Ist das Völkerkundemuseum wirklich so leer?

Es ist schon so lange her, dass ich nicht mehr im Volkskundemuseum war, sodass ich mich nicht mehr erinnern kann, was ich dort gesehen haben könnte. Und deshalb bin ich auch wieder einmal hingegangen. Es befindet sich in dem sehr hübschen, barocken Gartenpalais Schönborn im achten Bezirk.

Das Museum wurde 1895 von Michael Haberlandt und Wilhelm Hein, beides Beamte an der Prähistorisch-Ethnographischen Abteilung des k.k. naturhistorischen Hofmuseums und führende Mitglieder der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, gegründet. Die Sammlungen waren für das Gesamtgebiet der cisleithanischen Reichshälfte der österreichisch-ungarischen Monarchie gedacht, es sollten sämtliche Völker, die unter der österreichischen Krone vereint waren, repräsentiert werden. Im Einklang mit einer (vielvölker)-staatserhaltenden Leitlinie griff man auf weitere europäische Regionen aus und folgte der Richtung einer „vergleichenden“ Volkskunde. Während der Ersten Republik stand nun Deutsch-Österreich im Fokus der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit. Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich bedeutete für das Museum eine weitere Transformation gemäß den Wünschen und Vorgaben der neuen Machthaber. Das Museum für Volkskunde wurde zum „Haus des deutschen Volkstums im Südosten“.  Volkskunde wurde zum Zwecke einer ideologischen Festigung des „germanisch-deutschen Erbes“ instrumentalisiert.

Nach umfangreichen Baumaßnahmen am Museumsgebäude in den Jahren 1956 bis 1959 erfolgte eine Neuorientierung und somit Konsolidierung des Museums. Es erfolgte eine durchgängige Gliederung nach Landschafts- und Sachgruppenräumen im Sinne einer regionalen Struktur.

Der Grundstock der Sammlungen stammt aus der Zeit der Habsburgermonarchie, zum Inventar gehören aber auch Objekte zahlreicher anderer europäischer Länder Der Bestand umfasst heute über 150.000 dreidimensionale Objekte und mehr als 200.000 Fotografien und Grafiken. Das Museum beherbergt auch eine umfangreiche Fachbibliothek für Volkskunde/Europäische Ethnologie.

Es war zwar kein großes Gedränge, aber es waren z.B. zwei Führungen während meiner Anwesenheit unterwegs. Die eine bestehend aus Kindern im Schulalter, meist Mädchen, die andere bestehend aus Pensionisten, die ja Zeit für derartige Unternehmungen haben.

Ich wollte mir vorerst den „konventionellen Teil“ der Ausstellung anschauen, der derzeit unter dem Titel: „die Küsten Österreichs“ steht. Besonders beeindruckt hat mich dabei ein bäuerlicher Raum, wie ich ihn noch aus meiner Kindheit kenne, holzgetäfelt, Herrgottswinkel, Tisch mit Bänken herum. Darum ist seinerzeit der Bauer mit seiner Familie und seinem Gesinde gesessen, eine Schüssel stand in der Mitte des Tisches, alle hatten an ihrem angestammten Plätzen einen Löffel an einem Haken hängen, mit dem sie das Essen aus der gemeinsamen Schüssel aßen.  Nur dieses Bild wird dadurch gestört, dass vor den kleinen Fenstern dieses Bauernhauses das Meer mitsamt einem Schiff zu sehen ist. Denn in die Sammlungen wurde ein Update hinein gemacht, und zwar von externen KuratorIinnen – alle im Asylverfahren. Es werden Vergleiche zu deren Heimatländern gezeigt, es werden Fluchtobjekte (ein kaputtes Schlauchboot, Koffer, Rucksäcke mit den Objekten dieser Sammlung kontrastiert. Und es werden Texte gezeigt, wie diese „Noch-nicht-neo-Österreicher“ die Objekte kommentieren. Ich finde es spannend. An sich liebe ich ja die Sammlung alter Objekte, von denen ich in meiner Kindheit so manche noch in Betrieb gesehen, sogar benutzt habe, Buttermodeln, Spinnrocken, Butterfassln, Melkstühle, Heugabeln, Dreschflegeln etc. Das irdene Geschirr, das damals noch verwendet wurde, z.B. die großen bemalten Krüge, in denen im Sommer die Milch sauer geworden ist, die in der Speis standen um gekühlt getrunken zu werden.

Liebevoll sind die Objekte zusammengetragen, Modelle der typischen Höfe werden gezeigt, ebenso wie die Pläne, die spärlichen Möbel, die schönen geschnitzten Truhen und bemalten Kästen und die oft sehr unbequemen Sessel. Es sind auch ganze Dioramen ausgestellt, von Marktgeschehen in den Städten.  Man kann viel Zeit in dieser Ausstellung verbringen und alte Erinnerungen aufleben lassen. Das habe ich getan, aber es gibt noch eine zweite Ausstellung.

Etwas zu spät hat sie begonnen, denn schon vorher war viel von diesem Thema in den Medien die Rede gewesen: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich. Viele Bilder hat man schon in anderen Ausstellungen zu diesem und ähnlichen Themen gesehen.

Aber wenn man den Spruch von Karl Kraus liest: „Behüte der Himmel! Sie meinen es politisch!“ meint man leider noch immer, dass es derzeit gesagt wird. Es werden hier nicht nur die Ereignisse des Jahres 1918 dargestellt, es geht um die Repräsentanz der Frauen im Parlament, in den Landtagen und Gemeinderäten auch seither. Es geht um Frauen in der Regierung, es geht um Fraueninitiativen durch diese hundert Jahre. Es werden auch Frauen gezeigt, die Ämter angestrebt aber nicht erreicht hatten. Naheliegenderweise wird das immerwährende Spannungsfeld zwischen Beruf und Karriere thematisiert.

Vieles gibt es zu sehen, zu lesen, zu erfahren. Leider ist auch vieles so hoch angebracht, dass es schwer zu sehen und zu lesen ist. Ich kann es ja bei der Fülle des Materials verstehen, aber man sollte dennoch drauf achten, dass alles sicht- und lesbar bleibt.

In einem recht populären, eher rechtsgerichteten Blog habe ich kürzlich gelesen, dass dieses Museum besucherlos und linksradikal ausgerichtet wäre. Ich habe viele Besucher wahrgenommen, dass es einen „Linksdrall“ bei 100 Jahre Frauenwahlrecht gibt, kann ich erkennen, ansonsten sehe ich nicht viel Linkes, es sei denn, man erachtet die Berücksichtigung von Neo-Österreichern als links – was ich aber nicht so sehe.

 

Ist das Völkerkundemuseum wirklich so leer?

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