apfelkompott. Mir wurde vorgelesen und der Onkel Doktor kam. Allerdings nur bis 1939, weil ab es ab dann diesen lieben, verständnisvollen, kompetenten Doktor „nicht mehr gab“, der seine Ordination in der · Schwarzspanierstraße gehabt hat.  Danach hat es keinen Kinderarzt für mich mehr gegeben. Er war wohl Jude gewesen, so hatte es sich später herausgestellt. Auch später war es dann noch recht gemütlich gewesen, wenn man umsorgt im Bett bleiben konnte, wenn man krank war. Jetzt bin ich halt allein und muss schauen, wie ich – auch wenn ich krank bin – zurechtkomme. Ja, meine Haushaltshilfen sind sehr hilfsbereit, aber letztlich sind sie halt nur „temporär“ hier bei mir. Noch ein Grund mehr, bald wieder auf den Damm zu kommen.

Jetzt hab ich mir halt selbst eine Nudelsuppe gekocht, und den Apfel für’s Kompott habe ich schon geschält. Auch einen Kaffee hab‘ ich mir gemacht – und morgen gehe ich dann einkaufen und kauf mir ein Kipferl!

Und übrigens, das Armband mit dem Notknopf trage jetzt IMMER!

 

 

Der rettende rote Knopf

2 Gedanken zu “Der rettende rote Knopf

    1. Ich hatte noch vergessen anzumerken, dass beim Roten Kreuz – oder wo immer man einen derartigen Vertrag abschließt, Schlüssel liegen, und zwar Wohnungs- und Haustorschlüssel. Das gegern ein Entgelt von EUR 26. p.m.

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