Gilt es noch, das Gleichgewicht des Schreckens?

Gedanken anlässlich der bevorstehenden Gedenktage an Hiroshima und Nagasaki

Demnächst gedenken wir wieder der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. August und 9. August 1945. 75 Jahre sind es her. Es waren die bislang (und hoffentlich für immer!) einzigen Einsätze von Atomwaffen in einem Krieg. Sechs Tage danach gab Kaiser Hirohito mit der Rede vom 15. August die Beendigung des „Großostasiatischen Krieges“ bekannt. Das Gedenken an die Opfer spielt in Japan eine große Rolle in der nationalen Kultur und im nationalen Selbstverständnis. Weltweit wurden Hiroshima und Nagasaki zu Symbolen für die Schrecken des Krieges und vor allem eines möglichen Atomkrieges zu Zeiten des Kalten Krieges.

Den Befehl zum Einsatz der neuen Waffe gab US-Präsident Harry S. Truman, Nachfolger des am 12. April 1945 verstorbenen Franklin D. Roosevelt. Dieser Präsident war erst sehr kurz im Amt, als er das befohlen hatte. Das Motiv für den Einsatz der Bomben war, Japan möglichst schnell zur Kapitulation zu bewegen und so den Krieg zu beenden, bzw. viele tote amerikanische Soldaten, die in einem derartigen Kampf fallen könnten, zu vermeiden. Es war sicher auch eine emotionale Entscheidung, eines Präsidenten, der von der Entwicklung der Bombe bis dahin nichts gewusst hatte. Die Atombombenexplosionen töteten insgesamt ca. 100.000 Menschen sofort – fast ausschließlich Zivilisten und von der japanischen Armee verschleppte Zwangsarbeiter. An Folgeschäden starben bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen. In den nächsten Jahren kamen noch viele hinzu, die sehr unter der Strahlungskrankheit gelitten hatten. Hiroshima z.B. hielt man in den USA für das am besten geeignete Ziel, da es als einzige der Städte, die zur Auswahl standen, keine Kriegsgefangenenlager hatte. Hiroshima bestand bis auf einige Betonbauten im Zentrum aus Holzbauten. Die US-Militärs rechneten daher mit einem Feuersturm. Industrieanlagen in den Außenbezirken der Stadt sollten dadurch ebenfalls zerstört werden. Kriegsführung ist zynisch!

Dieser Einsatz der Atombomben führte in der Zeit des Kalten Krieges – also immerhin bis 1989 – zu einem Gleichgewicht des Schreckens. Das bedeutet eine Situation, in der eine Nuklearmacht vom Ersteinsatz von Nuklearwaffen dadurch abgehalten wird, dass der Angegriffene selbst nach einem nuklearen Erstschlag noch vernichtend zurückschlagen könnte. Damit ist kein statisches Gleichgewicht gemeint, in dem das Wettrüsten zu einem Stillstand gekommen wäre. Vielmehr bezeichnet der Begriff ein dynamisches Gleichgewicht, in dem die wechselseitigen Drohungen durch atomares Wettrüsten die Eskalation zu einem „heißen“ Krieg, also zu einer direkten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Supermächten verhinderte. Nach der Doktrin der „mutually assured destruction“ war es nicht ausschlaggebend, ob die USA mehr oder weniger strategische Atomwaffen besitzen als die Sowjetunion. Maßstab war nicht die Zahl, sondern die Fähigkeit, einen Erstschlag zu überstehen und danach noch genug Atomwaffen zu haben, um in einem Gegenschlag eine theoretisch kalkulierte Verwüstung in der Sowjetunion anrichten zu können, nämlich die „guaranteed destruction“. Als „guaranteed destruction“ wurde 1965 als die Kapazität an nuklearen Waffen definiert, die notwendig wäre, ein Viertel bis ein Drittel der sowjetischen Bevölkerung und zwei Drittel der sowjetischen Industrie zu vernichten.

Das Gleichgewicht des Schreckens funktionierte, in der damaligen, bipolaren Welt. Aber heute?

Jene Mächte, die noch immer über das mit erheblichem Abstand größte Arsenal an Atomsprengköpfen verfügen, sind die USA und Russland, es folgen China, Frankreich, Großbritannien, Pakistan, Indien, Israel, Nordkorea.  Der Iran arbeitet daran, zu diesem Kreis zu gehören. Zu Beginn des Jahres 2020 haben sich die knapp 13.400 weltweit vorhandenen Atomwaffen auf neun Staaten verteilt. Russland und die USA verfügen dabei über nukleare Arsenale mit jeweils rund 6.000 Atomsprengköpfen. Kann da das Gelichgewicht des Schreckens noch funktionieren, denn nicht die verfügbare Anzahl ist notwendigerweise ausschlaggebend, sondern allein die Tatsache, dass eine Bombe gezündet werden könnte.  Und das kann von unverantwortlichen Staaten, Gruppen oder Personen relativ leicht bewerkstelligt werden.  Ich denke da an eine so genannte „schmutzige Bombe“. Auch das ist eine Massenvernichtungswaffe, die aus einem konventionellen Sprengsatz besteht, der bei seiner Explosion radioaktives Material in der Umgebung verteilt.

Man hat immer wieder versucht, diesen „Schrecken“ zu begrenzen, auch heute noch.  USA und Russland wollen begonnene Abrüstungsgespräche fortsetzen. Die USA dringen derweil auf eine Teilnahme von China. Denn es wird angenommen, dass ein von drei Seiten unterstütztes Rüstungskontrollabkommen bessere Aussichten hat, ein unglaublich destabilisierendes Wettrüsten dreier Seiten zu verhindern. Pekings Programm für nukleare Aufrüstung sei „geheim, nicht transparent und werde nicht aufhören“. Russland wünscht sich multilaterale Gespräche unter Einbeziehung der europäischen Atomwaffenmächte Großbritannien und Frankreich. Der Zeitdruck ist groß, denn der New-Start-Vertrag zur Begrenzung des nuklearen Potenzials der USA und Russlands läuft im Februar 2021 aus.

Wir alle könne nur hoffen, dass sinnvolle, haltbare Verträge zustande kommen, die die Welt davor bewahren, atomar angegriffen zu werden.

Gilt es noch, das Gleichgewicht des Schreckens?

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