Heute möchte ich Ihnen eine eher kleine, ein bissel traurige Geschichte erzählen.

Dazu muss ich – nur ein wenig – ausholen. Wie viele andere in diesem meinem Land, in dieser meiner Stadt, gehe ich auch „zum Billa“ einkaufen. Meist nicht zum nächstgelegenen, denn dort ist das Angebot größer. Das ist zwar nicht sehr schlau, denn ich muss weiterschleppen, aber das ist es mir wert. Und weil es auch ein großer Billa ist, gibt es immer mehrere Kassen, dennoch – früher oder später – kennt man die eine oder andere der Kassiererinnen. Und wenn man eine „kennt“, d.h. irgendwann einmal ein paar freundliche Worte mit ihre gewechselt hat, vielleicht sogar einmal miteinander gelacht hat, dann geht man immer wieder zu ihr, selbst wenn dort die Schlange etwas länger ist, als bei der nächsten. „Meine Kassiererin“ schätze ich so auf 40 Jahre (aber vielleicht liege ich ordentlich daneben, heutzutage ist e schwierig das Alter von Frauen zu schätzen), hat dunkle Haare – zu einem Knoten gebunden, dunkle Augen und einen olivfarbenen Teint.  Sie ist immer freundlich.

Und jetzt denken wir gemeinsam ungefähr ca. zwei Monate zurück.  Sie saß auch in der Kassa, als „Corona“ begonnen hat – Sie erinnern sich an den Freitag, als alle Geschäfte gestürmt wurden (und Nudeln und das Klopapier ausgegangen sind). Sie saß da, ohne Mundschutz und fertigte stoisch die Käufer ab. Täglich, ungeschützt! Bis dann endlich die Plexiglaswände aufgestellt wurden. Und damals wurden die Kassiererinnen zu Heldinnen. Am späten Nachmittag wurden die Fenster aufgemacht – von jenen, die sich brav an die Ausgangssperren hielten , und geklatscht – für die Heldinnen, alle jene, die auch arbeiteten, um Kranke zu pflegen, um den öffentlichen Verkehr aufrecht zu erhalten, um die Nahversorgung zu gewährleisten … Ich habe jetzt – in der Phase der Normalisierung (oder etwas Ähnlichem) nichts davon gehört, dass sie einen Bonus erhalten hätten, oder gar eine   Gehaltserhöhung oder eine verringerte Arbeitszeit. Die Heldinnenära ist vorbei. Wo samma denn?  

Gestern bin ich eben zu jenem Billa gegangen, um ein paar Sachen einzukaufen (nicht zu viel, weil ich es ja nach Hause tragen muss). Es war schon am späten Nachmittag und es waren nicht besonders viele Leute im Geschäft, keine Schlangen bei den Kassen. „Meine“ Kassiererin saß in einer der Kassen. Es stand niemand hinter mir, also fragte ich sie, wie ihr es denn ginge. Und sie meinte, „nicht so gut“. Da musste ich fragen warum – es stand noch immer niemand hinter mir. Sie meinte, das mit dem Urlaub wäre heuer schwierig. Auf meine weiter Nachfrage erzählte sie mir, dass sie nach Bosnien fahren wolle.

Ich habe hinterher nachgeschaut (BMEIA-Information): „Für das ganze Land gilt die Sicherheitsstufe 6 (Reisewarnung). Vor allen Reisen wird aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus (COVID-19) gewarnt. Mit anhaltenden Einschränkungen im Flug- und Reiseverkehr sowie weitgehenden Einschränkungen im öffentlichen Leben ist bis auf weiteres zu rechnen.“

Meine Kassiererin berichtete weiter: Ihre Mutter, (auf meine Nachfrage) 70 Jahre alt, lebe allein in Bosnien und zu dieser wolle sie fahren. Verschämt wischte sie sich eine Träne ab. Sie hat mir so leidgetan – aber was kann ich tun, um ihr zu helfen.

Ich habe nachgedacht – kann sie problemlos zurückkommen, wenn sie zu ihrer Mutter gefahren ist? Was ist, wenn sie in Quarantäne muss und nicht arbeiten kann, wie stünde ihr Arbeitgeber – REWE -dem gegenüber? Wirklich ein Dilemma.

Und wenn sie aus Bosnien kommt, dann ist sie in den 1990 Jahren während der Zerfallskriege von Jugoslawien geflohen. Denken wir ganz kurz zurück: Während damals große Teile der serbischen Bevölkerung in Bosnien für einen Verbleib in der jugoslawischen Föderation und einen engen Verbund mit Serbien plädierten, gab es insbesondere bei den Bosniaken den Wunsch, einen eigenen unabhängigen Staat zu bilden, unter anderem weil sie eine Übermacht Serbiens im nunmehr um Slowenien und Kroatien verkleinerten Jugoslawien befürchteten. Kroaten aus der westlichen Herzegowina wollten sich stärker an Kroatien anlehnen beziehungsweise sich dem neuen kroatischen Staat anschließen. Die Spannungen eskalierten. Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Kräften der drei großen ethnischen Gruppen wurden von den jeweiligen nationalistischen Gruppierungen angeheizt und von sogenannten ethnischen Säuberungen begleitet. Erst kürzlich habe ich über das Massaker von Srebrenica vor 25 Jahren berichtet. (https://christachorherr.wordpress.com/2020/07/12/25-jahre-srebrenica-es-kann-wieder-geschehen/) Etwa 2,2 Millionen Menschen flohen aus Bosnien oder wurden von dort vertrieben, sowohl innerhalb des Landes als auch ins Ausland. Von den Flüchtlingen und Vertriebenen ist bis heute nur ein Teil zurückgekehrt.

Aber diese Geflohenen haben halt ihre Wurzeln und ihre Verwandten noch immer in Bosnien- Herzegowina. Auch wenn sie bestens hier integriert sind, gut Deutsch sprechen. Ich verstehe, dass sie ihren Urlaub dazu nutzen wollen, wieder einmal dorthin zu fahren.

Ich hoffe, dass alle Arbeitgeber, die ehemalige Flüchtlinge beschäftigen, ihre Heldinnen voll unterstützen, auch wenn für ihr Zielland („alte Heimat“) eine Reisewarnung besteht!

Heute möchte ich Ihnen eine eher kleine, ein bissel traurige Geschichte erzählen.

2 Gedanken zu “Heute möchte ich Ihnen eine eher kleine, ein bissel traurige Geschichte erzählen.

  1. Kaya Licht schreibt:

    Liebe Frau Chorherr,
    ich möchte mich einfach noch mal ganz persönlich hier bei Ihnen für Ihre Beiträge bedanken, auch wenn ich nicht wirklich jeden lese und auch nicht jeden gelesenen kommentiere.
    Mir gefällt die Art, wie sie uns Lesern die – irgendwie doch – sehr gut recherchierten Informationen mundgerecht präsentieren.
    Gerade hier hatte ich das Gefühl, das Schicksal Ihrer Kassiererin hautnah mitzuerleben. Das gefällt mir, denn irgendwie gehen doch die Einzelschicksale gern in der Masse verloren.
    Liebe Grüße von Herzen, Kaya

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Ihre aufmunternden Worte. Ja, ich versuche auch „Informationen“ zu bieten, die für manche vielleicht doch interessant sein könnten und die möglicherweise nicht leicht zu finden sind. Ihnen jedenfalls alles Gute und beste Grüße Christa

      Gefällt 2 Personen

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