Ein paar Fakten zum so genannten 10. Hieb, Favoriten in Wien

vielleicht können sie zum Teil die Ausschreitungen dort erklären

Zu den doch gewalttätigen Auseinandersetzungen, die kürzlich in Wien/Favoriten  stattgefunden haben, habe ich ein paar Kommentare abgegeben. (https://christachorherr.wordpress.com/2020/06/28/die-grauen-wolfe-heulen-jetzt-auch-in-osterreich/)

Sie haben im 10.Wiener Gemeindebezirk stattgefunden, dem bevölkerungsreichsten und wahrscheinlich buntesten der Stadt: in Favoriten. Der Name „Favoriten“ leitet sich von der Favorita, einem einstigen Jagdschloss, her. Der barocke Komplex ist nur teilweise erhalten, gehört zum 4. Bezirk Wieden und beherbergt das Theresianum, eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht. Von dort führte die heutige Favoritenstraße zum „Favorithen-Thor“ des Linienwalls (der äußeren Befestigungsanlage Wiens).

Gestatten Sie mir ein paar Worte zum Linienwall: Zum Schutz gegen die Angriffe der Türken und Kuruzzen wurde unter Leopold I. 1704 mit dem Bau des Linienwalls begonnen. Der Linienwall war Teil der sogenannten Kuruzzenschanzen. Diese sollte die Grenze zu Ungarn mit einer zusammenhängenden Verteidigungslinie entlang der Leitha, der March zur Donau und weiter bis zum Neusiedler See schützen. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass sich die oben genannten Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden gerade hier stattgefunden haben.

Beim Linienwall handelte es sich um einen mit Palisaden verstärkten Erdwall mit einem vorgelagerten Graben, aus militärischen Gründen verlief er im Zickzack. Zu den Arbeiten am Linienwall wurden alle Bewohner Wiens und der Vorstädte zwischen 18 und 60 Jahren eingeteilt oder mussten einen Vertreter stellen. Der enorme Einsatz an Menschen machte die Fertigstellung des vier Meter hohen und vier Meter breiten Walls innerhalb von nur vier Monaten möglich. Davor wurde ein drei Meter tiefer Graben angelegt. Insgesamt hatte der Linienwall eine Länge von ca. 13,5 km. An den wichtigsten Ausfallstraßen wurden Tore mit Zugbrücken und Linienämter angelegt. 1738 wurde der Erdwall zusätzlich mit Ziegeln ausgemauert. Zwischen 1740 und 1760 (Herrschaft der Maria Theresia) errichtete man 18 Kapellen an den Toren, die alle dem heiligen Nepomuk geweiht waren. 1848 diente er den aufständischen Wienern kurzfristig als Schutz vor den kaiserlichen Truppen. Der Wall diente ab 1829 vor allem als Steuergrenze. An den „Linien“ wurde bei den Mautstellen, den so genannten Linienämtern, für die Einfuhr von Lebensmitteln in Richtung Wien die so genannte Verzehrungssteuer (Akzise) eingehoben, eine Art zusätzlicher Umsatzsteuer. Ab 1862 wurde direkt an der Außenseite des Walls eine Straße geplant und gebaut, die 1873 eröffnete Gürtelstraße. Der Linienwall wurde ab März 1894 abgetragen, der Gürtel stark ausgebaut und 1895 mit dem Bau der 1898 eröffneten Gürtellinie der Stadtbahn begonnen. Ihre Viadukte bzw. Einschnitte wurden genau in die Mitte des nun sehr breiten Gürtels platziert.

Die außerhalb des Walls – vor allem im Zuge des Baues der Süd- und der Ostbahn – entstandene Siedlung nannte man Siedlung vor der Favoriten-Linie. Auf diese Entstehung des Bezirks durch Abtrennung von Gebieten des 4. und 5. Bezirks, die sozusagen „mit einem Hieb“ durchgeführt wurde, dürfte die umgangssprachliche Bezeichnung 10. Hieb für Favoriten zurückzuführen sein. Bis 1891 umfasste der neue Bezirk die Katastralgemeinde Favoriten und das heute zum 3. Bezirk zählende Arsenal bis zur Aspangbahn. Südlichere Bezirksteile kamen 1892 und 1954 hinzu. Auch das NS-System änderte die Grenzen von Favoriten, diese Änderungen wurden ab 1945 wieder zurückgenommen. Aber ab 1945 – 1955 war Favoriten zwischen Wien und Niederösterreich aufgeteilt, aber beide Teile lagen im jeweiligen sowjetischen Sektor. Die letzte große Erweiterung erlebte Favoriten 1954, als die ehemaligen Dörfer Rothneusiedl, Oberlaa und Unterlaa bei Wien verblieben und Teile des 10. Bezirks wurden.

Der Bezirk Favoriten umfasste 1869 nur 22.340 Einwohner. Durch den enormen Zustrom von Arbeitern in das Bezirksgebiet bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs versiebenfachte sich die Bezirksbevölkerung bis 1910. Dann sank diese Einwohnerzahl um den Zweiten Weltkrieg und in den 40er Jahren deutlich ab. In den 50er und 60er Jahren stiegen sie wieder deutlich an, dann stagnierten sie. Seit 2001 ist die Zahl der Einwohner jedoch wieder deutlich gestiegen und betrug im Jahr 2019 204.142 Menschen.

Der Anteil der ausländischen Bezirkseinwohner lag 2016 bei 32,8 % (Wien: 27,4 %) und weist gegenüber 2001 (16,5 %) eine steigende Tendenz auf. Die größten Anteile der Ausländer stellten 2016 mit rund 5,9 % Anteil an der Bezirksbevölkerung Staatsbürger aus Serbien und mit 4,8 % aus der Türkei. Weitere 2,2 % waren polnische, 2,0 % bosnische, 1,9 % rumänische und 1,4 % kroatische Staatsbürger. Insgesamt waren 2016 43,4 % der Favoritner Bevölkerung ausländischer Herkunft.

2001 (seither ist die Nennung der Religionszugehörigkeit bei Bevölkerungserhebungen nicht mehr zulässig) gaben 47,0 % der Bewohner an, der römisch-katholischen Kirche anzugehören (Wien: 49,2 %). 11,2 % der Bewohner waren islamischen Glaubens (Wien: 7,8 %), 6,4 % gehörten der Orthodoxen Kirche an und 4,1 % waren evangelisch. 26,5 % der Bezirksbevölkerung gehörten hingegen keiner Religionsgemeinschaft an, 4,9 % hatten kein oder ein anderes Religionsbekenntnis angegeben. Aber seit 2001 hat sich die Bevölkerungsstruktur und auch deren Religionszugehörigkeit verändert, in Richtung Zunahme des islamischen Bevölkerungsanteils.

Diese Bevölkerungsstruktur und ihre religiöse Zugehörigkeit erklären wohl auch zum Teil das Aufflammen der derzeitigen Unruhen.

Favoriten galt immer und gilt auch heute noch als traditioneller Arbeiterbezirk. Der Bezirk ist seit 150 Jahren stark vom Verkehr bestimmt. Jeder der vom Süden kommt trifft hier auf die Spinnerin am Kreuz. Um diese gotische Steinsäule rankt sich auch eine Sage, welche die Entstehungsgeschichte der Steinsäule mit den Kreuzzügen in Verbindung bringt. Laut dieser Sage soll eine Frau an dieser Stelle, wo damals noch ein Holzkreuz stand, jahrelang spinnend auf ihren Mann gewartet haben.

Mit dieser hübschen Sage lassen wir’s diesmal bewenden. Es gibt auch sonst vieles aus und über Favoriten zu berichten, aber dies wird wohl ein andermal erfolgen müssen.

Ein paar Fakten zum so genannten 10. Hieb, Favoriten in Wien

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