Sind nun Nationalsozialisten als links oder rechts einzuordnen?

Aufgrund meiner Bloggeschichte „wo stehe ich“ (https://christachorherr.wordpress.com/2020/05/27/wo-stehe-ich-mit-meinen-politischen-ansichten/) wurde ich nun gefragt, ob ich den Nationalsozialismus als „rechts oder links“ einordnen würde. Erwähnt wurden in dem Zusammenhang Vorteile für Arbeiter, das kleine Volk waren zahlreich, von Urlaubsgeld, Mieten-Deckelung, Urlaubskreuzfahrten, erhöhte Zuschüsse für Mütter, Autobahn, etc. Ich finde vorweg, dass es stimmt, es gab eine Reihe von Benefizien für „den kleinen Mann, die kleine Frau“, aber die waren durchwegs ausschließlich populistisch – in meinen Augen – angelegt.

Letztlich beinhaltet schon das Wort den „Sozialismus“ und würde somit auf links deuten.  Waren also die Nationalsozialisten nationale Sozialisten?  Aber Nomen ist nicht zwingend Omen. Die Begriffe prägen den verbreiteten Inhalt nicht zwingend.

Ich zitiere in diesem Zusammenhang den bekannten, wenn nicht unumstrittenen, Historiker Joachim Fest: „Im Italien der Zwanziger- und Dreißigerjahre gab es immer noch die herkömmlichen Klassenunterschiede, während Hitler, nicht anders als die Sozialisten aller Schattierungen, die soziale Gleichschaltung vorantrieb.“ Des Weiteren führte Fest Gemeinsamkeiten an, die Trotzkisten, Kommunisten, Sozialisten und Nationalsozialisten der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts teilen: Sie wollten das bestehende System grundlegend verändern. Und er formuliert auch den größten Unterschied der Nationalsozialisten zu den linken Gruppierungen: „…nur dass man von nun an auch noch national sein durfte, kein „Vaterlandsverräter“ der Komintern.“

Joachim Clemens Fest (* 8. Dezember 1926 in Berlin-Karlshorst; † 11. September 2006 in Kronberg im Taunus) war ein deutscher Zeithistoriker, Herausgeber (Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) und Autor. Seine Bücher (Hitler- und Speerbiographie) – gelesen – stehen in unserer Bibliothek.

Allerdings ist zu Fests Ausführungen zu bemerken, wie es schon Augstein getan hat, dass die Sozialisten zu den ersten gehörten, die in Hitlers Konzentrationslager wanderten. Die Nazis wollten die Weimarer Republik ebenso abschaffen wie die Trotzkisten und Kommunisten. Bei den Sozialdemokraten war das dann doch anders. Sie hatten sich mit der Demokratie der Weimarer Republik arrangiert. Und alle Linken der dreißiger Jahre – hier sind die Sozialdemokraten miteingeschlossen – waren mit die ersten, die von den Nazis in Konzentrationslager gesteckt und umgebracht wurden.

Aber wie war das so in der Zeit der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Monarchie war gerade erst abgeschafft worden, der Adel verarmt aber noch einflussreich. Das Großbürgertum, das durch die industrielle Revolution zu Reichtum und Macht gekommen war, behielt seine Position. Großbürgerliche und Adelige (Militärs) hatten das Sagen. Sie bestimmten. Die Einfachen hatten ihre Macht noch nicht erkannt. Die Gewerkschaftsbewegung war in ihren Anfängen. Die Sozialversicherung, die eigentlich gegen den aufkommenden Sozialismus und Kommunismus in den 80er Jahren des 19ten Jahrhunderts eingeführt worden war, hatte bei weitem nicht die Macht und den Leistungsumfang, wie wir ihn heute kennen.

Die soziale Ungleichheit war noch immer groß, der verlorenen Krieg hatte harsche Friedensbedingungen gebracht und Österreich auf „den Rest“ dezimiert. Der allseits erstrebte Anschluss an Deutschland war verboten worden, und viele konnten sich nicht dazu bringen, an dieses „neue Österreich“ zu glauben. Die Demokratie war weit davon entfernt, gefestigt zu sein. Arbeitslosigkeit und Not waren besonders zu Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre überall präsent waren. Der Kommunismus (mit unterschiedlichen Ausprägungen als Sozialismus, Trotzkismus, etc.) war ein Gesellschafts- und Regierungsmodell, der Nationalsozialismus ein weiteres, die Monarchie, also das alte, gerade abgeschaffte Regime, war damals noch eine denkbare Variante.  Österreich hatte dann den Ständestaat „gewählt“. Gemeinsam war den Demokraten, den sozialistischen und kommunistischen Strömungen und den Nationalsozialisten, dass sie gegen die Monarchie waren. Darüber hinaus gab es große Unterschiede in der Vorstellung, wie das jeweilige Regime aussehen soll.

Wirtschaftspolitisch kann man den Nationalsozialismus schwer einordnen, es wurde zwar nicht enteignet (außer die jüdische Bevölkerung), dennoch war sehr vieles staatlich gelenkt und vor allem penibel kontrolliert. Das nationalsozialistische Regime befahl massive staatliche Investitionen und trieb eine Gleichschaltung der Gesellschaft voran.  Könnte man dies als „links“ einordnen? Allerdings stand die Aufrüstung von Anfang an im Mittelpunkt der NS-Politik. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit war ein Nebenprodukt der Kriegsvorbereitung.

Im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Denkens stand die Nation. Dabei definierten sie alle, die nicht nationalistisch waren, als Vaterlandsverräter, die den Tod verdient hätten (also alle, die links waren). Sie definierten als deutsch und wertvoll nur die Personen, die ausschließlich von „deutschem Blut“ abstammen und führten Arierpässe ein (die von meinen Elternliegen noch in meiner Dokumentenlade).

Die Nazis und die Linken waren damals scharfe Konkurrenten. Sie warben für das gleiche Ziel: Mehr Arbeit und Geld für die einfachen Leute, aber mit gänzlich unterschiedlichen Modellen. Deswegen waren die Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten auch mit die ersten, die von den Nazis umgebracht wurden. Man wollte die Konkurrenz ausschalten.

Heute leben wir in einer anderen Welt als vor 100 Jahren. Die Demokratie ist als Staatsform weithin akzeptiert. Nur wenige Menschen lehnen sie ab und wollen ein anderes Regime etablieren. Regimegegner finden wir bei allen extremistischen Bewegungen, aber auch dort wollen nicht alle die Demokratie abschaffen, manche wollen nur größere Veränderungen innerhalb demokratischer Strukturen.

Für mich sind Nationalsozialisten damals und in ihren heutigen Ausprägungen primär Rassisten und sicher auch Populisten. Ihr Label National-„Sozialisten“ hat mit der eigentlichen Ideologie von Sozialismus herzlich wenig zu tun.

Sind nun Nationalsozialisten als links oder rechts einzuordnen?

4 Gedanken zu “Sind nun Nationalsozialisten als links oder rechts einzuordnen?

  1. Ja. Nationalsozialismus war und ist zu keiner Zeit als Sozialismus oder gar „links“ einzurodnen.

    Das Verteilungssystem („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen.“) des Sozialismus sollte im nationalsozialistischen Staat nicht für Menschen gelten, sondern nur für national(istisch) gesinnte Volksgenossen Deutschen Blutes. Der Sozialismus stellt (zumindest theoretisch, nicht in seiner real existierenden, pervertierten Form) die Menschenrechte sicher, was der Nationalsozialismus niemals tat.

    Sozialismus heißt auch, Weiterentwicklung der Systeme bis hin zur Abschaffung der Herrschaft des Menschen über die Menschen, zur Aufhebung der Klassen (Alle Menschen sind gleich an Rechten und Würde.) und zur Beendigung der Ausbeutung vieler zum Nutzen weniger.

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      1. Das war jedenfalls das, was ich im real existierenden Sozialismus der DDR gelehrt bekam und seither in der Beschäftigung mit dem Sozilismusbegriff bestätigt sehe.

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