Lainzer Tiergarten – seit 100 Jahren öffentlich zugänglich

Es ist jetzt 100 Jahre her, dass der Lainzer Tiergarten öffentlich zugänglich gemacht geworden ist. Für uns Wiener ist es ein wunderbares Naherholungsgebiet, man kann von der U-Bahn direkt zu einem Tor des Lainzer Tiergarten kommen. Er ist ein Tiergarten im Sinne eines weitläufigen Waldgebietes mit reichem, innerhalb des Gartens freilebendem Wildbestand. Hirsche, Damwild, Rehe, Europäische Mufflons (gehörnte Wildschafe) und vor allem Wildschweine gehören zu den vielen dort heimischen Tierarten. Auch eine große Vielfalt an Fledermäusen tummelt sich dort.  Viele von uns haben die Wildschweine beobachten können, die aber zuweilen recht aggressiv auf Besucher reagieren, besonders die Muttertiere mit ihren putzigen gestreiften Ferkeln. Heute schlägt der Klimawandel auch im den wunderbaren Mischwäldern dieses Naturschutzgebietes zu: beispielsweise sind die Eschen dort sehr bedroht. Dieser Wald beherbergt aber noch einige der ältesten Buchen und Eichen im Wienerwald.

Die Gegend war schon früh besiedelt: bei der Quelle, die heute die angrenzende Ortsgemeinde Laab im Walde versorgt, wurden reiche Funde von Kelten, Römern und Awaren zutage gefördert. Grabungen 1989-1993 haben Reste eines stark von der Landwirtschaft und der Erosion zerstörten römischen Siedlungsplatzes ergeben. Wahrscheinlich wurden Siedler von der reich fließenden Quelle angezogen, an der (vielleicht schon im Mittelalter) ein Bauernhof errichtet wurde. Der Wienerwald wurde ab dem 11. Jahrhundert von den Babenbergern als Jagdgebiet genutzt.

Das Gebiet gehört zum Wiener Wald  und einige Flurnamen dort erinnern an frühere Besitzer, vom Spätmittelalter bis ins 18. Jahrhundert: z.B. Deutschordenswald, Schottenwiese, oder  Inzersdorfer, Leopoldsdorfer und Perchtoldsdorfer Wald (Besitz dieser Gemeinden).

Die Jagd war (ohne Rücksicht auf die Grundbesitzverhältnisse) den österreichischen Landesfürsten vorbehalten; Umzäunungen in einzelnen Regionen sollten ein Abwandern des Jagdwilds verhindern Den Kern des landesfürstlichen Grundbesitzes bildete der 1560 von Kaiser Ferdinand I. erworbene Auhof, zu dem auch Forste und Wiesen gehörten. Nun wurde das Gebiet zum kaiserlichen Jagdrevier, das es bis 1918 blieb. Durch Tausch und Kauf erwarben die Habsburger nach und nach weitere Gründe. Diese kaiserlichen Gründe wurden 1755 von Privat- in Staatsbesitz umgewandelt. Eine durchgehende Holzumzäunung zur Hege des Schwarzwilds (Wildschweine), bereits 1770 geplant, wurde von Maria Theresia mit einem Patent 1772 angeordnet. Westlich angrenzende Gründe wurden 1779 von Joseph II. erworben; auf seinen Befehl wurde die Errichtung der (überwiegend heute noch bestehenden) Tiergartenmauer vorgesehen. Im Zuge der Klosteraufhebungen kamen weitere Grundstücke innerhalb der Mauer in kaiserlichen Besitz; 1790 wurde Grund durch die Pfarre Ober-St.-Veit abgetreten. 1809 wurde die Mauer beschädigt und der Wildbestand durch die französische Besatzung dezimiert. 1833 beziehungsweise 1838 kam es zu einem Grundtausch mit dem Schottenstift und einigen Herrschaften (Vösendorf, Erlaa, Inzersdorf, Mauer). Von den vielen Jagden, die der Hof im Lainzer Tiergaren veranstaltete, war jene vom 5. Oktober 1814 (an welcher alle Souveräne, die am Wiener Kongress weilten, teilnahmen) am aufwendigsten; die letzte Hofjagd auf Schwarzwild fand am 9. Dezember 1908 statt.

1882–1886 ließ Franz Joseph I. im stadtnäheren, östlichen Teil des Tiergartens die Hermesvilla als Refugium für Kaiserin Elisabeth errichten. Der zur damaligen Zeit, auch auf Grund von Franz Josephs geringer gewordener Jagdlust, weniger zum eigentlichen Zweck verwendete Tiergarten wurde so erstmals anders genutzt. Der Hermesvillapark ist ein bis heute bestehendes, völlig vom Menschen bepflanztes, planiertes und gepflegtes Areal, das sich in der botanischen wie zoologischen Ausstattung stark von der Umgebung unterscheidet. Die Nutzungskonflikte nach diesem Eingriff in ein nahezu unbebautes Gebiet blieben nicht aus. So beklagten sich die Jäger über Wilderei und bezichtigten die Bauarbeiter der Brandstiftung; die jagd- und forstwirtschaftlichen Arbeiten ruhten während des Aufenthalts der Kaiserin im Tiergarten.

Durch ein Gesetz wurde 1919 das frühere Hofärar (damit auch der Lainzer Tiergarten) zum Staatsvermögen erklärt, später ging der Lainzer Tiergarten ins Eigentum des Kriegsgeschädigtenfonds über. Die Schließzeiten sorgten für Unverständnis. Obwohl die Anlage nur für die Dauer der Brunft geschlossen war, fühlten sich die Bürger ungerecht behandelt und forderten die völlige Öffnung. Das ehemalige Jagdgebiet wandelte sich langsam zum öffentlichen Park mit der Möglichkeit zur Tierbeobachtung. Schonzeiten für Wildtiere wurden eingeführt und Flora und Fauna allgemein besser geschützt.

Durch Anlage der Siedlung „Friedensstadt“ wurden 1930-1934 Grundstücke aus dem Lainzer Tiergarten ausgeschieden, die Mauer in diesem Bereich zurückgenommen. Nach Auflösung des Kriegsgeschädigtenfonds (1937) kam der Lainzer Tiergarten an den Bundesschatz, der ihn am 1938 der Stadt Wien übergab. Dann gelangte der Tiergarten bei der Realisierung von Groß-Wien durch die NS-Diktatur auf Wiener Stadtgebiet, und zwar in den damaligen 25. Bezirk, Liesing.

1941 erfolgte die Erklärung zum Naturschutzgebiet. 1945-1955 wurde der Forst- und Wildbestand durch die sowjetische Besatzung stark dezimiert. (Der Tiergarten gehörte besatzungsrechtlich nicht zur Viersektorenstadt Wien, sondern zum sowjetisch besetzten Niederösterreich.) Bei der Redimensionierung von Wien nach der NS-Zeit wurde der Tiergarten 1954 dem 23. Bezirk, Liesing, zugeordnet, 1956 in den 13. Bezirk, Hietzing, transferiert.

Die Trassierung der Westautobahn (1955) machte das Ausscheiden von Gründen im Norden des Lainzer Tiergartens erforderlich. Als Ersatz wurden 1960 90 Hektar Grundbesitz bei Laab im Walde angekauft und die Mauer dort nach Süden erweitert. Seither befindet sich der Lainzer Tiergarten nicht mehr zur Gänze im Stadtgebiet.

Mit der Zunahme der Besucherfrequenz stieg der Bedarf an Rasthäusern: 1959 wurde das „Rohrhaus“, 1963 das „Hirschgstemm“ eröffnet. 2003 wurde sogar ein Denkmal, der Tenno-Kogo-Stein (erinnert an den Besuch des japanischen Kaisers Akihito und der Kaiserin Michiko 2002 in Wien), errichtet.

Der Lainzer Tiergarten ist ein beliebtes Ausflugsziel, gut geeignet für Spaziergänge und zum Wandern. Auch für Läufer bzw. Jogger und Nordic Walker ist das gut befestigte Wegenetz ideal geeignet. Zwei Naturlehrpfade, Führungen und Exkursionen unter fachkundiger Leitung erschließen den Park. Ein Besucherzentrum bietet wechselnde Detailausstellungen zu Aspekten des Naturschutzes im Park. Bedauert wird von vielen Hundebesitzern, dass die Mitnahme ihrer Lieblinge in den Tiergarten nicht gestattet ist. Manche würden das Areal auch gerne im Winter nutzen – da ist der Lainzer Tiergarten meist gesperrt.

Ich beziehe von dort meinen Bärlauch, den meine Enkelkinder im Lainzer Tiergarten „ernten“.

Lainzer Tiergarten – seit 100 Jahren öffentlich zugänglich

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