Ein Besuch im Cottage Viertel

oder Akteurin in einem Schnitzler Drama

Gestern hat es mich ins Cottage Viertel verschlagen. Cottageviertel oder kurz das Cottage wird ein Stadtviertel in den Wiener Gemeindebezirken Währing und Döbling bezeichnet. Die Vorbilder für die Cottage-Villen waren ursprünglich englische Landhäuser (cottages). In älterer Wienerischer Aussprache hat das Wort Cottage einen pseudofranzösischen Klang (kotèsch), z.B. bei Ansagen der Wiener Linien (= Öffentliche Verkehrsmittel), die englische Aussprache (kóttedsch) wird in neuerer Zeit aber immer öfter verwendet.

Das Währinger und Döblinger Cottageviertel gehört zu den vornehmsten und teuersten Wohngegenden Wiens. Es liegt auf der Türkenschanze, zur Hälfte im 18. und zur Hälfte im 19. Wiener Gemeindebezirk (Währing und Döbling). Die Hasenauerstraße bildet die Grenze zwischen beiden Bezirken. Charakteristisch sind die vielen alten Villen und noblen Häuser sowie die ruhigen Gassen voller alter Bäume und Grünflächen. Viele Prominente wohnen und wohnten hier. Die Villen im „Cottage-Stil“ haben oft rote Backsteinfassaden oder zeichnen sich durch ländliche Bauelemente aus. Sie waren meistens bürgerliche Familienhäuser, die in den Jahren ab 1873–1874 errichtet wurden.

Nur auf einigen Grundstücken stehen schiache Neubauten, Mehrfamilienwohnhäuser, meist charakterlos. Am besten wäre es, sie zu begrünen, damit man ihre unpassenden Fassaden nicht sehen kann. Wer das errichtet hat und vor allem wer das genehmigt hat?

Im Jahr 1872 wurde auf Initiative von Edmund Kral und Heinrich von Ferstel der Wiener Cottage Verein gegründet, der auf einem unverbauten Gebiet zwischen Döbling und Währing den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern mit umliegenden Gärten plante. Ab 1872 war Heinrich von Ferstel bis zu seinem Tod Obmann des Vereins. Die ersten 50 Bauten in einfacher, gotisierender Form wurden unter der Leitung von Architekt Carl von Borkowski, von dem auch die Parzellierungspläne stammen, errichtet und verkauft. Nach der Übernahme der Bauleitung durch Hermann Müller wurden die Bauten mit dem Ansteigen der Grundstückspreise immer größer und eleganter. Anfangs prägten das Viertel Villen im englischen Stil, später wurde im französischen und italienischen Baustil gebaut. Insgesamt errichtete der Wiener Cottage Verein mehr als 350 Häuser. Angrenzend an das Cottageviertel erstreckt sich der Türkenschanzpark; im Cottageviertel befinden sich u. a. die Universitätssternwarte Wien und das Döblinger Gymnasium. Damit die hohe Wohnqualität auf Dauer gesichert bleibt, wurde ein eigenes Cottage-Servitut eingeführt. Die Bewohner verpflichteten sich und verpflichten sich noch heute, gewisse bauliche Beschränkungen einzuhalten. Das dürfte leider halt nicht für alle gelten. Die „Neubauten“ sehend, würde sich Ferstel im Grab umdrehen.

Ich bin mit der Linie 40a vom Schottenring dorthin gefahren. Dabei kommt man auch durch die Sechsschimmelgasse – und mich hat schon immer dieser Name fasziniert.  Die Sechsschimmelgasse verlief so steil, dass beladene Pferdewagen sie nur schwer bewältigen konnten; nach einer Sage soll die Sechsschimmelgasse ihren Namen erhalten haben, weil ein Hausbesitzer am Fuß des Bergs einst seine sechs Schimmel als Vorspann zur Verfügung gestellt hatte.

Und das bringt mich zu den Straßennamen im Cottage-Viertel.

Meine Haltestelle befand sich dann in der Hasenauerstraße. Carl Ritter/Freiherr von Hasenauer war Architekt und Oberbaurat. Er schuf Bauten für die Weltausstellung in Paris, und 1871-1873 war er als „Chefarchitekt der Weltausstellung“ mit Arbeiten für die Wiener Weltausstellung (1873) betraut (somit auch für den Bau der Rotunde verantwortlich). Er baute das Burgtheater, die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten, das Spital der Barmherzigen Brüder, die Architektur für das Tegetthoffdenkmal, den Sockel für das Maria-Theresien-Denkmal und 1889 die Architektur für das Grillparzerdenkmal. Er war auch Mitglied des Gemeinderates, und Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

Die nächste schattige, ruhige Gasse die ich betrat, heißt Felix-Mottl-Straße. Mottl wurde künstlerischer Leiter des Wiener Richard-Wagner-Vereins und Korrepetitor an der Hofoper (und auch in Bayreuth), Kapellmeister am Ringtheater, Dirigent am Hoftheater in Karlsruhe und bei den Bayreuther Festspielen, schließlich, Königlich-bayerischer Hofopern- und Generalmusikdirektor in München (zugleich Direktor der Münchner Hofoper). Er zählte zu den bedeutenden Bruckner-Dirigenten.

Ich wollte eigentlich in die Blaasstraße. Carl Ritter von Blaas, 1815 geboren in Tirol, gestorben 1895 in Wien. Er war Historien- und Genremaler.  Er war unter anderem mit der Ausschmückung des Arsenals betraut: Fresken mit Darstellungen aus der Geschichte Österreichs; 45 Freskogemälde, darunter vier große Schlachtenbilder.

Jedenfalls nach diesem kleinen Spaziergang betrat ich dann eine dieser eleganten mehrstöckigen Villen, wurde sogleich in den hinteren Garten geführt. Dort auf einer Terrasse, gegenüber von einem leise plätschernden Springbrunnen, ganz im Grünen im Schatten alter Bäume und einer Marquise saßen wir dann in bequemen Korbsesseln bei einer Jause.   

Eigentlich war’s wie in einem Schnitzler Drama, z.B. dem Weiten Land, grad dass niemand Tennis spielte.

Ein Besuch im Cottage Viertel

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