Als meine Eltern heirateten

Ende Mai war der Hochzeitstag meiner Eltern. Meine Mutter schimpfte zwar, wenn ich ihr Blumen brachte – als sie schon lang Witwe war, aber – so glaube ich zumindest – gefreut hat sie sich doch.

Meine Eltern haben zu Beginn der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts geheiratet. Sie haben es, für damalige Verhältnisse, spät getan. Denn es waren schwierige, unsichere Zeiten – für eine Familiengründung.

Besonders meine Mutter hatte klare Vorstellungen, unter welchen Umständen der Hochzeitstermin stattfinden sollte. Der Bräutigam musste eine feste Anstellung haben und ein Einkommen, mit dem er eine Familie erhalten kann und es musste eine Wohnung vorhanden sein, in der man zu zweit – und eventuell mit Kindern – leben konnte.

Aber das zu erreichen, war schwierig und die beiden hatten jahrelang eisern gespart, dass sie sich eine Wohnung leisten konnten. Und die wirtschaftlichen Umstände waren gegen sie: z.B. Im Februar 1933 erreichte die Arbeitslosigkeit in Österreich den Höchststand: Rund 600.000 Arbeitslose weist die Chronik aus, bei einer Bevölkerung von rund 6,6 Millionen. Nach einem ersten Höhepunkt der Arbeitslosigkeit 1929 (Beginn der Weltwirtschaftskrise) stieg sie laufend an. Damals stieg auch die Zahl der sogenannten Ausgesteuerten an, das waren Arbeitslose, die keine Arbeitslosenunterstützung mehr erhielten. Meine Mutter hat diesen Zustand als besonders erschrecklich beschrieben. 1933/1934 verschärfte sich die Krise, die seitens des Bundes durch Notstandsmaßnahmen (Kurzarbeit, Verbot der Doppelarbeit bei Ehepaaren (!) und anderes) ein wenig gelindert wurde. Auch in Wien kam es zu weiteren Notstandsprogrammen. Die Arbeitslosigkeit gilt auch als einer der Gründe für die politische Radikalisierung weiter Bevölkerungsteile.

Auch politisch war es für meine Eltern damals nicht leicht. Sie waren beide nicht-organisierte Sozialisten – sowie auch ihre Familien. Meine Mutter war zudem noch antiklerikal. Die beiden exponierten sich aber nicht politisch, auch später nicht.  Damals standen sie noch unter dem Schock des Justizpalastbrandes (1927), meine Mutter hat viel davon erzählt. Auch Ignaz Seipel, Bundeskanzler, sah meine Mutter sehr negativ (mein Vater hat sich zu diesen Themen nie geäußert).  Durch Stärkung der Heimwehr suchte Seipel die Sozialdemokraten zu bekämpfen, die ihn ihrerseits zum Feindbild stempelten. Besonders störten meine Mutter die von ihr so genannten Hahnenschwanzler (aufgrund ihrer Kopfbedeckung, einem Hut oder einer Kappe mit einem „Spielhahnstoß“  – waidmännischer Ausdruck für die Schwanzfedern des Birkhahns), also die Angehörigen der Heimwehr, 1930 hatten sie ein demokratie-feindliches und antimarxistisches Programm beschlossen und Schwüre auf ein ständisch gegliedertes Österreich („Korneuburger Eid“) geleistet. 1931 brach die Creditanstalt zusammen; am 4. März 1933 nutzte Bundeskanzler Dollfuß als Vorsitzender einer Regierung des „Bürgerblocks“ aus Christlichsozialen, Großdeutschen, Landbund und Heimwehr eine Geschäftsordnungskrise und den Rücktritt der drei Parlamentspräsidenten dazu, das Parlament auszuschalten. 1933 wurde auch der Republikanischen Schutzbund aufgelöst. Es kam zum Februar 1934 und zum Bürgerkrieg in Österreich. Mir wurde diesmal auch von meinem Vater von Straßensperren erzählt, von Stacheldraht und schießenden Soldaten. Von der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuss war in den Erzählungen meiner Eltern nicht die Rede. Wohl aber viel vom Phönix-Skandal, 1936, der nicht nur Österreich erschütterte, sondern auch die Ersparnisse meiner Eltern vernichtete.

Mein Vater war aber von der großen Arbeitslosigkeit nicht betroffen, entsprechend seiner Ausbildung arbeitete er im Hotel Metropol, einem eleganten Ringstraßenhotel am Kai, bevor es später Gestapo-Hauptquartier wurde. Meine Mutter hatte bis zu ihrer Verehelichung als Haushälterin in einem großbürgerlichen Haushalt gearbeitet.

Im damaligen Ständestaat fanden Hochzeiten nur kirchlich statt. Meine Eltern heirateten – wahrscheinlich in sehr kleinem Kreis – in der Loretokapelle der Wiener Augustinerkirche. Warum das gerade dort stattfand habe ich leider nie hinterfragt. Ich habe auch keine Photos der Hochzeit gefunden, ich weiß nicht, wer damals anwesend war, denn Braut und Bräutigam hatten große Familien. Aber ich nehme an, dass alles eher sparsam abgelaufen ist, obwohl möglicherweise das Hotel ein wenig unterstützend eingegriffen hat. Aber erzählt wurde mir dazu nichts – soweit ich mich erinnern kann.

Und die Voraussetzung für das eheliche Leben war auch vorhanden, eine Mietwohnung in der Harmoniegasse im Alsergrund. (In dieser Gasse wohnten auch die Eltern meines Mannes, zwei Häuser weiter). Die Wohnung war bescheiden und klein, Wasser und Clo waren am Gang. Aber dennoch: es war eine eigene Wohnung. Meine Mutter achtete darauf, dass sie „solide“ eingerichtet war. Die Möbel wurden in der Breitegasse gekauft, das war die Gasse mit (soliden) Einrichtungshäusern, so wurde mir erklärt. Die Kasten waren Vollholz – kaukasisch-nuss.  

Bald war ich dann geboren. Aber das traute, friedliche Eheglück sollte nicht lange andauern, es kam zum Einmarsch der Deutschen unter Hitler, zum Anschluss, und zum Krieg. Mein Vater wurde eingezogen. Trotz meines oft vehement geäußerten Wunsches kam es zu keinen Geschwistern von mir. „Man setzt unter solchen Umständen – Krieg – kein Kind in die Welt“, wurde mir beschieden.  

Mein Vater wurde durch ein schweres Lungeneiden zum Kriegsinvaliden (90% arbeitsunfähig) und das Leben meiner Eltern war ab dann nie mehr „rosig“.

Als meine Eltern heirateten

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