Ein Statement oder ein Modeaccessoire?

Die Corona-Maske – das Symbol dieser Pandemie

Das Problem ist: wir stecken noch immer mitten in einer Pandemie, aber wir wollen es einfach nicht mehr wahrhaben. Es ist Sommer, es ist Urlaubszeit, wir mögen Restriktionen jetzt einfach gar nicht. Jetzt kommen immer mehr Reisewarnungen, und im Grunde wollen wir doch alle ans Meer, und dort unbeschwert „Urlaub machen“, so wie sich’s jeder vorstellt – auf dem Campingplatz, im schicken Strandhotel, in einem Boot. So wie früher, in „normalen“ Sommer.

Und es schaut noch dazu so aus, als ob wir wieder verstärkt die Maske tragen sollten.  Für manche ist sie ein Mode-Accessoire. Für manche ist es ein Symbol, das man trägt, um „die anderen“ darauf aufmerksam zu machen, dass eigentlich noch „Pandemie-Zeit“ ist, und es gescheit wäre, vielleicht doch etwas Abstand zuhalten. Wirklich gewöhnt an die Maske haben wir noch immer nicht, obwohl die Maske seither Teil unseres Alltags geworden ist. Das Utensil wird von vielen nicht in erster Linie als Schutzmaßnahme wahrgenommen, um die Covid-19-Pandemie in den Griff zu bekommen. Es ist zum Statement, Symbol, Politikum, ja zur Provokation geworden. Die Maske ist Modeaccessoire und Hassobjekt zugleich.

Waren sie anfangs noch rar, und mussten erst noch in großen Mengen aus China geliefert werden, sind sie inzwischen sehr viel vielfältig geworden. Manchen tragen weiterhin die „Papierenen“, andere mehr oder minder schicke Selbstgenähte. In der Zwischenzeit sind die Masken aus Plexiglas aufgetaucht, wie man sie aus dem Operationssaal kennt, aber auch diese haben schon diverse unterschiedliche Formen und Befestigungen angenommen. In meiner Umgebung gibt es zwei pop-up (wie ich dieses Wort hasse) Geschäfte, die sich auf Masken unterschiedlichster Art spezialisiert haben. Anfangs hat man sie in Apotheken gekauft (denen habe ich wenigstens vertraut), dann sind sie in Supermärkten und Drogeriemärkten im „Mehrfachpack“ aufgetaucht. Als die Maskenpflicht in Supermärkten eingeführt worden waren, wurden sie beim Eintreten an die Kunden verteilt – das hat man aber dann nicht lange durchgehalten.

Es gibt sie auch, die die Abneigung gegen „den Corona-Lappen“. Denn die Maske macht unkenntlich und erschwert die Kommunikation. Ich kann das gut nachvollziehen, ich bin leicht terrisch (= schwerhörig) und ich verstehe viel schlechter, weil mir auch dazu die Mundbewegungen abgehen. Zusätzlich fallen wahrscheinlich 40 bis 60 Prozent des Gesichtsausdrucks mit dem Mund-Nasen-Schutz weg. Ob eine Aussage ernst, ironisch, böse oder witzig gemeint sei, sei für Außenstehende kaum noch zu unterscheiden. „Die Nase rümpfen“, „den Mund verziehen“, „die Zähne zusammenbeißen“: Nicht zufällig kennt unser Sprachgebrauch zahlreiche Ausdrücke, die zwar äußerlich die Mimik beschreiben, aber eine innere Befindlichkeit zum Ausdruck bringen. Es scheint, als ob der Bevölkerung während der Covid-19-Krise kurzerhand – Achtung, weitere Metapher – „ein Maulkorb umgehängt“ werde.

Andererseits wirkt für manche die Maske befreiend: Sie wirkt als Gleichmacher und verwischt Alter, Geschlecht und sogar Hautfarbe. Dazu noch ein Hut und Sonnenbrillen und die Anonymisierung ist perfekt. Aber freundlich gegenüber den Mitmenschen ist das eigentlich nicht – oder? Ich profitiere durchaus davon, denn ich rede gern mit mir selber und das wirkt auf der Straße anderen gegenüber recht komisch – wenn man nicht grad ostentativ eine Handy-Ausrüstung mit sich trägt.

Ein wenig hat die Maske im öffentlichen Diskurs die Rolle des Kopftuchs der Musliminnen übernommen. Mit dem Kopftuch und der Maske (mit Nadeln am Rande des Kopftuchs festgesteckt (ich hab‘ mir das genau angeschaut) und einem langen Mantel – der von vielen auch in der Sommerhitze getragen wird, ist die Verhüllung eigentlich fast wie im orthodoxen Islam geboten.  Früher galt halt ein Verhüllungsgebot.

Die Maske ist zum augenfälligen Symbol der Pandemie geworden, die sonst unsichtbar bleibe. Sie könne so zur Projektionsfläche für den gesamten Corona-Unmut werden. Denn mit „Nicht-Händewaschen“, keinen Abstand-Halten kann man seine Meinung nicht wirklich ausdrücken.

In den sozialen Netzwerken werden Verweigerer sogar zu Freiheitskämpfern stilisiert, oder sie selbst stilisieren sich als solche.  Umgekehrt müssen übereifrige Träger damit rechnen, als Risikopersonen oder Panikmacher identifiziert zu werden. Das bloße Tragen einer Maske, an Orten wo es nicht vorgeschrieben ist, wird selten als reiner Akt der Vernunft wahrgenommen. Es ist auch eine Demonstration und ein Aufruf an die „Sorglosen“, passt auf! Denn Menschen beobachten, wie sich die anderen verhalten, und passen sich oft entsprechend an, da es en meisten Menschen unangenehm ist, wenn sie in der Menge auffallen.

Wie wir alle festgestellt haben, ist es mit der Eigenverantwortung nicht so besonders weit her, vielleicht sind auch viele froh darüber, wenn ihnen die Entscheidung abgenommen wird.

Ich fürchte, wir werden diese Masken noch lange tragen müssen, selbst wenn es einen Impfstoff geben wird, denn dieser wird anfangs nicht unbedingt für alle reichen – systemrelevante Personen werden zuerst geimpft werden müssen.

Also ärgern wir uns nicht, klagen wir nicht darüber (ja, es ist heiß, sie zu tragen – und die Brillen laufen an) und setzen sie halt auf, wo immer es gefordert ist, bzw. wo immer wir selbst glauben uns vor den anderen und sie vor uns schützen zu müssen. An einer weiteren Ausbreitung des Virus kann ja nun wirklich keiner interessiert sein?

Ein Statement oder ein Modeaccessoire?

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