Der Tafelspitz mit seinen Beilagen

In der Walfischgasse

Unverhofft kommt oft. Gestern am späteren Nachmittag: ein Anruf: hast Du heute am Abend Zeit. Natürlich habe ich Zeit. Also – so um 7 herum. Was machen wir? Also beide hatten wir keine besondere Lust erst dann mit dem Kochen anzufangen – und etwas Warmes wäre doch vorzuziehen. Gut, wohin gehen wir? Eigentlich wollen wir noch im Freien sitzen, gestern war’s am Abend schon ein bisserl kühl. In der Nähe hier soll es auch sein. Somit fiel nach längerem hin und her unsere Wahl auf das Gasthaus zur Oper (Plachutta), in der Walfischgasse. Es gibt gut an die zwanzig Restaurants in meiner Umgebung, aber das hat einen angenehmen Schanigarten – mit Heizung. Ich habe früher vehement gegen die Heizungen von Schanigärten argumentiert, aber heuer ist mir das Draußensitzen aus gesundheitlichen Gründen halt lieber als der Aufenthalt drinnen. Die Corona-Infektionszahlen sind ja derzeit leider nicht sehr vielversprechend.

Die große Frage: was hat diese Gasse mit einem Walfisch zu tun?  1919 wurde sie nach dem Hausschild „Zum Walfisch“ beziehungsweise nach dem Gasthaus „Bey den Wallfisch“ (auch „Zum großen Walfisch“, „Zum Jonas mit dem Walfisch“) benannt. Dieses Haus lag am ehemaligen Walfischplatz, der sich nicht mehr erhalten hat, doch zeigt die heutige Walfischgasse vor dem „Moulin Rouge“ durch das dort erhaltene Plätzchen noch immer ihren ursprünglichen Verlauf. Das Haus gehörte damals dem Mitglied des Äußeren Rats Daniel Zeißlmayr, der auch die Gastwirtschaft betrieb. 1872 erwarb die Wiener Baugesellschaft das Gebäude und ließ es demolieren.

Die Zeile der Walfischgasse mit den ungeraden Hausnummern lag gegenüber der Ringmauer, also der Stadtmauer von Wien. Als die Befestigung neu erbaut wurde, entstand 1563 anstelle der Ringmauer eine Kurtine. Als 1858/1859 die Kurtine abgebrochen wurde, entstand der kleine Walfischplatz. Und genau dort befindet sich der Schanigarten unseres gewählten Lokals.

Ich dachte: Montagabends, da muss ich doch nicht Reservieren. Na weit gefehlt, grad, dass wir noch einen Tisch ergattert haben. Was ich hier so schätze ist die Tatsache, dass der Schanigarten sowohl durch Glasscheiben als auch eine dichte Bepflanzung von der Straße abgetrennt ist. Ich mag eigentlich nicht, dass mir Vorübergehende auf den Teller schauen (spu…n) können.  Auch der Verkehrslärm hält sich hier durchaus in Grenzen.

Die Speisekarte weist viele wienerische Spezialitäten auf. Die Wahl fiel uns schwer. Aber letztlich lachte uns halt dann doch der Tafelspitz mit seinen Beilagen an. Zu der Speiseauswahl möchte ich noch sagen, in Restaurants bestelle ich grundsätzlich nur solche Speisen, deren Zubereitung zu Hause einfach zu viel Aufwand erfordert oder für wenige Personen nicht möglich ist. Man kann kein gekochtes Rindfleisch für eine Person zubereiten.

Der Tafelspitz ist eng mit der Geschichte der Wiener Küche verbunden, in der gekochtes Rindfleisch eine wichtige Rolle spielt. Seit dem letzten Quartal des 18. Jahrhunderts bezeugen das diverse Kochbücher. Rindfleisch, das aus den pannonischen Steppen Ungarns nach Wien kam, wurde schon seit dem Mittelalter in großen Mengen gekocht und vor allem von den bürgerlichen Ständen gerne gegessen. Es galt aber als „fad“ schmeckend, da es nach stundenlangem Kochen ausgelaugt wirkte und mit würzigen Zutaten wie Zwiebelhälften und Pfefferkörnern gekocht und mit Lauch und Kren serviert werden musste. In adeligen Kreisen galt hingegen der Braten als standesgemäß. Erst als Kaiser Franz Joseph I. abseits vom höfischen Zeremoniell gekochtes Rindfleisch als ständigen Bestandteil seiner Privattafel wählte und auch als eines seiner Lieblingsgerichte bezeichnete, wurde auch der Tafelspitz salonfähig. Kaiser Franz Joseph I. galt als ausgesprochen sparsam und verlangte von seinem Küchenmeister, statt der üppigen Mehr-Gänge-Menüs regelmäßig gekochtes Rindfleisch aufzutischen. Der Legende nach wurde der Tafelspitz im berühmten Hotel Sacher in Wien erfunden – und zwar nicht für Kaiser Franz Joseph I. (1830 bis 1916), sondern für seine Hohen Militärs.

Wir bestellten einen miteinander eine Portion, aber zusätzlich Suppe, Rösti und Spinat (das Gemüse kann man sich aussuchen). Dasselbe gilt auch für die Suppeneinlage. Wir wählten Frittaten.  Und dann kam der Tafelspitz, wie es sich gehört, im Kupferkessel, begleitet von seinen Beilagen – außer dem bereits erwähnten Gemüse und Rösti, selbstverständlich auch begleitet von Apfelkren und Sauce Tatar. Auch der Markknochen fehlte nicht, den wir zum Gedenken an meinen verstorbenen Mann – der ihn liebte – mit getoastetem Schwarzbrot verspeisten. Der Tafelspitz war butterweich und köstlich. Der Grüne Veltliner, Federspiel, durchaus passend.

Leider, leider war für ein wienerisches Dessert „kein Platz mehr“, wir hatten das Schokoladedingsda, das früher einmal anders hieß, was aber der P.C. nicht mehr entspricht ins Auge gefasst, auch der Kaiserschmarrn wäre sehr verlockend gewesen. Aber es wurde dann eine Kugel Mangosorbet – auch köstlich.

Für einen Kaffee war es dann leider doch schon zu spät. Ein insgesamt besonders netter Abend. (Und bitte haben Sie Verständnis, wenn ich ab und zu klage, dass ich Probleme mit meinem Gewicht habe)

Der Tafelspitz mit seinen Beilagen

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