Ein Vorteil des Alt-Seins: ich habe es nicht (mehr) eilig

Es gibt durchaus auch Vorteile des „Alt-Seins: einer davon ist, ich habe es nicht mehr eilig, nach dem Motto: „Eile mit Weile“. Ein sehr freundlicher Kellner in einem unserer italienischen Lieblingslokale in Wien, sagte immer zu meinem eher recht ungeduldigen Mann: „Chi va piano va sano e va lontano!“  was wahrscheinlich unserem „Gut Ding braucht Weile“ entspricht. Es gibt auch ein Brettspiel des namens „Eile mit Weile“. Aber ich bin kein Freund von Spielen.

Wenn Sie jetzt annehmen sollte, dass ich NICHT nach der Devise lebe: was Du heue kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.  Weil ja nicht jeder alte Spruch auch immer zutrifft! Selbstverständlich habe ich einen Plan, was ich so alles an einem Tag erledigen will, was getan werden muss (ein bissel ein Prokrastinierer – Brodler – bin ich schon – aber auch schon immer gewesen), aber in Summe bin ich meist diszipliniert. Aber einerseits muss ich es ja nicht unbedingt schnell verrichten und andererseits versuche ich mir nie so viel vorzunehmen, dass ich mich hetzen müsste. Das bedeutet, ich versuche Stress zu vermeiden.

Wenn Sie mich vielleicht auf der Straße sehen, kann es ihnen schon vorkommen, dass ich ein bisserl zu sehr schleiche – das kommt auch daher, dass ich es nicht eilig habe und nicht einsehe, warum ich mich hetzen soll (vor allem bei den derzeitigen Temperaturen). Ich renne auch keinen Straßenbahnen mehr nach, da halte ich mich an das alte Wahrwort: Straßenbahnen und Männern soll man nicht nachlaufen. Das heißt auch jetzt nicht, dass ich unpünktlich geworden wäre (naja, Ausnahmen gibt es auch hier, weil ich langsamer geworden bin, und das manchmal halt noch nicht richtig einschätze). Aber meist halte ich meine Termine ziemlich ordentlich ein.

Ich habe auch gelernt, Prioritäten zu setzen, fast keiner meiner Termine ist so „in Stein gemeißelt“, dass ich ihn letztlich nicht verschieben könnte, ich tue es aber sehr selten. Denn ich finde es unfair, jemandem zuzusagen, und dann bei einem „besseren Angebot“ wieder abzusagen. Ohne Probleme kann ich nur selbstgewählte Termine verschieben. Und das tue ich auch.

Aber ein Leben, so ohne selbstgemachten Stress, hat schon seine Vorteile. Ich bin offen für Angebote. Wenn jemand anruft mit der Frage „hast du Zeit“, dann habe ich fast immer spontan Zeit. Das heißt, dass ich – so das erforderlich wäre – helfen oder auch etwas Lustiges unternehmen kann.   Ich habe aber auch die Freiheit nein zu sagen, wenn mich etwas nicht interessiert. Ich erwarte nicht mehr, dass dies und jenes eintrifft, ich nehme alles an, so wie es kommt.

Dass ich es nicht mehr „eilig“ habe, heißt noch lange nicht, dass ich auch gelassen bleibe. Gelassen kann ich nicht bleiben: bei der derzeitigen Situation in noch GROSSbritannien in Bezug auf den Brexit, vor allem verstehe ich die Zustimmung der Queen überhaupt nicht, nicht gelassen kann ich bei Brasilien bleiben, wenn Bolsonaro  wenig dagegen tut, wenn der Regenwald abgefackelt wird, und noch dazu behauptet, dass das eine innerbrasilianische Frage ist, gebotenes Geld zum Aufforsten zurückweist und von Macron fordert, sich dafür zu entschuldigen, dass er Geld geboten hat. Nicht gelassen bleiben kann ich bei den übrigen Feuern, die derzeit Gegenden verwüsten: im südlichen Afrika, in Sibirien und in den Nachbarländern Brasiliens.  Nicht gelassen kann ich bei der Idee bleiben, dass Trump jetzt dem Regenwald in Alaska zu Leibe rücken, Umweltgesetze lockern will, damit ein Großteil der heimischen Regenwälder für die Rodung freigegeben werden kann.  Trump hat es auf den 69 000 Quadratkilometer großen „Tongass National Forest“ abgesehen, in welchem der größte gemäßigte Regenwald der Welt unter Schutz steht – jetzt droht die Abholzung. Neben der Abholzung uralter Baumbestände könnte die Aufhebung der Schutzbestimmungen das Naturschutzgebiet ebenso für Bergbau- und Energie-Projekte öffnen.  Nicht gelassen bleiben kann ich bei der Palästina-Israel Frage, bzw. dem neuerlichen Grenzgeplänkel mit Syrien und dem Libanon. Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen und dabei bin ich gar nicht auf die innenpolitische Situation eingegangen, mit der ich wirklich auch nicht restlos zufrieden bin  (um es besonders freundlich zu formulieren).

Obwohl ich es nur mehr äußerst selten eilig habe, hudle ich zuweilen. Das ist keine gute Idee denn beim Hudeln schaut selten etwas Gutes heraus.

Welche „großen Termine“ habe ich noch in meinem Leben, auf die ich warte?  Einer kommt sicher, ich weiß halt nur nicht wann – aber vorbereitet sollte ich doch darauf sein: das ist der Tod.

Ein Vorteil des Alt-Seins: ich habe es nicht (mehr) eilig

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