„Kripperl-Schauen“ mit Enkelin und Urenkelin

Es ist zwar kalt, aber die Sonne scheint – und um 10:30 war die Stadt auch noch fast leer. Denn – wenn ich jenen Spaziergang nachvollziehen will, den mein Mann am liebsten gemacht hat, nämlich Kärntner Straße, Graben, Kohlmarkt Augustinerstraße, kann ich das fast nicht mehr tun – ich wurde mehrmals ordentlich gerempelt, man schaut – bestenfalls auf das Handy (Stadtplan?, Neueste Nachrichten?), man photographiert – rückwärtsgehend ohne zu schauen .. Lustig ist das nicht mehr!

Aber heute früh war das noch anders, ich war mit meiner Enkeltochter und deren Tochter – meine Urenkelin – verabredet, wir wollten einen Alt-Wiener Brauch fortsetzen, nämlich „Kripperl -Schauen“. Wir waren in der Minoritenkirche verabredet, besser gesagt unter den Arkaden dieser Kirche „Maria Schnee“. Denn dort gibt es die „belebteste“ Krippe; dort sind nicht nur Josef, Maria und das Jesuskind, der Engel und die vielen Hirten mit deren Schafen vertreten, sondern auch alle möglichen Handwerker (die sich bewegen), Marktstände mit Fischen, die gerade im fließendem Wasser gefangen worden sind, Obst und Gemüse. Auch die Herberge ist zu sehen, in die die Heilige Familie nicht eingelassen worden war. Ich bin wirklich fasziniert von dieser Darstellung und für kleine Kinder einfach abwechslungsreich.  Irgendwann waren die Erklärungen auch für meine kleine Urenkelin zu viel, sie betrachtete noch das aus Mosaiksteinen nachgebildete „Abendmahl“, wäre gerne auf die Kanzel geklettert – aber dann ließ das Interesse schon schlagartig nach.

Also – auf zur nächsten Krippe: jene in der Michaelerkirche. Diese unterscheidet sich grundlegend von er ersteren. Hier sind die Figuren fast mannsgroß , es gibt nicht viel Beiwerk, als jenes, das in der Bibel genannt wird; also das Jesuskind, seine Mutter, Josef, beide mit Heiligenschein, außerbiblisch: Ochs und Esel, ein paar staunende Hirten und der Engel, der “fürchtet Euch nicht“ verkündet. Wie kommen eigentlich Ochs und Esel dazu, so prominent in allen Krippen (Futterkrippen!) aufzuscheinen: damit wird der Prophet Jesaja zitiert: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“. Die Krippe verbindet die Geburtsgeschichte des Evangelisten Lukas und das Prophetenwort. Da Jesaja als der Prophet gilt, der auf Jesus Christus den Messias vorausdeutet, bezieht sich seine Allegorie auch auf die Menschen, die Jesus begegnen. Die Tiere stehen an der Krippe für die Völker, die den Messias erkennen. Ochs und Esel sind die verlässlichen Haustiere, die intuitiv wissen, wo ihr Herr ist. Israel scheint Jesaja zufolge dieses natürliche Wissen verloren zu haben, obwohl es sogar von Gott wie sein eigenes Kind großgezogen worden sei. Ein weiteres Prophetenwort, Habakuk, bezieht sich ebenfalls auf das intuitive Wissen der Tiere: „Inmitten zweier Tiere (Lebewesen) wirst du ihn erkennen.“ Die wenig bekannte Prophezeiung ist nicht in der hebräischen Bibel, sondern nur in der Septuaginta und ihren Übersetzungen überliefert. Origenes (185–254) legt das folgendermaßen aus: „Die Hirten fanden Jesus in der Krippe liegen. So hatte bereits der Prophet geweissagt: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ Daraus wird eine allegorische Deutung abgeleitet, die spätere Interpreten übernahmen: „Der Ochse ist ein reines Tier, der Esel dagegen ein unreines; der Ochs versinnbildet das Volk der Juden, der Esel das Volk der Heiden. Nicht das Volk Israel erkennt seinen Herrn, sondern das unreine Tier, nämlich die Heiden.“ Ochs und Esel beschützen also heute noch zu Recht das Jesuskind in der Krippe und müssten wegen ihrer Klugheit sogar ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt werden.

Der Urenkelin hat diese Krippe jedenfalls besser gefallen, als die in der Minoritenkirche. Vielleicht waren es auch die vielen Christbäume rundherum, die den Ausschlag gegeben haben.

Nun sollen noch rasch Schuhe für meine Urenkelin gekauft werden. Zuerst musste noch der „Neue Markt“ umgangen werden, ob der dort befindlichen riesigen Baustelle, und dann war das Kinderschuhgeschäft einfach voll, mit Familien mit Kindern. Die Verkäuferinnen entsprechend gestresst und wenig kooperativ – „Jetzt gibt es keine Schuhe ohne Futter“. Na dann, heute keine neuen Schuhe.

Aber noch war die Peterskirche nicht besichtigt. Der Weg dahin war mühsam, dicht gedrängt strebten meist Touristen durch die Stadt. Wir wichen in Nebengassen aus, aber selbst da sah man die Taferln der Schiffe, auf denen die Besucher gekommen waren. Und in die Peterskirche kamen wir fast nicht hinein und dann die große Enttäuschung – es gab nur eine kleine, nicht sehr ansehnliche Krippe – im Gegensatz zum vorigen Jahr, als bei jedem Seitenaltar eine Krippe (mit Kulissen etc.) aufgestellt gewesen war. Schade!

Aber jetzt meldeten sich Kälte, Hunger und Durst, durch die Seitengassen begaben mir uns „zum Aki“, also ins Sole in der Annagasse, wo schon meine Enkeltochter als kleines Mäderl hergekommen ist und jetzt wieder mit ihrer Tochter da ist. Es geht nichts über Familientraditionen.

 

 

„Kripperl-Schauen“ mit Enkelin und Urenkelin

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