Von der Phorushalle, einer nicht mehr bestehenden Synagoge zur Legende vom Klagbaum und der Geschichte vom Hiob

Gestern hatte ich auf der Wieden, dem vierten Wiener Gemeindebezirk, zu tun und nachdem das Wetter noch schön, warm und trocken, war beschloss ich nicht die verfügbaren Öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, sondern zu Fuß nach Hause zu gehen. Ich nahm auch nicht den direkten Weg durch die (Wiedner) Hauptstraße, sondern schlängelte mich durch kleinere Gassen. Leider wird es jetzt aufgrund der Zeitumstellung schon so zeitig finster, dass man manche der schönen, teilweise sehr eleganten Fassaden nicht mehr so genau sehen konnte. Ich stellte fest, dass es nicht besonders viel „Grün“ in dieser Gegend gibt. Es gibt zwar vereinzelte, eher kleine Parks und an manchen Straßenerweiterung schöne alte Bäume, aber wirklich grün, das ist die Umgebung hier nicht.

So bin ich z.B. durch den Mittersteig gegangen. Mittersteig, geteilt zwischen 4. (Wieden) und 5. (Margareten), war Anfang 18. Jahrhundert ein Feldweg mit gewundenem Verlauf und hieß ab 1765 Mittlere Steiggasse, später auch Arme Schulgasse oder Kleine Neue Gaßen.

Ich schaue nicht nur die Hausfassaden an, sondern auch die Tafeln am Rand der Tore. Na, da bin ich bei einer Justizanstalt vorbeigekommen, da befand sich ehemals ein k. u. k. Bezirksgericht Wien-Margareten. Daneben (Siebenbrunnengasse) stand 1908-1938 der Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläumstempel (Synagoge). Hier befand sich auch früher eine Markthalle, die Phorushalle erbaut 1880. Damals wurden mehrere dieser glasgedeckten Markthallen in verschiedenen Bezirken Wiens geplant, denn es wurde argumentiert, dass gedeckte Hallen große Vorteile gegenüber offenen Märkten hätten. Um klimatisch bedingte wärmetechnische Nachteile zu vermeiden, entwickelte das Wiener Stadtbauamt (Baurat Friedrich Paul) ein neues System.

Aber ich finde es auch immer wieder lustig, die Straßenschilder zu lesen und darüber nachzudenken, worauf die wohl beruhen. Und da bin ich gestern auf die Klagbaumgasse gestoßen. Diese, sie liegt im Vierten Bezirk, benannt nach der Legende vom Klagbaum und dem 1267 begründeten Siechenhaus „Zum Klagbaum“. Das erste Teilstück der Klagbaumgasse wurde nach der Auflösung des dortigen Siechenhauses Zum Klagbaum, das zum Bürgerspital gehörte, 1787 parzelliert.

Und gleich, nach dem ich dieses Straßenschild gelesen hatte, fiel mir ein, dass ich in meiner Kindheit von einer Sage „der Klagbaum“ gehört hatte. Zum Glück gibt es das Internet, und diese Legende fand ich dort:

DER KLAGBAUM

Vor fast siebenhundert Jahren brach in Wien eine schreckliche Seuche aus, die aus dem Morgenland eingeschleppt wurde und rasch um sich griff: der Aussatz, eine Krankheit, die den Menschen aufs höchste entstellte. Man wusste kein Mittel, die grässliche Seuche zu bannen.

Zur Versorgung der Menschen, die von der Krankheit befallen wurden, stiftete der Pfarrer Gerhard von St. Stephan im Jahre 1267 außerhalb der Stadt auf der heutigen Wieden ein Siechenhaus und eine Kapelle „Zum guten Sankt Hiob“, dem erhabenen Vorbild der Geduld.

Vor der Kapelle stand ein schöner, großer Lindenbaum, von dem manchmal bei Nacht seltsame Klageweisen ertönten. Die Gegend kam dadurch so in Verruf, dass niemand mehr zur Nachtzeit dort vorbeizugehen wagte. Einige Zeit setzten diese Weisen aus, um sich später umso deutlicher zu wiederholen. Nun baten die Bewohner der umliegenden Häuser mit dem Richter an der Spitze den Seelsorger des Spitals, diese „Wehklage“, die ihnen so große Angst einflößte, durch Gebet und Beschwörung zu bannen.

Der würdige Mann versprach ihnen, gegen Abend zum Lindenbaum zu kommen und zu sehen, welche Bewandtnis es mit der Klage habe. Bald nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war, kam auch schon der Wächter, den man in der Nähe des Baums aufgestellt hatte, damit er dem Geistlichen das Ertönen der Klage melde, in höchster Erregung angestürzt und brachte die Botschaft, der Baum lasse wieder so seltsame Weisen erklingen, dass sich alle Leute zitternd in ihren Häusern verkröchen.

Der Pfarrer erhob sich, nahm Kreuz und Weihwedel und schritt mit Richtern und Räten zu der schaurigen Stätte. Fröstelnd und pochenden Herzens zog die kleine Schar durch die Nacht zu dem unheimlichen Baum. Als sie näherkamen, hörten sie es deutlich: wimmernde Töne erklangen; kein Zweifel, eine verwunschene Seele hielt hier ihre grausige Klage. Die Begleiter des Geistlichen stockten, allein schritt dieser zu dem spukhaften Baum. Immer lauter schlug der Klageton an sein Ohr, unheimlich fremd und doch wieder menschlich, dass er seine Schritte hemmte, um zu lauschen. Da drang ein Mondstrahl durch das Gewölk und warf sein unsicheres Licht auf eine schattengleiche Gestalt, die unter dem Baum hin und her zu wanken schien. Sogleich erhob der Pfarrer sein Kreuz, sprengte geweihtes Wasser vor sich hin und rief mit bebender Stimme seine Beschwörung: Da verstummte der Klageton, die dunkle Gestalt tauchte neben dem Beschwörenden auf, sie schien ihn zu fassen und verschwand mit ihm hinter dem Kirchlein.

Besorgt harrten die Bürger in sicherer Entfernung auf die Rückkehr des Priesters. Als aber geraume Zeit verstrich, ohne dass er wiederkam, gingen sie bedrückt wieder heim, in der sicheren Überzeugung, das Gespenst habe den Pfarrer mit sich genommen.

Am nächsten Morgen erschien der Geistliche lächelnd in ihrer Mitte und erzählte ihnen, nicht ein Gespenst habe die klagenden Weisen von sich gegeben, sondern ein wackerer Ritter und Sänger, dessen Namen er nicht nennen dürfe, habe unter dem Baum seine Klagelieder über die herrschende Krankheit ertönen lassen. Der Baum sei ihm wegen seiner Einsamkeit als der richtige Ort erschienen, seinen Schmerz über die Leiden seiner Vaterstadt zum Ausdruck zu bringen.

Doch die abergläubischen Leute glaubten den Worten des würdigen Pfarrherrn nicht. Sie meinten, dieser sei mit dem Gespenst im Bund, und nannten das Spital nach wie vor „Zum Klagbaum“, und dieser Name blieb, bis es später aufgelassen wurde.“

Und noch für alle die mit dem geduldigen Hiob nichts anfangen können (allerdings kennen wir alle die Hiobsbotschaft): Er lebte 1000 v.Chr. im Nordwestens Arabiens. Hiob ist die Hauptfigur der romanhaften Lehrdichtung des nach ihm benannten Buches im Alten Testament, das wohl im 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. in Israel entstanden ist. Erzählt wird im Hiobbuch zunächst von dem übergroßen Leid, das der zunächst fromme, rechtschaffene und mit Reichtum gesegnete Hiob erfahren musste: nach und nach kommen die Hiobsbotschaften über den Verlust seines gesamten Besitzes, dann sterben alle seine Kinder, schließlich wird er selbst todkrank, vom Aussatz befallen. Zuerst klagt er nur, erkennt nach längerer Zeit seine Sündhaftigkeit, anerkennt die Allmacht Gottes – und erhält letztlich alles doppelt zurück.

Nur noch ein Hinweis: auch der Koran kennt den Hiob, dort Eyyüp genannt. In Urfa verehren die Muslime seine Leidensstätte, den Brunnen, dessen Wasser ihn heilte.

Was einem so alles unterkommt, wenn man in Wien spazieren geht!

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