Wenn ein pflegender Angehöriger selbst plötzlich pflegebedürftig wird

Ein akutes Problem tritt auf, wenn jener, der pflegt, mehr oder minder plötzlich selbst „pflegebedürftig“ wird. Ich habe das erlebt.

Dramatisch war es, als ich mir während des Urlaubs den Oberschenkelhals gebrochen habe. Mein Mann war damals schon auf den Rollstuhl angewiesen, er konnte sich daher nicht mehr allein im Hotel bewegen. Ich bin zwar sicher, dass man im Hotel für ihn gesorgt hätte, aber für meinen etwas ungeduldigen Mann war das keine Option. Wir fuhren daher mit der Rettung beide ins Spital und ich verhandelte dort, dass auch er aufgenommen würde und mit mir das Zimmer teilen sollte. Nach einigem Hin und Her gelang dann diese Lösung auch. Ich musste aber auch Vorkehrungen treffen, dass das Gepäck im Hotelzimmer wieder zusammengepackt wurde und letztlich ins Spital gebracht werden musste. Ich musste dafür sorgen, dass mein Mann mitsamt dem Auto und dem Gepäck später, rechtzeitig für seine Termine, nach Hause gebracht werden musste. Und dann mussten Vorkehrungen getroffen werden, wie das laufen konnte, wenn ich in Wien aus dem Spital kommen würde – dann mit zwei Krücken.

Da in einem Krankenhaus an einem Sonntag sehr viel los war, musste ich relativ lange auf meine Operation warten. Diese Zeit konnte ich nutzen, um alle diese Schritte in die Wege zu leiten. Zum Glück hatte ich mein Handy und meinen Laptop mit ins Spital genommen – ich hatte mit längerer Wartezeit gerechnet – daher konnte ich umgehend Mails schreiben, Leute anrufen etc.

Ich erinnerte mich, dass eine Freundin kürzlich die Pflegerin ihrer eben verstobenen Mutter „angeboten“ hatte, um ihr auf privatem Weg einen „guten“ neuen Platz zu sichern. Ich kontaktierte diese Freundin umgehend, die Pflegerin hatte noch keinen neuen Platz gefunden und somit war dann dieses Problem gelöst (so meinte ich!). Nachdem die Operation vorbei war, kam ich recht bald wieder auf die Beine – mit Krücken halt. Ich übte fleißig, vor allem das Stiegen-Gehen mit Krücken.

Und was waren nun die auftretenden Probleme: Noch im Spital kümmerten sich die Schwestern ungleich mehr um meinen Mann, der ja behindert war, als um mich, ja er war charmant, lustig. Für mich hatten sie dann einfach weniger Zeit (das einzige Mal, als mich das wirklich störte, war, dass ich allein geduscht habe und einfach Angst hatte, auszurutschen. Ich bin nicht ausgerutscht.)

Nach einer Woche wurde ich in der Rettung dann von unserem Urlaubsort in ein Wiener Spital gebracht. Unsere Enkeltochter reiste mit der Bahn an und brachte meinen Mann samt Gepäck in unserem Auto nach Wien. Und dort wartete nun die neue 24-Stunden Hilfe. Ich konnte nicht dabei sein. Meine damalige Haushälterin hatte angeboten, bei der „Einführung“ der „Neuen“ dabei sein zu wollen – und ich war dafür dankbar. Das lief aber ganz anders, als ich gehofft (und erwartet hatte). Unsere damalige Haushälterin war eine sehr „resche“, zuweilen etwas hantige Person. Und statt „der Neuen“ zu helfen, wollte sie nur „ihr eigenes Territorium abgrenzen“. Was ich nicht realisiert hatte, war, dass sie fürchtete, ihren Job bei uns zu verlieren. Wäre im Grund auch sinnvoll gewesen, wenn diese 24-Stunden-Hilfe ständig geblieben wäre. Denn diese „Neue“ sollte ja „den Haushalt“ übernehmen. Da entstand sofort der erste große Konflikt – bei dem ich dann, als ich endlich wieder zu Hause war, ständig vermitteln musste (mühsam).

Also, die „Neue“ kochte für meinen Mann. Sie selbst war überzeugte Vegetarierin und selbstverständlich kochte sie auch dieses Tofu-Zeug auch für meinen Mann, der so etwas wirklich nicht ausstehen konnte. Als ich dann nach einer weiteren Woche nach Hause kam, übernahm ich selbstverständlich das Kochen für mich und meinen Mann. Dieses Essenlehnte die 24-Stunden-Hilfe aber ab. Wir einigten uns, dass sie für sich und ich für uns kochen würden. Da aber die Haushälterin ein Küchenverbot für die jetzt zusätzliche Hilfe erlassen hatte, solange sie in der Wohnung war, wurde es in der Küche gegen Mittag eng. Wir einigten uns, dass „die Hilfe“ von 11 – 12 kochen würde, ich dann ab 12 über die Küche verfügen könnte.

Und das Badezimmer: wir haben ohnedies zwei davon. Aber eines ist für meinen Mann vorgesehen und das andere „für Damen“.  Die Hilfe entschied, dass sie das Badzimmer von 13:30 – 14:30 Uhr benötige, na gut, das war dann keine „Konfliktzone“. Aber ab 15 Uhr bis ca. 18 Uhr wäre nun ihre Freizeit. Das war nun schon problematisch, denn in dieser Zeit durfte ich dann natürlich keine „Außentermine“ haben und konnte auch nicht weggehen. Und ihre Freizeit, die war „eisern“. Das war dann schon ein Problem für mich, wenn ich z.B. einen Arzttermin wahrnehmen musste. Mein wirklich gutmütiger Mann meinte, dass er dann eben allein bliebe, aber ich war dann schon sehr unsicher und beunruhigt, wenn er allein zu Hause war.

Natürlich hatte die Dame ein Zimmer für sich, aber in diesem standen noch Bücherregale und Kästen, die nicht ausgeräumt worden waren. Also – begann ich auf Krücken – zu mindestens einen Kasten für sie auszuräumen. Sie meinte, einen eigenen Fernseher zu benötigen, über den alle slowakischen Sender zu sehen sein müssten. Es fand sich ein alter Fernsehapparat in der Familie (der heute noch bei uns unnütz herumsteht), ein Fernsehtechniker karrte ein Zusatzkastl herbei und die slowakischen Sender konnten erreicht werden.  Huh.

Und dann noch der ganze Papierkram mit dem Anmelden, in der Wohnung, bei der Sozialversicherung etc.

Langsam störte mich das alles einigermaßen und ich klagte bei meinem Mann: „ich will mein früheres Leben zurück“. Mich irritierte es, wenn immer jemand „Fremder“ in der Wohnung war. Die Hilfe hatte nie genug zu tun. Sie wollte mit meinem Mann ins Kaffeehaus gehen – ich fand, wenn, dann sollte sie mit ihm Spazierengehen, d.h. ihn auch anzuregen, aus dem Rollstuhl aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen. Das betrachtete sie wieder nicht als ihre Aufgabe.

Ich überlegte sehr bald, auf ihre Dienste zu verzichten.  Jetzt packte mich wieder das schlechte Gewissen. Hätte sie vielleicht etwas Besseres gefunden, wenn ich sie nicht so abrupt benötigt hätte? Nach einiger Zeit nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und teilte ihr mit, dass wir sie in absehbarer Zeit nicht mehr benötigen würden. Sie war gar nicht so unglücklich darüber. Später erfuhr ich dann, dass sie als Haushälterin bei einem Gemüsebauern im Burgenland tätig und sehr zufrieden war.

Das war mein erster Versuch mit einer 24-Stunden-Hilfe. Ich war so froh, als sie endlich weg war, jede zusätzliche Arbeit war mir lieber, was ich auch allen gerne versicherte, als diese Lösung beendet war.

 

 

 

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