Adieu, G.!

Heute fand Deine Feuerbestattung statt. Es war knapp zwei Dutzend Leute anwesend, nur wenige haben geweint. Die Musik kam aus der „Konserve“, die Auswahl hat mich etwas erstaunt, besonders da doch Du und Dein Mann, der uns früher verlassen hat, gute Kontakte in die moderne Musikszene in Österreich hattet. Aber die Organisation dieser Einäscherung lag in den Händen Deiner Nichten – und deren Angehörigen –, die in Nizza leben und vielleicht mit den Gegebenheiten hier n Wien nicht so vertraut waren. Denn Ihr hattet keine Kinder. Und die Verwandten Deines Mannes leben in Tirol, wo auch Du – aber besser Deine Asche – begraben sein wirst (Deine letzte Ruhestätte finden wirst, kling mir doch zu pathetisch).  

Du hattest eine sehr rationale Grundeinstellung und daher hast Du religiöse Zeremonien für Dich abgelehnt. Aus diesem Grund war auch kein Priester, Pastor, Rabbi oder Imam in der Feuerhalle anwesend.  Es gab eine einzige Rede, in englischer Sprache eingeführt, dann in Französisch gehalten – besser gesagt, gelesen. Das verstehe ich, denn Reden in hoch emotionalisierten Situationen können leicht schief gehen – ich hab’s erlebt. Mein Französisch hat nicht ausgereicht, um sie zu verstehen. Ich habe währenddessen an unsere schönen gemeinsamen Erinnerungen gedacht.

Es stand auch noch ein Porträtphoto von Dir vor dem Sarg, Du scheint darauf wesentlich jünger gewesen zu sein, und wirktest auf mich eher fremd. Zum Glück stand noch ein Photo daneben, das unsere gemeinsame Freundin, eine ganz ausgezeichnete Photographin und Malerin gemacht hatte: Du, beim Blumenpflücken.   

Ich hab‘ Dich erst spät kennengelernt, Dein Mann hat zu unserem Bekannten- und Freundeskreis gehört. Ihr wart aber über längere Perioden „abwesend“, da Dein Mann im diplomatischen Dienst tätig war. Ich glaube, Du hast ihn in Straßburg kennengelernt, wo er auch „diplomatisch“ unterwegs war. Du warst dort Universitätsprofessorin für Politikwissenschaften (so glaube ich). Aber immer wieder hast Du Deinen Mann begleitet, ich weiß von Euren Aufenthalten in Syrien, in Algerien, in Kroatien. Überall habt Ihr liebe Freunde gehabt, mit denen Ihr immer weiterhin in Verbindung geblieben seid. Ich finde, dass Du eine Intellektuelle warst, wie sie in Frankreich leben, interessiert am Zeitgeist – eher linksorientiert. Du hast aber nie „geeifert“, sondern in Kreisen, die nicht Deine Meinung geteilt haben, sehr sachlich argumentiert.  Ich kann mir vorstellen, wie gut Du Deine Doktoranden betreut hast.

Als Dein Mann in Pension ging, habt Ihr Euch eine wunderschöne Wohnung in der Josefstadt in Wien eingerichtet. Beide seid Ihr noch zwischen Wien und Straßburg gependelt, da Du Deine Tätigkeit an der Universität fortgesetzt hast.

Ihr habt vieles miteinander gemacht, z.B. Tennis gespielt, Ihr habt Eure Freunde eingeladen, Du hast hervorragend gekocht. Die Gespräche bei Euch waren immer anregend. Du fingst langsam an, Dich in Wien einzuleben.

Und dann geschah für Dich eine Katastrophe, völlig unerwartet und ziemlich rasch hast Du Deinen lieben Mann verloren. Du sahst Dich mit Ärzten, Rechtsanwälten, Notaren und vielen Bürokraten umgeben, die Deine Sichtweisen nicht teilten. Du hattest das Gefühl, ausgenutzt zu werden, Du hast die Regelungen nicht eingesehen.  Die Bürokratie hat Dich überfordert, Dein Mann war Dein Anker in Wien gewesen, Du hattest noch nicht ausreichend Zeit gehabt, um hier tiefere Wurzeln zu schlagen.

Du sahst Dich mit der Entscheidung konfrontiert, ob Du weiterhin in Straßburg oder in Wien leben solltest. Du hast Dich für Wien entschieden, ich weiß, dass Dir diese Entscheidung nicht leichtgefallen ist.  

Wir haben fröhliche Stunden miteinander verbracht, wir saßen im Kaffeehaus und schwatzten. Wir wählten nette Lokale für gemeinsames Mittagessen aus. Zuletzt hast Du schon sehr wenig gegessen. Wir haben einen wunderbaren Tag gemeinsam in der Wachau verbracht, er wird mir unvergessen bleiben.   

Vielleicht habe ich nicht genügend Zeit für Dich aufgebracht, besonders zuletzt. Du hast Deine Krankheit mit wunderbarer Größe getragen. Auch hier war Dir das Verhalten mancher Ärzte fremd, es erschien Dir zuweilen brutal.

Über Dein Ende habe ich nur von Deinen engeren Freundinnen gehört, die Dich getreulich begleitet haben, Dir Stütze und Hilfe waren.  Ich glaube, Du hast Deinen Lebenswillen mit dem Tod Deines geliebten Mannes begraben. Die Lebensfreude war Dir entkommen.

Nach meinen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod bist Du wohl jetzt mit ihm vereint, glücklich, schmerzlos!

Leb wohl, meine Freundin Chouchou, wie Dich Dein Mann immer liebevoll genannt hat.

Adieu, G.!

2 Gedanken zu “Adieu, G.!

  1. Robert Wiesner schreibt:

    Herzlichen Dank für diese sensiblen Zeilen, für den Herbst planen wir ein würdigeres Gedenken. Jetzt, in der erzwungenen Eile, war das leider nicht möglich

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