Ostern 2019 in Sri Lanka

Es war ein prächtiger Ostermorgen – die Sonne schien, Frühling allenthalben. Bis man dann das Radio aufdrehte. Man glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. Anschläge in Kirchen und Hotels in Colombo. Von bis zu hundert Toten war anfangs die Rede.

Später stellte sich dann heraus: acht Explosionen erschütterten in verschiedenen Teilen Sri Lankas Kirchen und Luxushotels. Mindestens 207 Menschen kamen bei den mutmaßlichen Terror-Anschlägen ums Leben, es gibt Hunderte Verletzte. Unter den vielen Todesopfern sind auch mindestens 32 Ausländer.

Ersten Berichten zufolge waren drei Kirchen in verschiedenen Teilen des Landes, in denen Ostergottesdienste stattfanden, außerdem drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo betroffen. Der Polizei zufolge ereigneten sich die Explosionen fast alle innerhalb einer halben Stunde.

Wenige Stunden später gab es eine siebte Explosion in einem Hotel in Sri Lankas Hauptstadt Colombo, dabei kamen zwei Menschen ums Leben. Kurz darauf meldete die Polizei eine achte Explosion. Sie geschah am Sonntagnachmittag (Ortszeit) in einer Wohngegend in Dematagoda, einem Vorort der Hauptstadt Colombo. Dabei handelte sich um einen Selbstmordanschlag – drei Polizisten starben bei dem Attentat.

In den Kirchen hatten gerade Gottesdienste stattgefunden, in den Hotels saßen die Gäste beim Frühstück.

Abends wurde gemeldet, dass die Verantwortlichen für die Anschlagsserie bereits identifiziert worden wären. Es war angeblich ein so genannter terroristischer Vorfall, inszeniert von extremistischen Gruppen, angeblich wurden mittlerweile 13 Verdächtige festgenommen. Aber aus welcher Gruppierung sie kommen oder was ihre Ziele waren, scheint weiterhin unbekannt.

Wohl einer der ersten Gedanken war: wer war das und warum hat er dies angerichtet? Eindeutig scheint nur, dass es gegen Christen gegangen ist.

Sri Lanka, bis 1972 Ceylon, zählt 20,8 Mio. Einwohner. Heute ist das Land eine multireligiöse und multiethnische Nation, in der neben dem Buddhismus und dem Hinduismus das Christentum und der Islam bedeutende Religionen sind. Die Singhalesen machen den größten Teil der Bevölkerung aus (ca. 75%). Die Tamilen – ca. 15% – stellen die größte Minderheit. Andere ethnische Minderheiten sind die Moors, Malaien, Burgher und die indigene Bevölkerung Sri Lankas, die Veddas. Die Insel ist aufgrund ihrer landschaftlichen Schönheit und ihres reichen Kulturerbes (zum Beispiel des Ayurveda, einer traditionellen Heilkunst) ein beliebtes Touristenziel. Die Singhalesen sprechen Singhalesisch (Sinhala), eine indoarische Sprache, die Tamilen und Moors dagegen Tamil, das zur Gruppe der drawidischen Sprachen gehört. Englisch ist als Verkehrs- und Bildungssprache weit verbreitet. Nach der Verfassungsergänzung von 1987 sind Singhalesisch und Tamil die Amts- und Nationalsprachen Sri Lankas, Englisch ist als Verbindungssprache anerkannt. Nach der Volkszählung 2012 sind 70,2 Prozent der Bevölkerung Sri Lankas Buddhisten, 12,6 Prozent Hindus, 9,7 Prozent Muslime und 7,4 Prozent Christen. In der Verteilung der Religionen spiegelt sich die ethnische Aufteilung der Bevölkerung Sri Lankas wider: Die Singhalesen sind größtenteils Buddhisten, die Tamilen mehrheitlich Hindus und die Moors ausschließlich Muslime. Daneben gibt es unter Tamilen und Singhalesen christliche Minderheiten.

Sri Lanka wurde über zwei Jahrtausende von verschiedenen lokalen Königreichen regiert, bis im 16. Jahrhundert große Teile der Insel von den Portugiesen und danach von den Niederländern kolonisiert wurden. Nur das Königreich Kandy im Hochland der Insel konnte sich gegen die Kolonisatoren behaupten. 1815 jedoch wurde schließlich das ganze Land Teil des Britischen Weltreichs. Während des Zweiten Weltkriegs diente Sri Lanka den Alliierten als eine strategisch wichtige Basis im Kampf gegen das japanische Kaiserreich.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gab es immer stärker werdende Unabhängigkeitsbestrebungen. Im Jahr 1948 wurde Sri Lanka nach friedlichen Verhandlungen von den Briten unabhängig. Seit der Unabhängigkeit besteht ein stabiles, demokratisches System, das allerdings durch die Gegensätze zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilischen Minderheit belastet war und immer noch ist. Zwischen 1983 und 2009 herrschte offener Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen tamilischen Separatisten und der von Singhalesen dominierten Zentralregierung, der zahlreiche Todesopfer, vor allem aus der Zivilbevölkerung forderte. Die Menschenrechtsverbrechen des Bürgerkrieges sind bis heute nicht unabhängig aufgearbeitet.

Seit über 2000 Jahren leben Singhalesen und Tamilen auf Sri Lanka. Bei den Tamilen auf Sri Lanka wird zwischen indischen Tamilen und Sri-Lanka-Tamilen unterschieden. Die indischen Tamilen sind diejenigen Tamilen, die während der englischen Kolonialzeit aus Südindien (Tamil Nadu) als Plantagenarbeiter nach Sri Lanka gebracht wurden. Sie sind in den zentralen Gebirgen Sri Lankas angesiedelt, während die einheimischen Tamilen in den nordöstlichen Küstengebieten leben. Der Bürgerkrieg wurde zwischen den Singhalesen und den einheimischen Tamilen ausgetragen.

Die zurzeit gültige Verfassung in Sri Lanka wurde 1977 verabschiedet. Demzufolge ist Sri Lanka eine Präsidialdemokratie mit einer starken Stellung des Präsidenten. Der Präsident, dessen reguläre Amtszeit 6 Jahre beträgt, wird direkt vom Volk gewählt. Er ernennt den Premierminister, der die Regierungsgeschäfte führt. Das Parlament, das sich aus 225 Abgeordneten zusammensetzt, wird ebenfalls alle sechs Jahre in einer Mischung aus Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht gewählt. Die Politik in Sri Lanka ist seit der Unabhängigkeit von zwei großen Parteien geprägt, auf der einen Seite der United National Party (UNP), die dem konservativ-liberalen Spektrum angehört, auf der anderen Seite der Sri Lanka Freedom Party (SLFP), einer sozialistischen Partei. Daneben gibt es kleinere Interessenparteien.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei ca. 4,2 %. Problematisch ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit von ca. 20 %. Die wichtigsten Exportwaren Sri Lankas sind Textilien, Bekleidung, Tee, Edelsteine und Kokosnussprodukte.

Waren diese konzertierten Anschläge nun eine religiös motivierte Tat? Der Konflikt zwischen den buddhistischen Singhalesen und den hinduistischen Tamilen brodelt auch zehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs unter der Oberfläche weiter. Einen nationalen Versöhnungsprozess hat es bisher nicht gegeben. Die Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) hatte für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden des Landes gekämpft. Im Kampf mit den Aufständischen soll es auf beiden Seiten zu Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen gekommen sein. Der Bürgerkrieg hatte im Jahr 2009 nach 26 Jahren mit dem Sieg der Regierungstruppen geendet. Im Frühjahr 2018 waren bei anti-muslimischen Ausschreitungen mehrere Moscheen und muslimische Geschäfte angegriffen und ausgebrannt worden. Die Unruhen waren ausgebrochen, nachdem nach einem Unfall ein Lastwagenfahrer von einer Gruppe Muslime getötet worden war. Nationalistische buddhistische Mönche haben Stimmung gegen die muslimische Minderheit gemacht. Dann gibt es noch eine „orthodoxe“ islamische Organisation mit dem Namen National Thowheed Jama’ath (NTJ). Ein lokaler Ableger der Gruppe war im vergangenen Jahr aufgefallen, weil sie buddhistische Statuen entweiht hatte.

In dieser Gemengelage, könnte es fast jeder gegen jeden gewesen sein. Wir trauern auch um diese Toten und wüschen allen Verletzten baldige Genesung.

Frohe Ostern, das kann ich wohl nicht mehr wünschen!

 

Ostern 2019 in Sri Lanka

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