Wieviel und welche Geschichte muss am Sockel bleiben?

Ich trau mir die Antwort nicht zu

Dennoch möchte ich versuchen, auf diese Frage zu antworten, die an mich gestellt wurde: „wieviel und welche Geschichte muss am Sockel bleiben“.

Dazu muss ich aber ausholen. Meine Mutter, der man eine Ausbildung verweigert hatte, die Familie war arm und sie war ja nur ein Mädchen, hörte ihr Leben lang nicht auf, Informationen zu sammeln und sich damit zu bilden. Sie war aufrechte Sozialistin. Und sie legte besonders großen Wert auf die Bildung ihrer Tochter (das bin ich). Sie hat dafür viel geopfert. DANKE! Nicht nur, dass ich ins Gymnasium gehen und auch später studieren durfte, auch „Freizeitaktivitäten“ mussten „erzieherisch wertvoll“ sein. Dazu gehörte, beim Spazierengehen alle Denkmäler, Statuen etc. zu erläutern. Unser Einzugsgebiet waren die Parks, wie der Votivpark, der Rathauspark, der Volksgarten und der Burggarten. Dabei wurden auch der Rathausplatz und der Heldplatz einbezogen. Allein am Rathausplatz stehen an den Rändern acht Statuen, die nach dem Abbruch der Elisabeth-Brücke über den Wienfluss hierher übersiedelt wurden:

  • Markgraf Heinrich II. Jasomirgott aus dem Haus der Babenberger,
  • Herzog Rudolf der Stifter aus dem Haus Habsburg,
  • Ernst Rüdiger von Starhemberg, Verteidiger Wiens (zweite Türkenbelagerung),
  • Johann Bernhard Fischer von Erlach, Barockarchitekt,
  • Herzog Leopold der Glorreiche aus dem Haus der Babenberger,
  • Niklas Graf Salm, Verteidiger Wiens (erste Türkenbelagerung),
  • Erzbischof Leopold Karl von Kollonitsch, geistlicher Führer Wiens (zweite Türkenbelagerung),
  • Joseph von Sonnenfels, Justiz- und Verwaltungsreformer Maria Theresias,

Zuweilen gingen wir auch in den Stadtpark, und die Statue der Maria Theresia (ich hörte auch vieles über ihre Berater rundherum) wurde umrundet. Wenn es regnete, dann war es eher der erste Bezirk in dem wir spazieren gingen. Und da mangelt es auch nicht an Brunnen, Säulen und sonstige Skulpturen, die berühmte Personen abbilden. Allein die Anzahl der Vorüberziehenden bei der Ankeruhr: Zwölf, nämlich. Marc Aurel, Karl der Große,                Leopold VI., der Glorreiche und seine Gattin Theodora, Prinzessin von Byzanz, Walther von der Vogelweide, König Rudolf von Habsburg und seine Gattin Anna von Hohenberg, Meister Hans Puchsbaum,  Kaiser Maximilian I., der letzte Ritter, Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg, Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, Prinz Eugen von Savoyen, Kaiserin Maria Theresia und ihr Gatte Kaiser Franz I. von Lothringen, Joseph Haydn.

Ich habe die Denkmäler nie gezählt – aber es sind viele! Manche, die es heute gibt, standen noch nicht dort, wie das die Denkmäler von Renner und Körner, diese Personen gingen noch lebendig dort in der Gegend herum. Wie sich meine Mutter vorbereitet hat, weiß ich nicht, aber sie wusste zu jeder Person etwas zu sagen.

Und es gibt auch Lieblingsdenkmäler, die ich immer wieder gerne besuche – auch heute noch: das ist das Waldmüller-Denkmal im Rathausparkt, das Denkmal der Kaiserin Elisabeth im Volksgarten, und das so bescheiden anmutende Denkmal von Kaiser Franz Joseph im Burggarten.  Vielleicht sind es die Gestalter dieser Denkmäler, die eher zu würdigen sind, als die abgebildeten Personen?  

Und jetzt fragen Sie mich, wieviel und welche Geschichte am Sockel bleiben muss – ich bin überfordert. Gerade zu jenen Denkmälern, die ich mit meiner Mutter besucht habe, habe ich eine emotionale Beziehung.

 Jedenfalls, so meine ich, Künstlern und Erfindern z.B., deren Denkmäler kann man doch problemlos unangetastet lasse. Aber Halt! Jeder Mensch hat mehrere Seiten. Vielleicht war auch dieser oder jener Künstler zwar exzellent in der Ausübung seiner Kunst, aber ethisch ein Schweinehund. Vielleicht war er ja auch öffentlich ein Antisemit. Also herunter vom Sockel? Wirklich? Ich würde es mit einer ergänzenden Inschrift bewenden lassen. Vielleicht hat dieser oder jener Erfinder, der viel Heil für die Menschheit gebracht hat, auch eine schwarze Seite gehabt? Vielleicht hat sogar seine Erfindung – durchaus gegen seinen Willen – kriegerische Intentionen unterstützt? Reißen wir ihn glich auch vom Sockel? Was ist mit den großen Wissenschaftlern, deren Erkenntnisse dem Bau der Atombombe gedient haben? Verdammen wir sie auch? Oder schließen wir uns der Meinung an, dass die Atombombe den Krieg beenden konnte, der sonst endlos mit vielen Toten – dann halt auf beiden Seiten weitergegangen wäre? Mit der Bombe waren die vielen Toten nur auf einer Seite, auf der des Feindes.

Vielleicht sollte sich jemand von der „political correctness-Fraktion“ der Mühe unterziehen, einen Kriterienkatalog aufzustellen. Welche Kriterien führen dazu, Denkmäler zu entfernen. Mir fällt, die Szenen beobachtend, derzeit nur der Antisemitismus auf. Vielleicht gibt’s noch ein paar mehr Kriterien – z.B. Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber, auch da könnte ich mir vorstellen, dass manche Denkmäler stürzen würden. Und was ist mit jenen Männern, (Frauen war da weniger involviert), die z.B. Afrika erforscht haben und damit dem Kolonialismus den Weg bereitet haben? Ich werde mich sicher nicht an der Erstellung eines derartigen „Katalogs von Kriterien für Übeltäter“ beteiligen

Ich bleib dabei, lassen wir möglichst alle vorhandenen Denkmäler stehen, versehen wir sie mit gut lesbaren Inschriften, um sie einzuordnen und auch ihre Schwächen aufzuzeigen.  Und vielleicht sollte man nicht jedem Politiker etc. gleich nach seinem Ableben ein Denkmal errichten, sondern ein wenig warten, bis man seine Leistung im Kontext besser beurteilen kann?   

Wieviel und welche Geschichte muss am Sockel bleiben?

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