Was tut man so – am Tag vor dem Weltuntergang

Wenn man lange genug wartet, kommt alles wieder! Als ich viel jünger war, und schon lange davor war Surrealismus “in“. Das habe ich zu Surrealismus im Internet gefunden: Als Surrealismus bezeichnet man eine künstlerisch-literarische Avantgardebewegung, die nach dem Ersten Weltkrieg in Paris entstanden war. Inspiriert von der Psychoanalyse und Traumdeutung Sigmund Freuds, drangen die Surrealisten ins Unbewusste vor, das sie als wichtigste Quelle der Kunst betrachteten. Die surrealistischen Dichter suchten die Wahrheit in Träumen, Visionen und Rauschzuständen – mit ihrer Hilfe wollten sie die rational zugängliche Wirklichkeit durchstoßen. Ziel war die Synthese von traditionellen Widersprüchen (z. B. Leben und Tod, Tag und Nacht) und die Erschaffung einer traumartigen Überwirklichkeit, die den Menschen aus inneren und äußeren Zwängen befreien sollte. Die surrealistischen Dichter verzichteten provokativ auf Vernunft, Logik und Syntax, sie streiften ästhetische und moralische Konventionen ab und verschmähten jede objektive Aussage über die Wirklichkeit. Auf der Suche nach adäquaten Ausdrucksmitteln griffen die Surrealisten weit über den Rahmen des Literarischen hinaus: Ihre Texte erlauben keinen eindeutigen Unterschied zwischen Lyrik und Prosa, Collage-, Montage- und Fragmenttechnik sind beliebte Schreibweisen und werden durchsetzt mit Zitaten aus Zeitungen, Dokumenten oder der Werbung. So entsteht ein experimentelles, verfremdetes, visionäres und von irrationalen Elementen beherrschtes Bild der Wirklichkeit.

Und vieles von dem konnte ich in dem Theaterstück „In Ewigkeit Ameisen“ von Wolfram Lotz wiederfinden, das ich kürzlich im Akademietheater in Wien gesehen habe. Freunde, die bereits früher ein Stück von Lotz gesehen hatten, meinten, dass ihnen dieses sehr gut gefallen habe (die lächerliche Finsternis).  Meine Erwartungen waren daher recht hoch. Erstaunt war ich dennoch, dass im Akademietheater ziemlich viele Plätze freiblieben (es war die zweite Aufführung der „Ameisen“ in Wien) und sehr viele junge Leute, die Restkarten bekommen hatten, einen Teil des Theatersaales füllten.

Es verwirrte mich bereits das Programmheft. In der Liste der handelnden Personen und ihrer Darsteller waren bei jedem der Schauspieler (fast) alle handelnden Personen aufgeführt. Ansonsten war für mich in dem Programmheft  auch nicht viel zu finden, das mich über das Stück aufgeklärt hätte. Was die 1977 ins All geschickten Grüße – in 55 Sprachen – mit dem Stück zu tun haben, ist mir recht schleierhaft. Nun gut! Ich wusste, dass es sich bei diesem Stück um eine Zusammenstellung von zwei Hörspielen handelt. Die Frage, wie sich Menschen verhalten, wenn sie wissen, dass in einem Tag die Welt untergeht ist ja durchaus interessant. Ich war gespannt. Aber die zwei Stücke wurdennicht hintereinander, sondern intermittierend gespielt. Auch gut!

Dass zwei patscherte Engel – in Blaumannbekleidung – vom Himmel herunterkommen – darauf war ich eigentlich nicht vorbereitet, einer mit schwarzen Flügeln, der andere mit weißen, einer mit einem (erst später flammenden) Schwert, der andere mit einer Trompete. Sie sind beauftragt, die Menschen eines Dorfes zu „richten“, was sie eigentlich ärgert, denn sie würden lieber die Menschen einer größeren, bedeutenderen Stadt richten. Nachdem sie eine Weile den Beginn dieser Aktion verzögert hatten, finden sie dann keine Menschen in den Häusern. Die beiden sind der Erzengel Michael und der Engel Ludwig. Soweit der eine Handlungszweig.

In der anderen, parallel sich entwickelnden Handlung treten ein Ameisenforscher und sein Assistent auf. Eigentlich wuzeln sie sich aus einem Zelt. Der Fortscher ist behindert und sitzt im Rollstuhl, der Assistent hat ihn zu schieben. Beide wissen, dass die Welt untergehen wird, aber der Forscher will eine blaue Ameise im Dschungel finden, weil er mit der Entdeckung unsterblich werden will, da sie seine Namen tragen wird. Der Assistent fragt an, ober er auch seine Namen dazufügen könnte (Müller) was der schon sehr arrogante, rücksichtslose Forscher ablehnt.  Rastlos, von unterschiedlichen Darstellern gespielt, hat der bereits ziemlich kranke Müller seinen Forscher durch die Gegend zu schieben, um ja noch rechtzeitig die blaue Ameise zu finden.  Müller würde gerne mit seiner Frau telephonieren, aber irgendwie klappt das nicht ganz. Zwischendurch tritt ein Igel auf, der in Konflikt mit den zwei Engeln gerät. Soll er die Kommunikationsunfähigkeit unserer Zeit darstellen? Auch ein Mauersegler spricht aus dem Abseits. Später bittet noch ein Schwein (das sichtlich bereits in einen Schlachthof gebracht worden war) um seinen raschen Tod, der ihm aber verwehrt wird, da die Engel ja nur Menschen umzubringen hätten.

Das Stück soll eigentlich zynisch, lustig (?) sein, aber nur wenige im Publikum lachen. Ich gebe zu, dass ich trotz allem Tohuwabohu zwischenzeitlich in einen Sekundenschlaf gefallen bin.

Jedenfalls gegen Ende müssen die Engel feststellen, dass alle Menschen des Dorfes in der Kirche zu finden sind, wo sie allerdings schon tot sind. Der Forscher findet seine blauen Ameisen, die ihn und seinen Assistenten verschlingen – bzw. vielleicht werden die beiden auch zu Ameisen (das kann ich nicht mit Sicherheit sagen).

Die Schauspieler haben ihre Rollen souverän gemeistert, sie waren großartig!  Das Publikum war Großteils verwirrt, einige begeistert. Die Schauspieler wurden bejubelt. Und – was hat das alles für mich bedeutet: ich frage mich, wie ich mich verhalten würde, wenn morgen der Weltuntergang stattfindet? Da ich, wie bereits gesagt, schon recht alt bin, muss ich – nicht gerade mit dem Weltuntergang – aber doch mit meinem nicht so fernen Ableben rechnen. Das heißt, ich bin dankbar für jeden Tag, den ich noch da sein darf und versuche das Beste draus zu machen.

 

 

Was tut man so – am Tag vor dem Weltuntergang

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