Gedanken zu einem … Möbel

Der Schreibtisch

Mein Mann hatte einen großen wuchtigen Schreibtisch. Er hat ihn selbst im Dorotheum ersteigert. Mir traute er die Beschaffung nicht zu. Er fürchtete, ich würde mit einem Empire- oder Biedermeierschreibtisch in Kirschholz daherkommen. Ich glaube, er wollte einen, der dem seines Vaters ähnlichsah.

Ich kannte den Schreitisch seines Vaters, der stand in der Schönbrunner Straße, in der Wohnung meiner Schwiegermutter. Da der Vater meines Mannes früh gestorben ist, nehme ich an, dass seine beiden Söhne diesen Schreibtisch, als sie noch bei der Mutter wohnten, benutzt haben.

Also der Schreibtisch aus dem Dorotheum konnte zum Rufpreis erworben – worauf mein Mann sehr stolz war – , und zwar erst, als wir in die große Altbauwohnung eingezogen waren. Vorher, hatte mein Mann auch etwas, das sich Schreibtisch nannte, aber ein 50er-Jahre Modell war. Metallfüße, nicht allzu groß und nur mit drei Laden.  Das Modell steht noch heute in der Wohnung herum und dient ausschließlich zur Ablage für sonst wenig benutztes Zeug.

Der einschüchternde große Schreibtisch meines Mannes stand eigentlich im Mittelpunkt unserer Wohnung, es war der Lieblingsplatz meines Mannes, man sah Tommy schon, wenn man bei der Tür hereinkam, er erblickte auch gleich jeden Ankommenden.  Er „thronte“ hinter diesem Schreitisch, „einzelne“ Besucher, manchmal auch mehrere, zogen Stühle heran, um mit ihm zu sprechen.  Ich brachte den Kaffee oder die Getränke dorthin, es war ein bissel schwierig, sie zu platzieren, denn der Schreibtisch war immer angeräumt, und Papierstöße mussten zur Seite geschoben werden.  Aber es herrschte dennoch Ordnung, die aber nur mein Mann kannte. (Die Ordnung der einen ist das Chaos des anderen). Niemand durfte auf diesem Schreibtisch etwas verrücken. Hin und wieder raffte sich Tommy auf, um aufzuräumen. Das war dann schwierig, denn er schaffte es eigentlich nie, etwas wegzuwerfen. Andererseits wusste er genau, was sich in welcher Lade befand, konnte die unscheinbarste Anleitung zu seinen elektronischen Geräten jederzeit finden, deren er viele besaß und nicht immer nutzte. Als er dann schon nur mehr im Rollstuhl saß, und er den mühsam gemeinsam ausgesuchten Bürosessel nicht mehr „besetzen“ konnte, mussten allerhand Kastln um ihn herum gestellt werden, dass er zu allem „Notwendigen“ immer Zugriff hatte.

Die jüngeren Enkelkinder kennen ihn fast nur „hinter dem Schreibtisch“.

Nachdem mein lieber Mann abberufen worden war, beließ ich selbstverständlich alles, wie es war, als er es das letzte Mal benutzt hatte. Den Kalender, die Stifte, die Zeitschriften, die er gelesen hatte, etc. Ich brachte es nicht über mich, da etwas zu ändern. Im Geist sehe ich ihn noch immer dort sitzen.

Jetzt ziehen meine zwei Enkel bei mir ein. Der Schreibtisch war „das erste Objekt ihrer Begierde“. Ich musste ihn abräumen und vor allem alle Laden ausräumen. Was da alles zutage kam. Manches konnte ich problemlos sofort entsorgen, alte Restaurantführer, Prospekte von Winzern, Anleitungen zu Geräten, die nicht mehr im Einsatz waren. Aber auch Mappen mit Ausdrucken von Wikipedia zu bestimmten Themen, über die er schreiben wollte.  Er liebte es, Bücher zu bestimmten Themen zu planen, oft wurden dann „nur“ Spektrum Artikel daraus. Aber obwohl Mann schon früh mit der Arbeit an Redaktionscomputern vertraut war, wollte er zuhause keinen Computer verwenden. Dadurch dass Tommy rechtsseitig gelähmt war, wäre das auch ziemlich schwierig gewesen. Also wurde in unserem Hause sehr viel ausgedruckt, alle Mails an Tommy, Wikipedia zu bestimmten Themen und Persönlichkeiten, Listen von österreichischen Bundespräsidenten, Kanzlern, etc. etc. Nun Computerausdrucke, die habe ich dann doch weggeworfen, obwohl sie sehr säuberlich zu bestimmten Themen zusammengefasst und jeweils in eigenen Mappen abgelegt warten.

Anfangs – nach seiner Gehirnblutung – fuhr mein Mann noch „in die Redaktion“ um seine Artikel zu schreiben, und das war dann immer eine große Freude für ihn.  Später ist dann auch das zu kompliziert geworden, er diktierte zu Haus – von seinem Schreibtisch aus, auf einem gegenüberliegenden Tisch stand der Computer, auf dem dann alle seine Schriften auch gespeichert waren. Schreibarbeiten erledigten sehr liebe Damen für Tommy, die zu uns nach Hause kamen. Die Ablage, sofern sie nicht im Schreibtisch verstaut war, erledigte eine andere Dame (die das jetzt auch für mich weiterhin macht).

Jetzt steht der Schreibtisch sehr prominent im Zimmer der Enkel. Ich freue mich, wenn ich sie dahinter hervorstrahlen sehe. Natürlich schaut die Oberfläche jetzt ganz anders aus – dort liegen die Laptops.

Mein Schreibtisch ist groß und solide, hat keine Laden, verfügt über ein „zweites Stockwerk“ und ist höchst unordentlich mit Papierln übersät. Aber das wichtigste Ding drauf, ist doch allemal mein Laptop. In Griffweite befinden sich Scanner und Drucker. Schaut mehr nach „Office“ aus, als der majestätische Schreibtisch meines Mannes.

Gedanken zu einem … Möbel

4 Gedanken zu “Gedanken zu einem … Möbel

  1. Was für ein wunderbarer Text über einen wunderbaren Schreibtisch. Mein Vater hat auch einen, liebevoll „das Schiff“ genannt, auch wegen seiner Größe. Der ist ebenfalls voll mit Zeitschriften, Akten, Papieren, aber alle sind ordentlich auf Kante gestapelt. Dazu Stifthalter, Schere und ein paar kleine Nippesgegenstände aus seiner Jugend vor über 70 Jahren. Möbel können so viel aussagen über einen Menschen und so viel sein, ihre Besitzer nahezu verkörpern. Schön, wenn es bei Euch so war und schön, wenn die Enkel den Schreibtisch für sich erobert haben.

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  2. Walter Schwarzbart schreibt:

    Wooow, dieser Schreibtisch lebt ja tatsächlich noch!! Und die Seele seines Nutzers erlebt durch die Weiternutzung ein Revival… Kompliment!!

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