War ich eine gute Tochter?

Jetzt, als Mutter, Großmutter, ja sogar Urgroßmutter stelle ich mir die Frage: war ich eigentlich eine gute Tochter? Eine gute Tochter wessen, des Vaters oder der Mutter? Einfach ist das nicht zu beantworten.  Was wäre überhaupt eine gute Tochter?  Ist eine gute Tochter jene, die die Erwartungen ihrer Eltern erfüllt? Oder ist eine gute Tochter, jene, die sich um die Bedürfnisse der Eltern in allen Lebenslagen kümmert? Oder ist sie nur gut, wenn sie beides erfüllt?

Konkret kann ich es nur an meinem Fall analysieren.

Mein Vater war immer für mich da, er war primär liebevoll und ich glaube heute, dass er keine großen Erwartungen an mich hatte. Vielleicht war er auch mit seiner Krankheit beschäftigt, er ist aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem schweren Lungenleiden nach Hause gekommen und war dann, wie man damals sagte, Invalide zu 90%. Er wollte das – so glaub‘ ich halt – negieren, hat dennoch versuchte er zu arbeiten, in dem Sinne, dass ein Mann seine Familie erhalten muss. Es ist ihm nur teilweise gelungen, da er sehr oft krank war, sehr oft im Spital war, aber dennoch „immer weiter machte“.  Er „lieferte“ seine vollständigen Einkünfte meiner Mutter ab, und behielt sich nur etwas Taschengeld für seine geliebten Zigaretten zurück (meine Mutter ärgerte das, nicht das Zurückhalten des Geldes, sondern das Rauchen, das für meinen Vater – mit all seinen Lungenproblemen – schon sehr schädlich war). Sein Hobby wäre das Reisen gewesen, aber dazu reichte das Geld nicht. Meine Eltern waren in ihrem Leben nur zwei Mal auf Urlaub: einmal auf dem Dachstein, ganz zu Beginn ihrer Ehe und zuletzt, kurz vor dem Tod meines Vaters 14 Tage in Mali Losinj. Meinem Vater war es ein Anliegen, dass ich mein Studium abschließen konnte, ich einen „guten Mann“ und ich einen „sicheren Job“ hatte. Mit 59 Jahren ist er plötzlich gestorben.

Ihm war ich, glaube ich, keine gute Tochter. Ich habe wenig mit ihm gesprochen – leider, denn sein Leben wäre für mich interessant gewesen, ich bin ihm eigentlich nie ins Spital besuchen gegangen, „weil das meine Mutter ohnedies erledigte“. Er hatte am 6. Jänner Geburtstag, und einmal, als ich aus den Schiferien an diesem Tag wieder nach Hause kam und er mich – wie immer – vom Bahnhof abholte, hab‘ ich ihm nicht einmal zum Geburtstag gratuliert. Während meines Studiums, inmitten all der wohlhabenden Kollegen, hab‘ ich mich für die „mindere Beschäftigung“ meines Vaters geniert.

Ich weiß nicht, ob er sich über meine Haltung kränkte. Er freute sich jedenfalls unbändig über die Geburt meines Sohnes, dessen Leben er nur drei Monate begleiten durfte. Ich wollte, ich wäre mehr auf ihn eingegangen und liebevoller mit ihm umgegangen.

Meine Mutter hatte „große Pläne“ mit mir. Ich glaube, ich sollte wollte das verwirklichen, was sie aufgrund der Umstände selbst nicht erreichen konnte. Sie hat sich selbst nichts und mir möglichst viel zukommen lassen. Sie hat auf vieles verzichtet, dass ich es „besser haben“ konnte. Sie hat ein Zimmer vermietet und die Wäsche dieser Mieter gewaschen, damit auch für „Extras“ für mich (z.B. Klavierspielen Lernen) genug Geld da war. Sie hat Heimarbeit gemacht, um das Familieneinkommen aufzubessern, aber auch, damit ich „gut ausgerüstet“ auf Schikurs fahren konnte. Allerdings hat sie mir auch immer gedroht, all das zu verbieten, wenn ich nicht die von ihr geforderte Leistung erbrächte. Ich habe all das als selbstverständlich gehalten. Später, als ich schon meinen Mann kannte, habe ich sie einfach einmal zu Hause „sitzen gelassen“. Wir haben einen Ausflug gemacht und ich getraute mich nicht, ihr zu sagen, dass wir den eigentlich ohne sie machen wollten …

Wie ich ja schon öfter hier erwähnt habe, hat mir meine Mutter immer alle Hausarbeit abgenommen, weil ich ja studiert hatte und alle meine Kräfte auf meine Karriere konzentrieren sollte. Als nun mein erstes Kind geboren war, stellte ich mich recht hilflos an (außerdem herrschten bei meinem damaligen Arbeitgeber, der International  Atomic Energy Agency „amerikanische Sitten – also keine Karenz über den gesetzlichen 6 Wochen hinaus) womit sie, besonders nach dem Tod ihres Mannes eigentlich die Betreuung meiner Kinder übernahm. Natürlich war ich dankbar, denn eine Unterbringung vor dem dritten Lebensjahr in einem Kindergarten war damals „nicht vorgesehen“. Aber es blieb nicht bei den drei Jahren.

Natürlich nutzte ich sie aus. Aber sie trug auch zu meinem beständigen schlechten Gewissen betreffend Kinderbetreuung bei. Einerseits war ihr mein berufliches Fortkommen auch jetzt ein großes Anliegen, andererseits hielt sie mir vor, dass andere Mütter früher aus dem Büro nach Hause kämen.  Man Mann und meine Mutter vertrugen sich nicht sehr gut miteinander (um es freundlich auszudrücken) und forderten beide Loyalität – was zu erheblichen Zwiespälten bei mir führten und ich meist eher meinem Mann „recht“ gab, als meiner Mutter, was sie sehr kränkte. Die Kindererziehung führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit meiner Mutter. Sie fand, dass ich viel wenig streng wäre, und viel zu wenig das tat, was sie für unerlässlich hielt: den Kindern nachzuschnüffeln. Heftige Streitereien gab es, als ich meinen Sohn mit zehn Jahren in ein Halbinternat “steckte“.

Wenn ich das jetzt alles so reflektiere, habe ich sie schon sehr ausgenützt, wohl auch deshalb, weil ich gerne Reisen mit meinem Mann machte und die Kinder während diesen Zeiten komplett meiner Mutter überließ. Sie bezeichnete mich dafür als Rabenmutter und unser Fortgehen wurde von einem lauten „Kra Kra“ begleitet. Allerdings als „Putzfrau“ benutze ich meine Mutter nicht, denn es war schwierig, aber ich habe auf einer „Bedienerin“ bestanden, die meiner Mutter aber nichts recht machen konnte. Wir besaßen jahrelang eine Geschirrwaschmaschine, aber meine Mutter verweigerte deren Nutzung: das Geschirr wird kaputt, ist wäre schlecht gewaschen und es wäre zu teuer, sie zu betreiben, waren ihre Argumente.

Auch als die Kinder schon groß waren und nicht mehr zu Hause wohnten, kam sie täglich, pünktlich um 7 Uhr zu uns, wie sie das über Jahrzehnte – ohne krank zu sein – getan hatte.  Und wenn ich abends heimkam, hatte sei ein Essen für mich zubereitet. Erst dann – nachdem sie wieder alles weggeräumt hatte, ging sie wieder nach Hause.

Erst als sie mit 85 im Sterben lag – sie war so unglücklich darüber „uns jetzt zur Last zu fallen“ sagte sie mir, wie schön die Zeit mit meinen Kindern für sie gewesen wäre.

War ich eine gute Tochter?

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