Vergangene Kinderwinter in Wien

Jetzt, alle die Bilder von verschneiten Orten betrachtend, tut’s mir schon leid, dass wir in Wien so gar keinen Schnee haben! Es ist mir bewusst, dass den Menschen in diesen verschneiten Orten der Schnee viel zu viel wird und sie durch die Folgen auch leiden müssen, gesperrte Straßen, drohende Gefahr von Lawinen, einstürzenden Dächer …. Aber schön sind die Bilder doch! Und ich weiß auch, dass es in Wien zu wenig Scheeschaufler gibt, dass Schnee, kaum dass er gefallen ist, durch Salz zu einer grauen Brühe wird, dass die gestreuten Steine wochenlang die Gehsteige unsicher machen – und doch!

Ich habe noch die Scheewinter meiner Kindheit in Erinnerung. Mein Vater zog mich mit einer Rodel durch die Porzellangasse, an der Seite zur Straße lagen Scheehaufen, ich fuhr, wie durch einen offenen Tunnel. Oder das Rodeln in der Berggasse, die sich durch ihre Steigung prächtig dazu eignete. Oder das Schneemannbauen im Votivpark. Oder der Spaziergang mit meinem Vater auf das Hameau, am 24. Dezember, um mich aus dem Haus zu kriegen, während „das Christkind“ werkte. Da war von Schiliften oder sonstigen Aufstiegshilfen noch keine Rede.

Auch waren winterliche „Ausflüge“ in den Türkenschanzpark ein wahres Vergnügen, den der ist nicht eben und daher konnte man munter rodeln – um die Wette mit den anderen dort versammelten Kindern.  Die Schneeballschlachten waren ein Fest für uns, der Schnee war frisch, die Schneeballen daher nicht eisig und schmerzten oder verletzten nicht.

Unsere Winterkleidung unterschied sich von der heutigen, es gab keine wasserabweisenden Daunenjacken oder Stiefel. Wir trugen handgestrickte Pullover (in Norwegermuster!) und Stoffjacken (meist aus alten schon etwas abgewetzten Kleidungsstücken aus der Familie), und meist Goiserer (genagelte, hohe Schuhe). Wir warten meist ziemlich nass, wenn wir von derartigen Schneeausflügen zurückkamen.

Auch in den Hauptstraßen lag Schnee. Es gab ja nicht viele Autos, für die öffentlichen Verkehrsmittel wurde zwar der Schnee geräumt – aber sonst. Jedenfalls, in der Früh wurde man aufgeweckt vom den Metallschaufeln, die auf dem Pflaster scharrten, die Hausmeister waren verpflichtet, denn Schnee an die Seite zu schieben um einen Gehweg freizuschaufeln. Und sofern kein Hausmeister vorhanden war, musste während des Krieges „die Hausgemeinschaft“ einspringen. Ich sehe noch meine Mutter mit der Schaufel in der Hand, mit alten Kleidern, um den Mantel zu schonen, den Schnee auf Wagerln laden, die dann entweder zu einem Kanal fuhren, wo der Schnee hineingeleert wurde oder in nahegelegene offene Fläche, wie besonders in  so genannte „Beserlparks“ (kleine kümmerliche Parkanlage). Wenn es einen Fluss in der Nähe gab (die Wien, den Donaukanal oder die Donau selbst) musste der Schnee dorthin gebracht werden.

Besonders beeindruckt hat mich damals der Eisstoß auf der Donau. Ein Eisstoß entsteht, wenn die Eisdecke eines Flusses bricht und sich die Eisschollen entweder an der noch bestehenden Eisdecke oder an anderen Hindernissen wie Brücken zusammenschieben und aufstapeln. Das Wasser kann nicht mehr abfließen und es entstehen Überschwemmungen im Rückstaubereich. Wird der Wasserdruck zu groß, dann bricht der Eisstoß und verursacht eine Flutwelle. Es war schon eindrucksvoll, manche Leute kletterten drauf herum, aber mein Vater erlaubte es mir nicht. Seit den Hochwasserregulierungen, besonders jener letzten, nämlich dem Bau der Donauinsel, kommt es zu keinen Eisstößen mehr. Darüber sollte man wahrscheinlich froh sein, denn derartige Naturereignisse und die drauffolgenden Hochwasser haben viel Schaden angerichtet.

Als ich dann schon größer war,sind wir mit der Familie meiner Schulfreundin im Wienerwald Schifahren gegangen. Mit der Straßenbahn zur Endstation, die Schi auf den Schultern irgendwo hinauf und dann lustig, durch Hohlwege zurück ins Tal.

Eislaufen war eine große Freude meiner Kindheit und teilweise meiner Jugend. Unser Ziel war der Engelmann in Hernals. Dort gingen wir (meine Mutter und ich) zu Fuß (es musste ja gespart werden), von der Währingerstraße in die Syringgasse. Als wir dort ankamen war uns jedenfalls schon warm. Die Eisschuhe hatten wir in einem „Saisonkastl“. Die waren schnell angezogen und ich lief schon aufs Eis. Es war wunderbar, bis man versuchte, etwas „Struktur“ in mein Eislaufen zubringen, aber das Achterfahren und Ähnliches langweilte mich schon vom Hinschauen. Mir wurde zwar vorgehalten, dass ich nur so eine gute Eisläuferin werden könnte, wenn ich … Aber eigentlich wollte ich ja keine große Eisläuferin werden. Wir fuhren damals in Röcken! Es wurden dicke Strumpfhosen angekauft um uns auch warmzuhalten.

Als wir ab 1944 die Winter in Pregarten verbrachten, konnte ich auf der gefrorenen Aist Schlittschuhlaufen. Das war schon ganz anders, als auf dem Eislaufplatz, es war holprig, es gab nicht ganz zugefrorene Stellen aber man konnte über weite Strecken laufen.

Um meine Ambitionen zu wecken wurde ich wohl auch zur Eisrevue ausgeführt. Mitten im Zweiten Weltkrieg entstand die Vorläuferin der Wiener Eisrevue, die „Karl-Schäfer-Eisrevue“, benannt nach dem österreichischen Eiskunstläufer mit den meisten internationalen Titeln. Schäfer trainierte bei Engelmann! 1945 wurde die Wiener Eisrevue gegründet. Ihr erster Star war die EM-Dritte von 1937 und 1938, Emmy Puzinger. Die Aufführungen fanden am Platz des Wiener Eislaufvereins statt. Natürlich saß man im Freien und es war ziemlich kalt.  Stars waren vor allem Kunstläuferinnen und Kunstläufer gewesen, die noch bei internationalen Konkurrenzen starteten und daher keine Gagen nehmen durften. 1949 gewann die Wiener Eisrevue mit dem einstigen „Wunderkind des Wiener Eissports“ Eva Pawlik erstmals eine Europameisterin. Sie war die einzige promovierte Eisbombe des Ensembles -und daher das oft zitierte Vorbild für mich. Ich konnte dennoch nicht motiviert werden. Ich brachte es dann nicht einmal zum Eistanzen.

Die glitzernde Winterwelt im Winter in Wien geht mir schon ab!

 

 

 

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