Geschichten und Geschichte über den Nordosten Wiens

Der Bisamberg und an seinem Fuße: Stammersdorf

Vom gestrigen Tag habe ich einiges zu berichten. Es wurden im “größeren“ Familienkreis die Geburtstage zweier meiner Urenkelinnen gefeiert. Für die Wahl der Lokalität war ausschlaggebend, dass ein Spielplatz und eine große Wiese, ein paar Ziegen und Hendel vorhanden waren.  (Es wäre ja sonst das Aurora gewesen, das wurde verkauft, zugesperrt und steht leer – zum Verfall?)

Diese Destination war: Der Magdalenenhof, 1501 errichtet, 1911 komplett neu gebaut. Der Hof wurde 1501 vom Schottenkloster errichtet, danach wechselten die Besitzer oft. In beiden Türkenkriegen kam es zu beträchtlichen Zerstörungen. Einer der vielen Besitzer war auch der Sozialpolitiker Karl Freiherr von Vogelsang (1818 – 1890). Dieser war ein katholischer Publizist, Politiker und Sozialreformer. Vogelsang gilt als einer der Wegbereiter der Arbeiterbewegung in Österreich.1906 erwarb der Besitzer der Brauerei Jedlesee dieses Anwesen am Bisamberg, seit 1926 ist es im Besitz der Gemeinde Wien. Die Architektur entspricht eher einer „voralpinen Regionalromantik“.

Aber es gibt eine große Terrasse, mit einem wunderbaren Ausblick sowohl auf die Stadt als auch auf den Bisamberg. Dieser Berg ist 385 Meter hoch, nach Westen fällt der Berg steil zur Donau hin ab und bildet zusammen mit dem südlich gelegenen Leopoldsberg die Wiener Pforte, den Durchbruch der Donau zum Wiener Becken. Seine südlichen Ausläufer reichen bis in den 21. Wiener Gemeindebezirk, nämlich Floridsdorf, konkret nach Stammersdorf und Strebersdorf.

Der Bisamberg ist seit Jahrtausenden besiedelt. Kupfer wurde dort schon früh verarbeitet, auch die Kelten lebten hier. Der Berg spielte aus militärischer Sicht mehrmals eine wichtige Rolle. Schon vor Beginn des Preußisch-Österreichischen Kriegs wurde 1866 wurde mit der Projektierung von Befestigungsanlagen rund um Wien begonnen. Ein Teil davon wurde am oder in der unmittelbaren Nähe des Bisamberges errichtet. Allerdings musste das nötige Trink- und Waschwasser mit Pferdefuhrwerken auf den trockenen Berg gekarrt werden. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die bereits in die Jahre gekommenen ehemaligen Schanzen reaktiviert und sollten als Teil des Wiener Brückenkopfes die Stadt vor einem möglichen russischen Angriff schützen. Nachdem aber die russischen Truppen in den Karpaten aufgehalten werden konnten, wurden die Verteidigungsanlagen auch diesmal nicht eingesetzt. In einem Waldstück am Osthang befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Ausbesserungswerk für Flugzeugmotoren („Austro-Fiat Flugmotoren GesmbH“, später „Wiener Flugmotoren Reparaturwerk“), das durch Luftangriffe zerstört wurde. Nur die Luftschutzbunker und ein Löschwasserbecken blieben weitgehend erhalten und wurden erst 2002 beseitigt. 1941 wurden Flak-Stellungen und Scheinwerfer zum Schutz der nördlichen Bezirke Wiens gegen Fliegerangriffe errichtet; ab 1943 wurden sie zum Teil von jugendlichen Luftwaffenhelfern (Gymnasiasten) bedient. Von 1933 bis 2010 befand sich unterhalb des Falkenbergs (einem Vorgipfel des Bisambergs, 320 Meter hoch) eine Mittelwellensendeanlage, der Sender Bisamberg. Lange Zeit waren deren Masten auf Wiener Gemeindegebiet die höchsten Bauwerke Österreichs. Der Rundfunksender wurde im April 1945 durch zurückweichende SS-Einheiten gesprengt; er konnte erst am 15. März 1950 wieder seinen Betrieb aufnehmen. 2010 wurden beide Sendemasten endgültig gesprengt.

Selbstverständlich kann man nicht vom Bisamberg reden, ohne die Weingärten zu erwähnen, die an seinen Hängen angelegt sind. Ursprünglich bewaldet, werden weite Teile des Bisambergs für den Weinbau genutzt. Und wo trinken die Wiener ihren Wein – meist in den Buschenschänken. Viele von diesen finden sich in Stammersdorf, in der noch weitgehend gut erhaltenen, romantischen Kellergasse.

Auch Stammersdorf wurde schon früh – 1177/1785 – urkundlich erwähnt. Im Laufe der Zeit hatte Stammersdorf schwere Heimsuchungen zu erdulden, verwüstetet von den Ungarn unter Matthias Corvinus, abgefackelt von den Türken – mehrmals. Der Ort diente als Feldlager der Böhmen, zerstört bei deren Abzug. Auch Feuersbrünste und Pest verschonten den Ort nicht. Dann kamen die Schweden, wiederum die Türken, auch die Kuruzen (eine Gruppe von bewaffneten antihabsburgischen Aufständischen im Königreich Ungarn von 1671 bis 1711. Getragen vom verarmten niederen ungarischen Adel und den Bauern eroberten sie von Siebenbürgen aus in mehreren Wellen weite Teile Ungarns, bevor sie von kaiserlichen Truppen besiegt wurden) stürmten gegen Stammersdorf.

Andererseits fanden im 18. Jahrhundert in den Stammersdorfer Wäldern Hofjagden statt. Und am 27. Dezember 1805 traf sich Erzherzog Carl mit Napoleon im k. k. Jägerhaus von Stammersdorf. Ab 1876 verkehrte ein Stellwagen von Stammersdorf in die Leopoldstadt, am 7. Juni 1886 wurde die Dampftramway von Wien über Floridsdorf nach Stammersdorf eröffnet, elektrifiziert wurde sie dann 1912.

Und heute: an schönen Abenden strömen die Wiener gerne in die Kellergasse und erholen sich dort bei einem (oder mehreren) Gläsern Wein vom Bisamberg.

Jetzt habe ich Ihnen so viel über die Umgebung unserer Geburtstagsfeier erzählt, dass kein Platz mehr für die Beschreibung der eigentlichen Festes bleibt. Na, ich verspreche, das hole ich bald nach.

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