Über die Jahrzehnte in Wien mit der Straßenbahn unterwegs

Meine Jahreskarte für die Wiener Straßenbahn ist schon recht nützlich – allerdings verleitet sei auch zur Bequemlichkeit. Manchmal, wenn ich es vorziehe wieder einmal faul zu sein, steige ich auch für einige wenige Stationen ein.

Aber so eine bequeme Jahreskarte gab es für mich nicht immer. Meine Straßenbahnzeit begann im Jahr 1945 – als ich ins Gymnasium kam. Da musste ich von der Währinger Straße Nr. 26 in die Billrothstraße Nr. 26 fahren. Und genau dafür bekam ich eine so genannte Schülerkarte. Ich durfte nur auf dieser Strecke fahren und nur an Tagen, an denen Unterricht stattfand.

Am 28. April 1945 konnten die ersten fünf Linien den Betrieb wieder aufnehmen. Die Wiener Straßenbahn hatte zu Kriegsbeginn über 3.665 Personenwagen verfügt. Davon waren 587 zerstört und 1536 beschädigt. Die Wiederherstellung des Streckennetzes sollte bis 1950 dauern. Wir fuhren vergnügt auf den offenen Plattformen (von denen konnte man verbotenerweise abspringen, nachdem man ebenfalls auf fahrende Züge aufgesprungen war). Vom Wageninneren trennte uns eine Tür. Dort konnte man sitzen, aber auch stehen.  In jedem Waggon gab es einen Schaffner oder Schaffnerin, die nicht nur für alle Durchsagen – einschließlich Ausrufung der Stationen – verantwortlich war, sondern auch für Ordnung sorgte. Der Schaffner war uniformiert und trug eine Tasche in der er Fahrscheine, Geld und Zwickzange aufbewahrte. Der Schaffner verkaufte Fahrkarten, zwickte vorhandene und kontrollierte Schülerkarten, wenn man auf einer falschen Strecke damit fuhr, musste man Strafe zahlen. Für mich waren zugelassen: der 38er und der 39er.

Bis in die 1950er Jahre wurde das Netz noch durchwegs mit alten, reparierten und teilweise mit neuen Aufbauten versehenen Wagen bedient, da erst ab 1951 neue angeschafft werden konnten. Diese Fahrzeugtypen wurden jedoch durchwegs in Serien mit geringer Stückzahl beschafft, da ab 1955 die vollständige Abschaffung der Straßenbahn auch in Wien als verkehrsplanerische Vision umging und Investitionen daher nur zögerlich getätigt wurden.

Es gab damals noch viele Linien, die aufgelassen wurden und die ich gerne mit Vorverkaufsscheinen oder Wochenkarten benutzte. Da war z.B. der C-Wagen – ich glaube von Neuwaldegg bis zum Gänsehäufel, dann fuhren auf der sogenannten Lastenstraße der E2, G2 und H2. Jetzt fährt dort die U-Bahn. Heute sagen wir Alten noch immer zu der Lastenstraße „die Zweier-Linie“. Zwischen dem Währinger Gürtel und Salmannsdorf ergänzte ab 1946 außerdem der Oberleitungsbus (Linie 22), O-Bus genannt, die Straßenbahn, er verkehrte bis 1958. Da nicht so viele Menschen über Autos verfügten – in meinem Bekanntenkreis war das der Vater einer meiner Freundinnen, der Arzt war fuhr man in Wien Straßenbahn (und oder Stadtbahn).   An Wochenende fuhren wir an die Endstationen des 38ers, Grinzing, 39ers Sievering, 43ers Neuwaldegg, aber auch 360ers Mödling um von dort unsere Wanderungen zu starten.

Ein besonderer Tag für den Straßenbahnverkehr war Allerheiligen: denn da fuhren „alle Linien“ Wiens – zum Zentralfriedhof. Ein Onkel meines Mannes, der eine hohe Position bei den Wiener Verkehrsbetrieben innehatte, stand selbst jedes Jahr zu Allerheilgen beim Zweiten Tor des Zentralfriedhofs, um die klaglose Ankunft und Abfahrt der fast hintereinander eintreffenden Straßenbahnzüge zu überwachen. Damals war der Gräberbesuch zu Allerheiligen fast noch obligat.

Mit der Zunahme des motorisierten Individualverkehrs in der Nachkriegszeit, ab der 50er Jahre, wurde der Ruf nach einer „autogerechten“ Stadt laut. Der Schienenverkehr auf der Straße wurde dabei als „Verkehrshindernis“ erachtet. Der Begriff Verkehr wurde dabei nur noch auf das Automobil bezogen. Die vollständige Verlagerung des öffentlichen Verkehrs auf die Untergrundbahn und Omnibusse wurde als Zukunftsvision verfolgt. Es war ein Volksfest in Wien Alsergrund, als die Straßenbahnlinie 13 (vom Südbahnhof zur Alser Straße) durch einen Bus ersetzt wurde. Und wer je mit dem 13er Bus unterwegs war, weiß, dass die Straßenbahn wesentlich gemütlicher gewesen ist. Es wurde sogar erwogen, diesen Vorgang rückgängig zu machen, aber das scheint heute nicht mehr möglich zu sein.

Und dann waren plötzlich keine Schaffner mehr in den Beiwagen ab 1964 und in den Triebwagen ab 1972. Ab 1968 wurden Tonbänder für die Ausrufung von Stationen und sonstige vorhersehbare Aussagen eingesetzt. Aber auch ohne Schaffner, nur mit Zugführer, die alsbald auch weiblich sein durften, blieb die Straßenbahn sehr hilfsbereit. Einmal fuhr ich am Ring in einer Garnitur, in die auch eine Kindergartengruppe eingestiegen war. Während der Fahrt entdeckte eine der Betreuerinnen, dass ein Kind fehlt. Große Aufregung. Der Zugführer kontaktierte sofort die Zentrale und als bald war das Kind in der vorigen Station auch schon gefunden.

Als ich sie noch benutzte, durfte man in die Straßenbahn keine Kinderwagen bringen. Jetzt hat sich das geändert, die Fahrer steigen aus, wenn es notwendig ist um Kinderwagen in die Straßenbahn zu heben. Auch mit Rollstühlen darf man heutzutage in den dafür geeigneten Waggons – sind halt leider nicht alle, mitfahren.

Solange das U-Bahnnetz noch weiter ausgebaut wird, – und das wird noch ein gutes Weilchen dauern – werden weitere Straßenbahnlinien eingestellt werden.

Ich fahre wirklich gerne Straßenbahn, man lernt damit auch die Stadt besser kennen.

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