Ein paar Gedanken zu einem Buch, das ich gerade lese

Geschrieben hat es Francesca Melandri, und es heißt „alle, außer mir“

Der Anlass, warum ich mir dieses Buch gekauft habe ist die Ankündigung, dass es die Kolonialgeschichte Italiens im 20 Jahrhundert darstellt, in die ja auch mein Vater „involviert“ war. Mein Vater, geboren 1902, (oder seine gerade in Scheidung begriffenen Eltern) hatten nach dem Ersten Weltkrieg nicht rechtzeitige für die österreichische Staatsbürgerschaft optiert. Damit fand mein Vater sich als Italiener wieder, er, der doch in Wien geboren war. Er wollte aber Österreicher sein ,und damit musste er aber in Italien einen vierjährigen Militärdienst ableisten. Er wurde einem „Südtiroler Regiment“ zugeteilt, der verstand die Sprache der Mit-Rekruten nicht, war dann mit ihnen im Einsatz in Libyen. Er hat es abgelehnt, später nach Italien zu fahren. Gesprochen, über diese Zeit hat er mir uns -meiner Mutter und mir – nie. Darin gleicht er jenem Mann, der einer der „Helden“ des Buches ist.

So genau kenne ich die Geschichte unseres Nachbarlandes eigentlich auch nicht, wir sehen sie meist nur im Hinblick auf unsere eigene Geschichte. Immer bewusst war mir, dass Italien in beiden Weltkriegen Seiten gewechselt hat, und am Schluss immer auf Seiten der Sieger gestanden ist.  Bekannt war mir, dass Mussolini zuerst Schutzmacht Österreichs war, und dann Hitler beim Anschluss gewähren ließ. Gelesen habe ich auch über Mussolinis und des Faschismus Ende. Ganz gut kenne ich die Geschichte Südtirols. Und dann zu meinen bewussten Lebzeiten: die Aktionen der Roten Brigaden, und die breit berichteten Vorgehensweisen von Silvio Berlusconi (Bunga, Bunga).  

Und jetzt dieses Buch: Ein großer Roman, eine Familiengeschichte, aber auch ein Porträt Italiens im 20. Jahrhundert, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten, Eine Geschichte des Faschismus und seiner zugrundeliegenden Ideologie, die bis in die Gegenwart reichen.

Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Diesbezüglich kann ich mich mit der vierzigjährigen Lehrerin Ilaria identifizieren. Sie hätte diese Fragen wohl mit „ja“ beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters … Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben.

Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts aus der Verdrängung: die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea (sowie Libyen) bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft Melandri mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im „richtigen“ Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Mich hat wenig erstaunt, dass es nach dem Kreig in Italien keine Faschisten gegeben hat, ja, das haben wir bei uns auch erlebt, alle waren, wenn sich’s irgendwie drehen ließ, Partisanen oder Widerstandskämpfer gewesen.

Aber diese Ideologie des Faschismus, der ja ein klarer Rassismus war, die himmelhohe Überlegenheit der „weißen Rasse“ über die dummen, unfähigen Afrikaner, nicht besser als Tiere, postulierte, steuerte damals die Kolonialpolitik aber überlebte bis in unsere Zeit hinein (z.B. im Hinblick auf Einschätzung der afrikanischen Flüchtlinge heute). Und wenn wir heute über die Unruhen in den USA lesen, die aufgrund eines Mordes an einem Schwarzen durch einen weißen Polizisten wieder einmal entstanden sind, dann erkennen wir, dass dieser Rassismus, dieses Gefühl der Überlegenheit der Weißen über die Schwarzen heute noch – fast allerorten – besteht. 

Eine Tatsache, die mir völlig unbekannt war (Schande über mich) sind die späteren Schritte zur sogenannten Wiedergutmachung der kolonialen Schäden. Denn, was wirklich – laut diesem Buch – passierte, war, dass ein großes „Getöse“ (auch Publicityrummel) um diese Wiedergutmachung  an  Diktatoren (wie Gaddafi)  gemacht wurde. Was dahinter geschah, war die Vergabe von öffentlichen Aufträgen an italienische Firmen, die in diesen Ländern – im vorliegenden Fall in Äthiopien – völlig sinnlose Bauten, Infrastrukturanlagen durchführten, die hinterher weder genutzt noch gewartet wurden und komplett verfielen, da sie in der erstellten Form der einheimischen Bevölkerung nicht nutzten.

Beschrieben wird auch das Schicksal der vielen Kinder, deren Väter Italiener waren, die sich halt der Fürsorge für diese Kinder entledigt hatten. Krass ist für mich an die Darstellung der „Durchführung“ von selbstverständlichen korrupten Handlungen, die aus der Gesellschaft scheinbar nicht wegzudenken sind.

Ein trauriges Buch, das aber auch viel Kritik an der Gegenwart enthält, was uns wieder in der (hoffentlich) Nach-Corona-Zeit mehr Verständnis für unseren Nachbarn bieten sollte.

Ein paar Gedanken zu einem Buch, das ich gerade lese

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