Ein Wiener Spaziergang

Wipplingerstraße

Heute spazierten wir „durch die Stadt“. Wir, das sind zwei Mitglieder unserer Wohngemeinschaft. Unser Ziel war das Alte Rathaus in der Wipplingerstraße. Dort gibt es Volksbegehren zu unterschreiben. Ich wusste gar nicht wie viele derzeit laufen.

Jedenfalls schon beim Eingang des Alten Rathauses steht ein Ordner, man hat eine Maske aufzusetzen und er dirigiert die Menschen in die Richtung, wo man ihre Begehren erfüllt. Um in den Raum zu kommen, wo man für Volksbegehren unterschreiben kann, muss man sich zuweilen anstellen, obwohl eigentlich 6- 8 Personen den „Kunden“ zur Verfügung stehen. Ich unterschrieb das Klimavolksbegehren, mein Enkel und Mitbewohner versuchte mich noch dazu zu stupsen, auch das Asylantenvolksbegehren zu unterschreiben, aber da ich die genauen Forderungen nicht kenne (Schande über mich), habe ich nicht unterschrieben – damit muss ich mich doch genauer auseinandersetzen. Das Klimavolksbegehren läuft nur mehr bis 29. Juni – wenn Sie es unterstützen wollen, haben Sie nicht mehr sehr viel Zeit.

Wir sind verhältnismäßig früh aufgebrochen und die Stadt war noch nicht sehr belebt – naja, außer Lieferwagen, die ja vormittags zufahren dürfen. Als ich gestern die Kärntnerstraße gequert hatte, kam ich an einem Sprühnebel-Gerät (ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen könnte) vorbei. Es war auf einem Hydranten montiert.

Gestern war es nicht sonderlich heiß, und außer Kindern wagte sich niemand in die Nähe, man wollte ja nicht nass werden. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es an sehr heißen Tagen angenehm sein könnte, nahe daran vorbei zu gegen.  Derzeit ist der Einsatz für meine Begriffe verfrüht – und es gäbe Orte, wo man diese „Dusche“ dringender brauchen könnte. In der Kärntnerstraße gibt es Bäume und diese Bäume wurden während der letzten heißen Sommertage in den vorigen Jahren ohnedies eingenebelt. Heute war diese „Nebelgranate“ nicht in Betrieb – und es war wesentlich wärmer. Gut, dass sie rechtzeitig getestet worden ist! Optisch stört sie auch nicht besonders.

Auf dem Rückweg, mein Enkel hatte sich mit dem Fahrrad nun in eine andere Richtung bewegt, nach Erledigung der Unterschrift der Volksbegehren, konnte ich mich meiner Umgebung widmen. Der Name Wipplingerstraße geht auf Wildwerker (in verschiedenen Schreibweisen) zurück, Wildwerker, das waren Kürschner, die im Mittelalter zu den wohlhabendsten Honoratioren gehörten.

Der Name bezog sich 1272 und um 1300 auf den sehr kurzen Abschnitt vom Hohen Markt bis zu dem Zugang zur Judenstadt; der wesentlich längere Abschnitt von hier bis zur Hohen Brücke lag innerhalb der Judenstadt und hieß bis 1421 Judenstraße. Nach der Vertreibung der Juden (1421) und der Auflassung des Gettos wurde der Straßenname ausgedehnt. Ab der Renngasse verlief die damalige Wipplingerstraße zum Judentor Ecke Helferstorferstraße-Rockhgasse, das diesem Abschnitt damals seinen Namen gab (Beim Judentor); Das alte Judenviertel hatte bis 1421 vier Tore, die man alle Judentore nannte. Sie standen am Beginn der Wiltwerkerstraße (Wipplingerstraße) gegen den Hohen Markt zu, an der Hohen Brücke, am Ende des (später Hofgässel genannten) Gässchens gegen den Platz Am Hof zu (Färbergasse) und am Ausgang des Schulhofs. Ein fünftes, beim Stoß im Himmel, hatte man schon 1380 vermauert.

Es kommen aber auch die Bezeichnungen dieser Straße wie Hinter dem Meierhof der Schotten, oder Im Winkel zunächst der Stadtmauer (1435) vor. Als 1568/1569 in dieser Gegend das kaiserliche Arsenal (Zeughaus) errichtet wurde, endete die Wipplingergasse als Sackgasse bei der Renngasse; nach der Demolierung des Arsenals (1870) kam es zu einer Neuparzellierung bei gleichzeitiger Veränderung der Richtung der Wipplingerstraße.

In dieser Straße haben z.B. Schubert, Mozart gewohnt. Es gibt zwei prominente Gebäude in dieser Straße. Einerseits das Alte Rathaus und andererseits die Böhmische Hofkanzlei. Und die bemerkenswerte Hohe Brücke soll auch nicht vergessen werden.

Bis zur Eröffnung des Neuen Rathauses 1883 war dies das Wiener Rathaus Es handelt sich bis heute um ein städtisches Amtsgebäude, vor allem für die Bezirksvorstehung und Bezirksvertretung des 1. Bezirks. Dieses Haus mit 1298 gestifteter Kapelle (Salvatorkapelle) stammte aus dem Besitz der angesehenen Bürgerfamilie der Haimonen. Otto II. (erwähnt ab 1275, gestorben 1333) war wiederholt Stadtrichter, nahm jedoch 1309 am Aufstand gegen die Habsburger teil, wurde nach dessen Niederschlagung verbannt und verlor seinen Besitz durch Konfiskation. Auf Ersuchen der Bürgerschaft überließ Friedrich der Schöne 1316 der Gemeinde das Gebäude. Diese dürfte das Haus jedoch erst nach Ottos Tod 1333 als Rathaus genutzt haben, weil man nach Ottos Rehabilitierung mit einer Rückforderung rechnete. Restitutionen haben Wien immer wieder, bis in unsere Zeit beschäftigt.

1705 nahm im (Alten) Rathaus die Wiener Stadtbank ihren Betrieb auf (Stadtbanco). 1741 schuf Georg Raphael Donner (auch verantwortlich für den so genannten Donner Brunnen am Neuen Markt) den Brunnen im Hof (Andromedabrunnen). Im Großen Ratssaal nahm 1907 die 1905 gegründete Zentralsparkasse der Gemeinde Wien den Geschäftsbetrieb auf (die beiden Ratssäle samt Zugang werden heute von der Bank Austria für Veranstaltungen benutzt). Dort konnte ich diverse interessante Vorträge hören. Im prunkvoll ausgestatteten Ratssaal durfte ich eines meiner Bücher vorstellen.

Zur Böhmischen Hofkanzlei werde ich Ihnen einiges zu berichten wissen, sobald wir uns gemeinsam auf den Judenplatz begeben.

Aber nur noch ein paar Worte zur „Hohen Brücke“. Zur Römerzeit stand an der hohen Brücke der linke westliche Torturm des Legionslagers – die sogenannte Porta Principalis Sinistra. Im Tiefen Graben floss ursprünglich der Ottakringer Bach, später ein Arm des Alsbachs, der nach der Ableitung des Ottakringer Bachs in dessen Bett geleitet worden war, zur Donau. Im 15. Jahrhundert bestand die Hohe Brücke aus einem aus mächtigen Mauern konstruierten steinernen Spitzbogen, der mit Moos bewachsen war. Da die alte Brücke Risse und Sprünge aufwies und auch die Wipplingerstraße verbreitert werden musste, wurde sie 1857/1858 durch einen neugotischen Bau ersetzt. Da die 1858 errichtete zweite Brücke dem gestiegenen Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen war, wurde sie 1903/1904 neu erbaut. Seither wurde sie bereits zwei Mal generalüberholt. In einem der Eckhäuser dieser Brücke wohnten sehr liebe Freunde von uns, in deren Wohnung wir viele fröhliche Stunden bei hervorragendem Essenverbracht haben.

Sie sind uns beide schon vorausgegangen!

Ein Wiener Spaziergang

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