Weitere G’schicht‘ln aus dem alten und nicht ganz so alten Wien

Durch die Jesuitengasse auf den Dr. Ignaz-Seipel-Platz

Wenn ich in meinem Bezirk unterwegs bin, gehe ich nicht immer den direktesten Weg, sondern gehe durch kleine Gassen um auf andere Plätze zu gelangen um mich an der Schönheit meiner Stadt zu erfreuen. So eben, neulich am Abend, ich kam gerade vom Laurenzerberg herauf und erspähte die Schönlaterngasse (darüber habe ich schon am 21.06.2017 unter „Basilisken“ geschrieben) von dort bin ich in sehr enge Jesuitengasse abgebogen. Sie wurde 1862 so nach dem Jesuitenorden benannt. Vorher hieß sie (spätestens 1827) Kirchengasse (bis 1821 war die Passage für die Allgemeinheit gesperrt). Auf dem Areal der Jesuitengasse stand seinerzeit zwischen Schönlaterngasse und Sonnenfelsgasse ein längerer und bis zur heute verschwundenen Gasse „Gegenüber der Hohen Schul“ reichender Häuserblock, den die Jesuiten 1623-1631 erwarben und daraufhin das Viertel umgestalteten (z.B.  Bau von Trakten der Alten Universität und Errichtung der Jesuitenkirche  von 1627 bis 1631). Aus dem Dunkel dieser Gasse kam ich auf den hübschen Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, benannt nach Dr. Ignaz Seipel (1876 – 1932); vorher Jesuiten- beziehungsweise Universitätsplatz.

Ignaz Seipel war Priester, Lehrer, Universitätsprofessor, 1918 wurde er Geheimer Rat und trat als k. k. Minister für öffentliche Arbeiten und soziale Fürsorge in das „Liquidierungskabinett“ Lammasch ein. Anschließend war Seipel 1919/1920 Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung und 1921-1930 Obmann der Christlichsozialen Partei. 1920-1932 war er Mitglied des Nationalrats und 1922-1924 Bundeskanzler; sein Regierungsstil war geprägt durch seinen persönlichen Glauben an die Lebensfähigkeit Österreichs, aber auch durch diplomatische Kontakte mit Prag (Beitritt zur Kleinen Entente) beziehungsweise Rom (Zoll- oder sogar Staatsunion), die die europäischen Staaten alarmierten. Bereits 1922 erwirkte er eine Völkerbundanleihe in Genf („Genfer Protokolle“), mit deren Hilfe er die Sanierung der österreichischen Staatsfinanzen zustande brachte (Ende der Inflation durch Einführung der Schilling-Währung 1924). Es war Seipels Verdienst, den jungen Staat aus der Existenzkrise von 1922 herauszuwinden, eine Wende einzuleiten und Österreich eine neue (neutrale) Rolle in Europa zu sichern. Am 1. Juni 1924 erlitt Seipel bei einem Attentat im Südbahnhof schwere Verletzungen, im November musste er demissionieren, blieb jedoch Obmann des christlichsozialen Abgeordnetenklubs. 1926-1929 war er nochmals Bundeskanzler. Durch Stärkung der Heimwehr suchte er (namentlich nach dem Juli 1927) die Sozialdemokraten zu bekämpfen, die ihn ihrerseits zum Feindbild stempelten; im „Bürgerblock“ schloss er zwar Christlichsoziale, Großdeutsche und Landbund zu einer antimarxistischen Einheitsfront zusammen, geriet damit aber immer stärker ins Kreuzfeuer der Innenpolitik. 1930 übernahm Seipel für kurze Zeit das Ministerium für Äußeres, dann ging seine Rolle im politischen Leben langsam zu Ende. Nach der Krise der Creditanstalt im Mai 1931 wurde Seipel zwar nochmals mit der Regierungsbildung beauftragt, doch blieben seine Versuche, dem Staatsnotstand durch die Zusammenfassung aller politischen Kräfte entgegenwirken, im Juni erfolglos.

Im Frühjahr 1932 kehrte er krank aus Palästina nach Österreich zurück und starb wenige Monate später in Pernitz. Anfangs großösterreichisch eingestellt, vertrat er später außenpolitisch die Devise „Keine Politik ohne Deutschland“; innenpolitisch wandte er sich im Lauf der Zeit einer berufsständischen Ordnung zu. Mit dem politischen Gegner (insbesondere Otto Bauer) vermochte er eine Gesprächsebene aufrechtzuerhalten.  Meine Mutter jedenfalls, eine aufrechte Sozialistin, sprach nicht gut über Seipel,  unter ihm war es schließlich zu dem fürchterlichen Brand des Justizpalastes mit seinen Toten gekommen.

Im Mittelalter bestand, ausgehend von der Ausmündung der Schönlaterngasse in die Postgasse, eine Verbindung, die quer durch das Areal der (alten) Universität zur Wollzeile führte (Ausmündung zwischen 27 und 29); sie wurde 1418 beziehungsweise 1515 „Gegenüber der Hohen Schul“ genannt. Die Jesuiten, denen 1623 die Universität übergeben wurde, erwarben 1624-1631 Häuser in dieser Gasse sowie in der Bäckerstraße und Sonnenfelsgasse, ließen sie abreißen und auf dem gewonnenen Areal die Jesuiten(Universitäts-)kirche erbauen, vor der ein neuer Platz entstand (1701 Jesuiterplatz, 1766 Unteres Jesuiterplätzl). Nach der Ordensaufhebung (1773) Universitätsplatz (belegt ab 1786, amtlich seit 1862).

Heute jedenfalls dominieren den Platz die Universitätskirche (in der wir geheiratet hatten, da mein Mann dort in seiner Jugend ministriert hatte) einerseits und andererseits die Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz in der Aula der Alten Universität hat. Die 1237 durch Herzog Friedrich II. geschaffene Bürgerschule wurde durch Herzog Rudolf IV. zur Hohen Schule erhoben. Die Universität wurde unter Albrecht III. teils in neu erbauten, teils in restaurierten Häusern untergebracht (Kollegium, Aula, Bibliothek und Spital). In der Umgebung entstanden Bursen. 1389 schenkte Albrecht der Universität zur Unterbringung der juridischen Fakultät ein Gebäude in der kleinen Schulerstraße, das daraufhin Juristenschule genannt wurde. 1417 erwarb die Universität zwei daneben gegen die Wollzeile zu gelegene Brandstätten als Bauplätze; nachdem sie 1421 zu diesen auch noch ein Haus geschenkt und das gesamte Baumaterial der bei der Judenverfolgung zerstörten Synagoge erhalten hatte, ging sie daran, sich ein neues Gebäude zu errichten, das 1425 der Benützung übergeben wurde. Nachdem die Jesuiten in die Gegend der Alten Universität übersiedelt waren, übergab ihnen Ferdinand II. 1623 die theologische und philosophische Fakultät, verpflichtete sie aber (bei gleichzeitiger Bewilligung zum Bau eines Kollegiums, eines Seminars und einer neuen Kirche – Universitätskirche), bauliche Veränderungen vorzunehmen. Die Örtlichkeit, die dazu ausersehen war, nämlich das Ende der Oberen und Unteren Bäckerstraße, erfuhr daraufhin um 1625 eine große Umgestaltung. Unter Maria Theresia errichtete man die Aula, in der aber nur ein Teil der Vorlesungen abgehalten werden konnte.

Im Festsaal der Universität fand 1808 zur Ehrung Josef Haydens eine feierliche Aufführung des Oratoriums ‚die Schöpfung‘ statt, welcher der greise Meister selbst beiwohnte. Der Dichter Heinrich Josef Collin, der diese Feier besingt, hebt besonders hervor, wie Beethoven dabei in Verehrung dem greisen Haydn die Hand küsste.

Sie sehen, wenn man in Wien nur ein wenig vom Weg abweicht, stößt man unweigerlich auf viele „G’schicht‘ln“.

Weitere G’schicht‘ln aus dem alten und nicht ganz so alten Wien

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