Eine sommerliche Restaurantempfehlung

Das Glacis Beisl

Eines muss ich natürlich schon vorausschicken: so gut, wie in meiner Verwandtschaft gekocht wird, schaffen es die meisten Restaurants nicht. Aber dennoch bieten sie einiges. Einige unserer Geburtstagsessen sind Corona-mäßig ausgefallen, und nun lässt sich manches nachholen, da bei vielen die Sommerferien „am Land und am Meer“ doch kürzer ausgefallen sind, als in „normalen“ Jahren.

Es ist derzeit ziemlich heiß in der Stadt und aufgrund von Corona will man ja ohnedies nicht „drinnen“ sitzen. Daher sind Restaurants mit schattigen Gärten sehr gefragt. Natürlich sind alte Bäume die bessere Option als Sonnenschirme. Alles das gäbe es ja in der näheren und weiteren Umgebung Wiens, aber man will ja schließlich auch nicht zu lange in irgendwelchen (heißen) Verkehrsmitteln sitzen.

Für uns bot sich das Glacis-Beisl an. (Nicht zu verwechseln mit dem Bastei-Beisl – andernorts). Der Name des Restaurants sagt einiges über den Ort aus. Das Wiener Glacis war eine von 1529 bis 1858 existierende Freifläche zwischen den Wiener Stadtmauern und den Vorstädten. Es diente ursprünglich den Verteidigern von Wien als freies Schussfeld gegenüber Angreifern von außen, wurde aber später zunehmend zivil genutzt.

Seit dem 13. Jahrhundert war Wien von einer Ringmauer umschlossen. Vor den Mauern existierten kleine Ansiedlungen, damals „Lucken“ genannt. Diese wurden bei der Ersten Türkenbelagerung teils von den Türken, teils von den Verteidigern demoliert. Nach Abzug der Türken wurde entschieden, die Siedlungen nicht wiederaufzubauen, sondern eine freie Fläche, das „Glacis“, anzulegen. Das Wort glacis kommt aus der italienischen Festungsbaukunst und bedeutet eine Aufschüttung unmittelbar vor einer Festungsanlage. In Wien und andernorts wurde aber die gesamte freie Fläche vor der Festung als Glacis bezeichnet.

Die Bauverbotszone wurde schrittweise verbreitert: Am 15. März 1588 wurde per kaiserlichem Befehl die Breite der Zone auf 40 Klafter (95 m) festgelegt, am 8. Juli 1632 auf 200 Schritt (150 m), am 21. November 1662 auf 200 Klafter (380 m) und anlässlich der Zweiten Türkenbelagerung 1683 auf 600 Schritt (450 m). Dabei mussten nicht nur Gebäude entfernt, sondern auch Weingärten gerodet werden. Die äußere Grenze des Glacis wurde durch Marksteine gekennzeichnet.

Bei warmem, frühlinghaftem Wetter lud die Wiese zu Spaziergängen ein. Dagegen wird die Durchquerung des Glacis bei Schlechtwetter und im Winter als mühevoll bis qualvoll beschrieben; bei starkem Regen verwandelte es sich in einen Schlamm. Im Hochsommer, wenn das Gras verdorrt war, bildete sich eine Staubwüste. Viele Menschen mussten das Glacis täglich durchqueren, etwa wenn sie in der Vorstadt wohnten und in der Inneren Stadt arbeiteten. Zur Verbesserung der Situation ordnete Kaiser Joseph II. am 17. Jänner 1770 die Verschönerung („Regulirung“) des Glacis an. Es wurden Fahrstraßen und Gehwege angelegt, und ab 1781 wurden 3.000 Alleebäume gepflanzt, vorwiegend Linden und Robinien. Das Glacis wurde von den Wienern bald als Erholungsgebiet akzeptiert. Allerdings dürfte das Glacis nach Einbruch der Dunkelheit ein relativ gefährlicher Ort gewesen sein; 1776 wurden daher Laternen aufgestellt.

Am Glacis gab es stets ein reges Wirtschaftsleben. Die Fläche wurde vor allem von Gewerbebetrieben benutzt, um Arbeiten im Freien durchzuführen, die in Innenräumen problematisch wären. So bereiteten hier Drucker ihre Farben vor, und Firnis-Sieder ihre Produkte. Zimmerleute und Steinmetze arbeiten am Glacis im Freien oder in hölzernen Hütten. Obst- und Fischhändler, Käsestecher und Trödler hatten Verkaufsstände. Es gab eine große Zahl von Gebäuden am Glacis, von kleinen Marktständen bis zu großen Hallen. Das Militär tolerierte dies meist, da alle Bauten aus Holz waren, und im Verteidigungsfall rasch demoliert bzw. niedergebrannt werden konnten. Am Rand des Glacis befanden sich einige der wichtigsten Märkte Wiens.

Vor allem ab der Verschönerung des Glacis unter Josef II. entstanden zahlreiche gastronomische Betriebe, von einfachen Buden bis zu noblen Kaffeehäusern.

Das Glacis-Beisl also bot sich aus vielerlei Gründen an. Man kann es über die Breite Gasse erreichen, man kann einen sehr hübschen Weg entlang eines sehr gepflegten Gemüsegartens von der Mariahilferstrasse (dort stehen schon die Hitze-Duschen bereit) dorthin kommen oder man geht durch das Museumsquartier. Letzteren Weg wählte ich, da brauchte ich keine Hitzeduschen, ich wurde von den Bewässerungsanlagen im Burggarten und Museumsgarten „erwischt“.

Wenn Sie nicht reserviert haben, gibt’s keine Chance zu Mittag sich dort nieder zu lassen. Was ich so mag: der Boden ist noch aus Kies, die Stühle: hölzerne grüne Klappstühle (wie früher in den Parks) und die alten (Nuss-)Bäume, die wirklich Schatten spenden. Und trotz wirklich zentraler Lage: kein Verkehrslärm. Es ist schon eine Oase.

Auf der Karte steht Aktuelles (z.B. Eierschwammerl-Produkte) einerseits und wienerische Klassiker andererseits. Uns hat’s geschmeckt. Das Personal ist sehr freundlich – und flink.

Man kann sich gut erholen (oder soll man sagen: rekreieren?) dort – im Glacis-Beisl.

Eine sommerliche Restaurantempfehlung

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