Gibt es sie noch, die Gnade?

Zu Begnadigungen, Gnade vor Recht, Gottesgnade und die gnädige Frau

Mir scheint, als ob das Wort „Gnade“ aus unserem Wortschatz langsam verschwindet. Früher hatte man doch noch öfters gesagt: es ist eine Gnade, dass noch … Heute sagt man (wahrscheinlich) eher, es ist ein Glück, dass noch …

Das deutsche Wort Gnade leitet sich von althochdeutsch ginada und mittelhochdeutsch genade her, was so viel hieß, wie ‚um Hilfe bitten‘…

Gnade – gibt es noch im Rechtswesen. Jemand wird begnadigt, das kommt doch noch öfter vor. Gnade ist in der Rechtswissenschaft die Befugnis, im Einzelfall eine rechtskräftig erkannte Strafe ganz oder teilweise zu erlassen, sie umzuwandeln oder ihre Vollstreckung auszusetzen. Dagegen betrifft eine Amnestie regelmäßig eine Vielzahl von Personen und erfolgt aufgrund Gesetzes. Gnade und Amnestie haben jedoch gemeinsam, dass sie nur die verhängte Sanktion berühren, ohne dass die betreffende Person entschuldigt wird. In unserem säkularen Staat ist der Geltungsgrund für die Gnade, der nicht an ein religiöses Konzept anknüpft, die Menschenwürde.

Die Menschenwürde bedeutet: Der Wert aller Menschen ist gleich und alle Menschen haben bestimmte Rechte, die ihnen niemand wegnehmen kann und darf. Dies gilt unabhängig von der Herkunft eines Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Religion, Sprache, sozialer Stellung, sexueller Orientierung, Staatsbürgerschaft, politischen und sonstigen Anschauungen. Bereits seit 1811 steht im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch: Jeder Mensch hat angeborene Rechte. Jeder Mensch ist als Person zu betrachten. Die Sklaverei ist verboten.

Im Mittelalter konnte ein Strafrichter durch ein erstes Urteil festlegen, ob er das Verfahren nach dem Recht oder nach der Gnade fortsetzen wollte. Im letzten Fall war er frei, von der Verhängung von Strafen abzusehen oder aber Sanktionen auszusprechen („Richten mit Gnade“ oder „Richten nach Gnade“). Mit der Zentralisierung politischer Herrschaft und der Gewaltenteilung zwischen Gesetzgebung und Rechtsprechung wird sich dann der Grundsatz durchsetzen, dass das Begnadigungsrecht nur dem Landesherrn zustehen könne.

Die Zuweisung des Gnadenprivilegs als Majestätsrecht wurde mit der fürstlichen Souveränität und dem Gottesgnadentum begründet, dessen selbstverständlicher Ausdruck sie sei und einer aus dem Naturrecht abgeleiteten Fürsorgepflicht des Landesherrn für seine Untertanen. Den Gerichten blieb nur das Recht der Berufung und Wiederaufnahme des Verfahrens. Die Verbindung von Herrschafts- und Begnadigungsbefugnissen in einem über dem Recht stehenden Souverän führte zu dem Spruch, die Gnade gehe dem Recht vor. Die Aufklärung verwarf den Gedanken der Gnade als Ausdruck der Willkür und Rechtslosigkeit.

Begnadigung ist der Erlass, die Umwandlung, die Ermäßigung oder die Aussetzung einer rechtskräftig verhängten Strafe, Nebenstrafe, Disziplinarstrafe oder Geldbuße bei Ordnungswidrigkeiten. Die Begnadigung ist meistens Befugnis von Staatsoberhäuptern, die einzelnen Tätern die ihnen strafrechtlich zuerkannte Strafe erlassen können nach dem „Gnade vor Recht“) Prinzip. Aber ein Verurteilter hat kein Recht auf Gnade. Im Rechtsstaat gebietet jedoch die Menschenwürde ein Recht auf Anhörung und Prüfung des Gnadengesuchs.

Im theologischen Sinn drückt das Wort Gnade ein Beziehungsgeschehen aus. In dem Begriff vereinen sich verschiedene Bedeutungen, denn die hebräischen und griechischen Begriffe können mit den deutschen Wörtern Gefälligkeit, Gnade, Geschenk und Gabe übersetzt werden, aber auch mit Wohlwollen oder Gunst, die dem Menschen – gratis – entgegengebracht wird. Da es für dieses Verhalten keine Verpflichtung gibt, ist jeder Gnadenerweis per se ein unverdientes Gnadengeschenk.

Im Christentum ist Gnade eine der Grundeigenschaften Gottes. Die bedingungslose Gnade, die Gott dem Gläubigen bzw. der gesamten Menschheit zuwendet, bildet den Kern der christlichen Botschaft. Als Zentralbegriff der christlich-biblischen Gotteserkenntnis beschreibt Gnade ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und den Menschen. Die theologische Rede über Gnade ist immer mit den Fragen nach Sünde, Leiden und freiem Willen verknüpft. Prägend für den lateinischen Westen wurde die Gnadenlehre von Augustinus von Hippo, der die paulinische Rechtfertigungslehre eng mit der Frage nach der Willensfreiheit und der Erbsünde verband. Denn der Mensch kann aufgrund der Erbsünde die Neigung zum Sündigen nicht überwinden (eingeschränkte Willensfreiheit) und ist daher auf die wiederherstellende Gnade angewiesen.

Martin Luther erneuerte die Gnadenlehre. Durch Barmherzigkeit wird dem an Christus Glaubenden um Christi willen, die Sünde nicht zugerechnet, sondern die fremde Gerechtigkeit Christi als eigene angerechnet. Dabei ist die Gnade nicht als im Menschen wirkende göttliche Kraft, sondern als außerhalb seiner bleibende Kraft Gottes verstanden.

Die Gnade ist auch im heutigen Glaubens- und Lebensverständnis der römisch-katholischen Kirche ein Schlüsselbegriff für das geglaubte Verhältnis von Gott und Mensch und des göttlichen Heilshandeln zugunsten des Menschen.

Bei uns im österreichischen Sprachgebrauch hat sich noch die Anrede „gnädige Frau“ erhalten. (Meine Enkel finden sie bereits eh schon sehr komisch). Ich habe sie als Anrede in der Arbeitswelt absolut verabscheut und vehement zurückgewiesen, was mir den Vorwurf eingebracht hat, höfliches Verhalten abzulehnen. Ich habe die Anrede als Kollegin eher als Abwertung als Frau  empfunden.

Im gesellschaftlichen Umfeld verschwindet diese Anrede – langsam, zusammen mit dem Handkuss, naja, das finde ich schon ein bisserl schade! Aber Beides geht nicht: selbstbewusste, gleichberechtigte Frau – und gnädige Frau.

Gibt es sie noch, die Gnade?

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