Gedanken zur Pflege – aus eigener Erfahrung (I)

Ich erlaube mir, zum derzeit heiß diskutierten Thema „Pflege“ auch „meinen Kren dazu zugeben“, wie man bei uns sagt.

„Experte“ kann ich mich nicht nennen, aber ich habe ziemlich lange Erfahrung damit. Allerdings nur mit einem „Fall“, und wahrscheinlich ist jeder Pflegefall individuell anders. Und das macht eine allgemeine Lösung so schwierig.

Man kann die Situation der Pflege eines „Alleinstehenden“ nicht mir Pflege eines Angehörigen vergleichen. Man kann den Pflegebedarf eines geistig eingeschränkten nicht mit einem körperlich behinderten Menschen vergleichen. Man kann den Pflegebedarf eines jungen Behinderten nicht mit jenem eines langsam alt werdenden Menschen vergleichen. Ja, und jetzt wird es heikel, man kann die erforderliche Pflege für einen Mann mit jenem einer Frau nicht vergleichen. Und es ist wahrscheinlich die Pflege eines positiv denkenden Menschen mit jener für einen „ablehnenden“ Menschen nicht schon gar nicht vergleichbar. Über diese und noch eine Vielzahl anderer „Fälle“ kann kein einheitliches „System“ gestülpt werden.

Ich kann nur von den Herausforderungen, die die Pflege eines Angehörigen stellt, berichten. Mein Mann hat mit knapp 61 Jahren eine schwere Gehirnblutung erlitten. Das Ergebnis war eine halbseitige Lähmung der rechten Seite, und anfangs auch Sprachstörungen. Die Ärzte waren meinem Mann gegenüber sehr offen betreffend die Konsequenzen für sein weiteres Leben. Sie brachten ihn in dem zweimonatigen Krankhausaufenthalt dazu, mit einer Logopädin zu arbeiten, er musste 10 kg abnehmen und Physiotherapie wurde sehr früh eingesetzt. Z.B. musste mein Mann wieder lernen, sich allein im Bett umdrehen zu können. Aber er hatte klare Ziele, was er, trotz aller körperlicher Einschränkungen wieder erreichen wollte, für ihn war das Glas jetzt eben (nur mehr) halbvoll (aber er klagte nie über das halbleere Glas). Er konzentrierte sich darauf, was er alles noch konnte und arbeitete an dem, was noch erreichbar war. Das macht – damals nur Unterstützung – eines Angehörigen um vieles leichter. Meine erste Herausforderung war, als er anfangs noch im Spital lag, ihm zu helfen, seinen Schlafrock anzuziehen. Sie werden es nicht glauben, aber ich scheiterte, bis mir dann die Schwester erklärte, dass man IMMER mit der behinderten Seite beginne müsste. Im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt ging es dann noch 6 Wochen auf Rehabilitation. Zum Glück konnte das in Wien stattfinden, sodass ich meinen Mann täglich besuchen konnte und mir dort eigentlich auch die erforderlichen Übungen erklärt wurden.

Als mein Mann das erste Mal nach seiner Gehirnblutung „auf Urlaub“ nach Hause kam, das war zu Weihnachten, war er noch auf den Rollstuhl angewiesen. Mein Sohn und mein Schwiegersohn trugen ihn über die 12 Stufen, die bei uns zum Lift führen, hinauf. Ich war dann in der Wohnung auch recht „patschert“ mit dem Rollstuhl, weil wir z.B. auch Schwellen zwischen den Räumen haben. An Duschen oder Ähnliches war damals noch gar nicht zu denken. Und für mich war es aufwändig, ihn zu betreuen, ihm alles zu bringen, was er brauchte, ihn hinzuschieben, wohin er wollte und gleichzeitig für Weihnachten zu kochen und alles herzurichten. Aber er war so glücklich, wieder zu Hause bei seinen Büchern, seinen Schallplatten zu sein, an seinem Schreibtisch zu sitzen! Ich biss daher die Zähne zusammen und hoffte, dass es nach der Reha leichter würde – und es wurde!

Dazu kamen dann später eine Physiotherapeutin und Ergotherapeutin in die Wohnung, die mir erklärten wo nun z.B. Haltgriffe im Bad, in der Toilette anzubringen wären. Die Badewanne wurde entfernt, dafür eine Dusche installiert (damals noch mit Duschtasse – leider).

Ich kann dem Personal des Rehab Zentrums nicht genug danken, denn nach eineinhalb Monaten konnte mein Mann selbstständig – zwar mit Stock – gehen und sehr vieles mit der linken Hand bewerkstelligen. Er konnte wieder schreiben – einerseits mit der linken Hand – nach unsäglicher Mühe – andererseits in der Zeitung, dort umgestellt von Eingabe in den Computer auf Diktieren. Das war eines der Ziele gewesen, die er erreichen wollte – und hat!

Ein weiteres Ziel – Autofahren – wäre nur durch einen Totalumbau des Autos möglich gewesen. Daher: wenn mein Mann allein unterwegs war, ging er kurze Stücke zu Fuß, größere Strecken mit dem Taxi. Ja und wenn “sein“ Auto benützt werden sollte, musste halt ich fahren. Das war ihm nicht sehr angenehm, aber er akzeptierte es bald. Auch ich musste mich an das wesentlich größere, stärkere Auto gewöhnen. Dass mir mein Mann beim Fahren dreinredete, störte mich (das „nächste Auto war dann mit „Automatik ausgestattet, damit fiel eine Quelle seiner Interventionen weg: wann zu Schalten wäre.)

Es kamen regelmäßig Physiotherapeutinnen und Ergotherapeutinnen zu uns ins Haus. Manche blieben uns über Jahre treu, sie wurden „Familienmitglieder“. Es wurden auch manche Urlaube für Rehabilitationen benutzt. Damals konnte ich noch nicht bei meinem Mann wohnen, entweder besuchte ich ihn zum Wochenende oder wohnte in irgendeinem Gasthaus „in der Nähe“.

Der „Pflegebedarf“ war damals gering, bei mir fiel eher Mehrarbeit an, vor allem alles zu tragen, beim Einkaufen, beim Reisen etc. an und bei den „Chauffeurdiensten“. Was mein Mann nicht konnte war das Anziehen von Schuhen, er musste eine Schiene tragen um zu verhindern, dass er über den „hängenden“ Vorfuß stolperte. Die musste von einem orthopädischen Schuster angefertigt werden.  Auch „Spezialschuhe“ waren erforderlich, um diese Schiene darin „unterbringen“ zu können.  Das Anziehen der Schuhe konnte recht anstrengend sein, weniger in der Früh, aber am Nachmittag, wenn die Füße bereits ein bisserl geschwollen waren, war das ein mühsamer Prozess. An eine Situation erinnere ich mich besonders: wir waren im Flugzeug unterwegs in die USA, alle hatten die Schuhe ausgezogen, auch so mein Mann, und es schien als ob ich sie nicht und nicht anziehen können. Alle Umsitzenden schauten mir fasziniert zu, als ich auf dem Boden kniete um den Schuh über die Schiene zu bringen. Letztlich ist es mit dann doch mit Kraftanstrengung doch gelungen.

Ich glaube, dass es „für pflegende Angehörige“ gut wäre, eine Ausbildung anzu bieten, damit man lernt, wie man jemand „anfassen“ kann, um ihm oder Ihr beim Aufstehen zu helfen, beim Ein- oder Aussteigen in ein Auto. Das würde für Pflegende und auch Behinderte mehr Sicherheit bedeuten.

Die Situation verschlechterte sich dann langsam, doch darüber ein anderes Mal.

Gedanken zur Pflege – aus eigener Erfahrung (I)

2 Gedanken zu “Gedanken zur Pflege – aus eigener Erfahrung (I)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s