Wiener Spaziergang – von Vindobona in den Trattnerhof

Darf ich Sie auf einen ganz kleinen Spaziergang durch meine Stadt mitnehmen. Das Wetter ist ja wirklich passend, die Sonne scheint, es ist nicht mehr zu kalt aber auch noch nicht zu warm. Man kann seinen Kaffee, seinen Drink oder sogar das Essen im Freien einnehmen.

Das „Grätzel“ (in Wien Teile von Wohnbezirken), das ich Ihnen diesmal vorstellen möchte, liegt „unterhalb“ des Grabens, auf dem Gebiet des Alten Römerlagers. Die Entwicklung zu einer der bedeutendsten römischen Städte und Legionsstandorte in Oberpannonien verdankt Vindobona unter anderem ihrer günstigen geographischen Lage zwischen Alpenostrand und pannonischem Raum und den alten europäischen Verkehrsachsen, der Süd–Nord-Achse entlang des Alpenrands (Bernsteinstraße) und der West–Ost-Achse entlang Alpenvorland und der Donau als Wasserweg. Zivilsiedlungen und Legionslager standen am Südufer der Donau. Der Strom ließ sich bei Vindobona relativ leicht durchqueren, da er sich dort in zahlreiche mäandernde Arme mit vom Wasser aufgeworfenen Schotterinseln dazwischen auffächerte.

Legionslager und Zivilsiedlungen sind seit dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar. Zeitweise waren in den Lagern vermutlich bis zu 6000 Soldaten stationiert. Im 4. Jahrhundert wurde das Hauptquartier des Kommandanten der Donauflotte (classis Histrica) von Carnuntum nach Vindobona verlegt. Das Legionslager bestand nach Zerstörung seiner Vorstädte als befestigte Siedlung noch bis Anfang des 5. Jahrhunderts und wurde dann endgültig von der Armee aufgegeben. Vindobona wurde vermutlich nicht zur Gänze zerstört bzw. verlassen. Eine Restbevölkerung hielt sich bis in das frühe Mittelalter.

Wir beginnen am Graben und zwischen zwei Häusern hier gibt es eine kurze Gasse, die nur aus diesen beiden Häusern besteht, und sie trennt, genannt der Trattnerhof. Sie stellt die Verbindung zwischen dem Graben und der Goldschmiedgasse, beziehungsweise dem Bauernmarkt her. Hier stand bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein geschlossener Hof, der bis ins 18. Jahrhundert dem Bistum Freising gehörte (Freisinger Hof). Der Überlieferung nach soll er von dem Kirchenfürsten und Geschichtsschreiber Otto von Freising gegründet worden sein, dem Sohne Leopolds des Heiligen aus dem Haus der Babenberger (war von 1095 bis 1136 Markgraf der bairischen Marcha orientalis), und Bruder Heinrichs Jasomirgott (* 1107; † 1177, aus dem Geschlecht der Babenberger war Pfalzgraf bei Rhein (1140–1141), Markgraf von Österreich (1141–1156), Herzog von Bayern (1143–1156) und Herzog von Österreich (1156–1177). Gegen den Graben zu stand das bischöfliche Haus mit der Georgskapelle. Ein Turm (der vielleicht zur alten Burgmauer gehörte) wird 1277 erwähnt. Ab 1323/1329 findet sich für den Hof die Bezeichnung Dompropsthof (wohl Sitz des Freisinger Dompropsts), ab 1468 Freisinger Hof.

Der Trattnerhof trägt seinen Namen vom Hofbuchdrucker und Buchhändler Johann Thomas Trattner Edler von Trattner. Dieser kaufte 1773 den damals bereits baufällig gewordenen Freisingerhof nebst einigen Häusern an. Ließ alles noch im Mai des gleichen Jahres niederreißen und erbaute den für die damalige Zeit imponierenden Trattnerhof, der bereits 1776 vollendet war. Er galt als Zeitpunkt seines Entstehens als ein wahres Wunderwerk. Darüber wurde geschrieben: „Das Trattnerhaus auf dem Graben ist seiner Population von ungefähr 600 Menschen, seines jährlichen Erträgnisses von 32.000 Gulden und seines Besitzers wegen merkwürdig, der vor 30 Jahren als ein unbedeutender Buchdrucker aus Ungarn nach Wien kam und nun ungefähr 300.000 Gulden jährlich in Umlauf setzt.“ An anderer Stelle wird der Trattnerhof „eine steinerne Grafschaft“ genannt: „vom Trattnerischen Haus ist bekannt, dass es so viel eintrage, wie zum Beispiel das Fürstentum Hechinger in Schwaben.“

Bei der Fundamentierung des Gebäudes wurden viele römische Legionsziegel, Waffen und Münzen zu Tage gefördert. Auch eine neue Hauskapelle kam an Stelle der im Freisingerhof bestandenen. Sie wurde am 13. Mai 1778 eingeweiht, musste aber schon fünf Jahres später (als Josef II. die Aufhebung der Privatkapellen verfügte) wieder aufgehoben werden.

Und zu Mozart gibt es hier- wie an vielen Stellen in Wien – auch eine Beziehung. Von Beginn des Jahre 1784 bis zum 29. September des gleichen Jahres hat Mozart selbst im Trattnerhof gewohnt. („im Trattnerischen Hause, zweite Stiege, im dritten Stock“). In dieser Wohnung wurde Wolfgang Amadeus Mozart am 21. September 1784 ein Knabe geboren, der den Namen Karl Thomas erhielt und den Johann Thomas von Trattner aus der Taufe hob. Im Trattnerhof gab der Meister zur Fastenzeit des gleichen Jahres drei Konzerte, wobei der Preis für alle drei sechs Gulden für jeden Gast betrug.

Es wird auch von einem Lesekabinett erzählt, das im Trattnerhofe in ein paar „besonderen Zimmern“ eingerichtet war, „wo alle Zeitungen periodischen Schriften“, nebst anderen Büchern gegen monatliche Bezahlung können gelesen werden. Man trifft hier oft interessante Gesellschaften an…“.

Eine Anzeige in der Wiener Zeitung verlautetet: „Das mit allerhöchster Erlaubnis bewilligte Casino für den Adel, charakterisierte und andere Personen von Distinktion wird in dem Trattnerischen Freihof am Graben, vierte Stiege, erster Stock, am 20. Juli 1784 eröffnet.

Im alten Trattnerhof befand sich bis zu dessen Demolierung im Jahre 1911 auch das allen alten Wienern bekannte Bierhaus „zur Tabakspfeife“, das sowohl vom Graben wie von der Goldschmiedgasse aus zugänglich war. Den Namen führte es nach einer Pfeife, die ihre eigene Geschichte hatte. 1551 ließ nämlich der Stadtrat auf die acht obersten Spitzen des Stephansturmes je ein Hirschgeweih aufsetzen, da man der Meinung war, dadurch das wilde Feuer (Blitz) abwenden zu können, denn es hieß, dass noch nie ein Hirsch vom Blitz erschlagen worden wäre. Da sich die Maßregel aber nicht bewährte der Turm mehrmals vom Blitz getroffen und beschädigt worden war, nahm man mehr als 250 Jahre später die Geweihe wieder ab, denn in der Erfindung des Blitzableiters hatte man mittlerweile ein wirksameres Mittel gefunden. Aus den verwitterten Hirschhornresten der Geweihe ließ der mit der Aufsicht der Reparaturarbeiten am Dom betraute Magistratsrat Ignaz Heyss eine große Tabakspfeife schnitzen, die im Jahr 1810 als Schaustück im Gastzimmer des von ihm besuchten Wirtshauses im Trattnerhof aufgestellt wurde.

Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Trattnerhof Eigentum der Familie Lederer-Trattnern. 1910 wurde die Liegenschaft von den Gebrüdern Schrantz um 6 Millionen Kronen erworben. Nach dem Eigentümerwechsel wurde der alte Trattnerhof abgebrochen und an seiner Stelle der neue zweiteiliger Trattnerhof erbaut, wobei die Seitenwand des Grabens aufgeschlitzt wurde und zwei selbstständige Häuser entstanden.

Im Zug der Kampfhandlungen (Rote Armee und Deutsche Wehrmacht) zwischen dem 8. und 11. April 1945 fielen teils auf das Dach, teils in das zweite Stockwerk vier Brandgranaten, außerdem erhielt das Haus noch einen Bombentreffer. Das zweite Stockwerk brannte aus, doch weniger infolge der erwähnten Brandgranaten, sondern durch das Übergreifen des Feuers vom Nachbarhaus.

Jetzt ist diese kleine Gasse eine elegante Einkaufsgegend und Ausgangspunkt zu weiteren interessanten Gassen in der Umgebung.

Es sind nur wenige der vielen Touristengruppen und einzelnen Touristen, die derzeit Wien (aus meiner Sicht etwas) „bedrängen“, die sich hier bewegen. Sie konzentrieren sich meist auf den Graben und die Kärtner Straße, die ich daher tunlichst meide.

Wiener Spaziergang – von Vindobona in den Trattnerhof

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