Und noch ein paar ketzerische Gedanken bei einer Verabschiedung

Zur mangelnden Gendergleichheit in der Witwenschaft

Begräbnisse von Witwen sind traurig und noch ein wenig trauriger, weil wenige Leute kommen. Das – so habe ich festgestellt – ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass die „Hinterbliebene“ oft wenig Ahnung haben (oder daran interessiert sind), wer denn die Freunde und Freundinnen dieser Witwen sind. Also, liebe Witwen, schreibt Listen jener Personen, die von Eurem Tod zu verständigen sind, und hebt sie bei Euren Testamenten, Patientenverfügungen etc. auf. Ich habe den Tod einer lieben Freundin, wir hatten lange engen, guten Kontakt gehabt, erst ein Weilchen nach ihrem Ableben erfahren. Ihre Söhne, die von unserer Freundschaft wussten, die mit meinen Kindern befreundet waren, haben es einfach verabsäumt, mich zu verständigen.

Zu den Begräbnissen ihrer Männer sind Vertreter – je nach beruflicher Ausrichtung – aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Journalistik etc. gekommen. Es kamen mächtige Kränze von verschiedenen Organisationen, z.B. von Clubs, NGO’s, für die sie gespendet haben. Wenn eine Witwe stirbt, kommen vielleicht Blumen ihrer Kinder und Enkel, vielleicht auch noch von der Institution, bei der sie gearbeitet hat, vielleicht einige ganz wenige Berufskollegen – so sie verständigt worden sind.

Wenn ihr Mann stirbt sorgt seine Witwe oder seine Kinder für ein würdiges Begräbnis, dem Priester oder Trauerredner(n) werden entsprechende Unterlagen übermittelt, die Lieblingsmusik des Verstorbenen wird ausgesucht, Live-Musiker werden berufen … Ich fürchte, dass nach dem Tod der Witwen kaum derartige Aktivitäten gestartet werden.

Naja, nach unserem Tod könnte uns das eigentlich egal sein, aber in Österreich gilt die „schöne Leich“, also das pompöse Begräbnis, noch immer als erstrebenswert.

Aber dennoch geht’s uns Witwen hier ein Europa noch ganz gut: wir werden beim Tod unseres Mannes nicht gleich mitverbrannnt. Das ist ein Femizid in hinduistischen Religionsgemeinschaften, bei dem die Ehefrauen verbrannt werden. Am häufigsten waren Witwenverbrennungen bisher in Indien, es gab sie aber auch auf Bali und in Nepal. Bei einer Witwenverbrennung in Indien verbrennt die Witwe zusammen mit dem Leichnam des Ehemanns auf dem Scheiterhaufen. Einige der Frauen, die bisher gemeinsam mit der Leiche ihres Ehemanns verbrannten, wurden damals nach ihrem Tod in hohen Ehren gehalten und teilweise göttlich verehrt; ihre Familie gewann hohes Ansehen. (Na, den Druck seitens der Familie auf die Witwe kann man sich so ungefähr vorstellen.) Ursprünglich töteten sich auf diese Weise Frauen der im Kampf gefallenen Männer aus Fürstenfamilien, möglicherweise, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen. Die Witwenverbrennung, zunächst als Selbsttötung gedacht, wurde jedoch im Laufe der Zeit in vielen Bevölkerungskreisen eingefordert. Es kommt immer noch, wenn auch seltener, zu Verbrennungen. Vollständig unterbunden werden konnte die Witwenverbrennung jedoch nicht, Einzelfälle werden weiterhin bekannt. In manchen Bevölkerungskreisen wurde von Witwen die Selbstverbrennung erwartet. Teilweise wurden die trauernden Witwen durch sozialen Druck zur Selbstverbrennung gebracht und teilweise auch mit Gewalt gezwungen. Als Witwe verliert man in dieser Gesellschaft an Ansehen und Autorität. Sie hat das Problem der Versorgung, ist rechtlos und vom ältesten Sohn abhängig. Unter Umständen muss sie sich vorwerfen lassen, am Tode des Mannes schuld zu sein. Sie muss keusch und bescheiden leben; trotzdem könnte es ihr drohen, verstoßen zu werden und als Bettlerin oder Prostituierte zu enden. Hinduistische Witwen werden benachteiligt, da sie sich bereits am Todestag des Mannes den Kopf kahlscheren müssen, nur noch Kleider aus grobem weißem Baumwollstoff tragen und weder Fleisch essen noch an Festen teilnehmen dürfen. Diese Situation wird ebenfalls dafür verantwortlich gemacht, dass Witwen in den Selbstmord getrieben werden. Auch heute ist es für die Schwiegerfamilie wirtschaftlich von Vorteil, wenn die Witwe verbrennt, statt zu ihrer Familie zurückzukehren, weil sie bei der Rückkehr ihre Mitgift wieder mitnehmen kann. Bei der Verbrennung bleibt die Mitgift hingegen im Besitz der Schwiegerfamilie.

Auch aus der Antike sind Fälle überliefert, bei denen sich Frauen selbst verbrannten oder durch Angehörige getötet wurden, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen.

In mehreren Erdteilen, insbesondere in Asien und Afrika, haben die von den Regierungen unterzeichneten internationalen Konventionen zur Gleichstellung der Frauen die Rechtlosigkeit von Witwen nicht beendet. Und dort geben die Gesetze den Frauen kein Anrecht auf ein Erbe oder sie dürfen nach dem Tod ihres Mannes nicht selbst darüber verfügen. Das islamische Recht spricht weiblichen Erben gar nichts oder nur die Hälfte dessen zu, was die männlichen erhalten. Alte Gebräuche und Trauerriten berauben die Witwen weiterhin in großem Masse ihrer universell anerkannten Rechte

Es gibt weltweit etwa 245 Millionen Witwen, von denen 115 Millionen in extremer Armut leben. Vielleicht sollten wir uns verstärkt auch dieses Problems annehmen.

Und noch ein paar ketzerische Gedanken bei einer Verabschiedung

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