Gestern – als wäre es heute gewesen, 1920/2020

die Instrumentalisierung des Vertrages von Sèvres

Gestern vor hundert Jahren wurde der Vertrag von Sèvres abgeschlossen. Er gehört zu den so genannten Pariser Vororte-Verträgen, die nach dem Ersten Weltkrieg verhandelt wurden.  Fast zwei Jahre waren nach dem Waffenstillstand von Mudros vergangen, der die Kämpfe zwischen dem britischen Empire und dem osmanischen Reich beendet hatte. Es war ein so genannter Diktat-Vertrag, bei denen die Verlierermächte nicht mitverhandeln durften.  Es war der 10. August 1920: Dieser Vertrag wurde zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkrieges und dem Osmanischen Reich abgeschlossen. Die Sultansregierung 1920 war in keiner Weise in der Lage, das abzulehnen. Zu den Siegermächten zählten damals: das Britischen Empire, Frankreich, Italien, Japan, Armenien, Belgien, Griechenland, Hedschas, Polen, Portugal, Rumänien, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen und die Tschechoslowakei. Eine Ratifikation des Vertrags erfolgte aufgrund des Untergangs des Osmanischen Reiches und des Sturzes des letzten Sultans Mehmed VI. nicht mehr. Der bereits begonnene Türkische Befreiungskrieg ging unterdessen unvermindert weiter.

Dieser „Friedensvertrag“ hatte die Aufteilung des Riesenreiches unter den Weltkriegs-Siegern festgeschrieben: Die Hauptstadt des Reichs: Besetzt von den Siegermächten, die Provinzen im Osten und Süden, von Mekka bis Kairo, von Damaskus bis Bagdad: Unter französischer und britischer Kontrolle. Izmir und die Ägäisküste: Besetzt von griechischen Truppen. Konkret hieß das: der Großteil Thrakiens mit Edirne und die Küste entlang der Ägäis wurde an Griechenland zugesprochen, Urfa, Mardin fiel an Frankreich, und West-Anatolien ging an Italien. Ost-Anatolien wurde unter den neu zu gründenden Staaten Armenien und Kurdistan aufgeteilt. Das war den Kurden z.B. versprochen worden, als sie auf der Seite der Alliierten gekämpft hatten. Zu diesem Kurdischen Staat ist es bis heute – 100 Jahre später – nicht gekommen. Konstantinopel wurde unter internationale Verwaltung gestellt. Frankreich und England teilten die Gebiete, die heute Irak, Syrien, Jordanien, Libanon und Israel heißen, als so genannte Völkerbundmandate untereinander auf.

Aber dazu kam es nicht. Mustafa Kemal (später Atatürk) kämpfte seinen Befreiungskrieg.

Und es kam aber zu dem Vertrag von Lausanne, der dann ganz anders aussah: Die Friedensgespräche waren am 30. November 1922 vom Völkerbund, repräsentiert durch Fridtjof Nansen, initiiert worden. Ein bedeutender Zwischenschritt war die am 30. Januar 1923 vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei.

Laut Vertrag erhielt die Türkei Ost- und Südostanatolien (Ostanatolien war im Vertrag von Sèvres für Armenien vorgesehen gewesen), Ostthrakien (seitdem der europäische Teil der Türkei) sowie Izmir (griechisch Smyrna). Griechenland behielt Westthrakien. Die Türkei stimmte nachträglich der bereits am 5. November 1914 proklamierten Annexion Zyperns durch Großbritannien zu, bis zu dieser Zustimmung hatte Zypern formal noch zur Türkei gehört. Zudem gab die Türkei ihre Ansprüche gegenüber Ägypten und dem Sudan auf. Des Weiteren wurde die italienische Besetzung rund um Antalya revidiert. Im Gegenzug erkannte der türkische Staat die italienische Souveränität über den Dodekanes und Libyen an, die als Ergebnis des Osmanisch-Italienischen Krieges an Italien gefallen waren.

Der Vertrag nutzte die Religionszugehörigkeit als Kriterium für die nationale Zugehörigkeit und damit für die Umsiedlung. Er regelte im Abschnitt über den Minderheitenschutz die Rechte der verbleibenden nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei, sowie der muslimischen Minderheiten in Griechenland. In der Türkei wurden Juden, Griechen und Armenier als Minderheiten anerkannt. Sie sollten in der Türkei dieselben Bürgerrechte haben wie die muslimischen Türken. Die christlichen Assyrer, welche wie die Armenier Opfer des Völkermordes von 1915 waren, wurden im Vertrag nicht berücksichtigt. Somit wurde für dieses indigene Volk im Vertrag keine Minderheitenrechte vorgesehen. Durch diesen Vertrag wird die Existenz einer assyrischen Ethnie bis heute geleugnet.

Im Vertrag von Montreux erhielt die Türkei 1936 die volle Souveränität über die Meerengen zurück. In den 1950er Jahren erklärte die Türkei in Bezug auf Zypern einseitig, dass der Vertrag von Lausanne hinfällig werde, wenn sich am Status Zyperns etwas ändere. Großbritannien hatte zuvor als Reaktion auf griechische Unabhängigkeitsbestrebungen der seinerzeit britisch beherrschten Insel erklärt, dass Zypern auch eine Angelegenheit der Türkei sei.

Erdogan betrachtet auch den Vertrag von Lausanne als „Niederlage der Türkei“: Als Beispiel nannte er die griechischen Ägäis-Inseln, die in „Rufweite“ der Türkei liegen. Es gebe noch immer einen „Kampf darum, was ein Festlandsockel“ sei, „und welche Grenzen wir auf dem Land und in der Luft haben“, so der türkische Staatschef.

Der Vertrag von Sèvres mag nie in Kraft getreten sein, aber im Narrativ des türkischen Premiers spielt er noch immer eine große Rolle, um ihn unter gegebenen Umständen gegen „den Westen“ instrumentieren zu können. Er wird noch in Schulbüchern erwähnt und eine diesbezügliche Fernsehserie läuft noch immer. Der Vertrag von Sèvres ist nicht tot, er dient noch immer als Schreckensbild für eine autoritären Herrscher.  

Gestern – als wäre es heute gewesen, 1920/2020

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