Die Großmutter ist besorgt!

Der zweite Schultag

Heute war in Wien der zweite Schultag, an dem der Schulbetrieb erst so langsam zu laufen beginnt. Daher waren zwei meiner Enkelkinder schon um 11 Uhr von der Schule abzuholen. Diese Aufgabe wurde mir übertragen.

Die beiden gehen in dieselbe Schule, ja sogar in dieselbe Klasse – eine „Mehrklassenschule“, in der Zieglergasse. Diese Gasse befindet sich auf dem Schottenfeld, einem Teil des 7. Bezirks von Wien, dem Neubau.  Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts befanden sich auf dem Schottenfeld ausgedehnte, dem Schottenstift gehörende Felder, die allmählich verbaut wurden. Bis 1820 hieß das Gebiet „Oberneustift“, vor der Verbauung hingegen einfach „Außerhalb St. Ulrich auf den Schottenäckern“, wobei noch eine Reihe verschiedener anderer Riednamen gebräuchlich war.

Auf dem Schottenfeld siedelten sich viele von Joseph II. (*1741; † 1790,  1765 bis 1790 als erster Angehöriger des Hauses Habsburg-Lothringen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) aus Süddeutschland berufene Einwanderer an, die die Erzeugung von Seidenzeug und Samt fabriksmäßig betrieben und Wohlstand in die Gegend brachten. Die Anfänge des berühmt gewordenen „Brillantengrunds“, wie Schottenfeld später wegen des Reichtums der dort ansässigen Fabrikanten genannt wurde, fallen in die Zeit, als sich zahlreiche Gewerbetreibende dort ansiedelten. Der Beginn der österreichischen Seidenfabrikation fällt in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. 1718 begründete man die „Orientalische Compagnie“, die die Interessen der Seidenmanufakturen vertrat. 1702 gab es in Wien 20 steuerpflichtige Seidenfabrikanten. 1751 erließ Maria Theresia die erste „Qualitätsordnung“ und begünstigte die Niederlassung französischer Seidenweber in Österreich. 1774 beschäftigte das Seidenmachergewerbe in Wien und Umgebung 9935 Personen, zur Zeit Josephs II. arbeiteten 29 große Seidenwebereien mit rund 3000 Webstühlen.

Nach Ausbruch der Französischen Revolution konnte Österreich die Lyoner Seidenwaren aus ganz Mitteleuropa verdrängen. 1800 arbeiteten in Wien 8000 Webstühle, auf dem Schottenfeld gab es mehr als 300 Fabriken mit mehr als 30.000 Arbeitern, die vorwiegend Band-, Seidenchenillen-, Petinet-, Strumpfwirk-, Posamentier-, Seidenzeug- sowie Gold- und Silberdrahtwaren erzeugten. Die Hochblüte des „Brillantengrunds“ war 1790-1830. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts geriet die Schottenfelder Industrie in eine schwere Krise, die 1848 ihren Höhepunkt erreichte und viel zum Ausbruch der Revolution beitrug.

In der Zieglergasse hatten mehrere Seidenfabrikanten ihre Wohnhäuser. Ihren Namen verdankt diese Gasse aber den hier noch am Beginn des 19. Jahrhunderts anzutreffenden Ziegeleien; vorher hatte sie noch Ziegelofengasse, auch Ziegelgasse geheißen.

Also – rechtzeitig vor 11 Uhr, heute Schulschluss, traf ich also vor der Volksschule ein. Dort hatte sich bereits eine große Zahl von Wartenden eingefunden. Es gibt vor dieser Schule einen Hof, der war bereits so voll, dass man kaum hineinkonnte. Wenige trugen Masken, Abstände einzuhalten war ein Ding der Unmöglichkeit. Wohlweislich blieb ich außerhalb des diesen Hof begrenzenden Zaunes stehen. Am Gehsteig halt, aber auch hier wurde das Gedränge immer ärger. Vergessen die Menschen in derartigen Fällen, dass es noch immer Covid-19 gibt? Liegt ihnen ihre Gesundheit und die ihrer Kinder so wenig am Herzen. Eigentlich verstehe ich diese Haltung nicht.

Als es dann gegen 11 Uhr ging, standen manche Menschen direkt vor dem Tor, ich stand etwas entfernt dahinter, man konnte

die Kinder nicht sehen die aus der Schule strömten – und sich durch dicht gedrängte Eltern durchwursteln mussten. Aber statt mit dem abgeholten Kind umgehend den Schulhof zu verlassen, wurde noch stehend (alle anderen behindernd) abgehandelt, wohin man eigentlich gehen wolle – wo die Mama wäre, wo das Auto stünde. Andere fingen gleich an, das Mitteilungsheft der Kinder zu lesen. Einen Herrn (Vater?) bat ich höflich, doch die Verhandlungen weg vom Schultor zu verlegen, er war sehr ungehalten, ich hörte nicht, mit welchen Ausdrücken er mich belegte. Rücksichtnahme auf andere scheint hier wenig ausgeprägt zu sein. Ich weiß, dass die Corona-Gefahr im Freien nicht so besonders groß ist, aber dennoch blieb meine Maske die ganze Zeit oben.

Endlich kam meine Enkeltochter (erste Klasse) und kurz darauf mein Enkelsohn (dritte Klasse) mit Adele, von der er eine Liste holen müsse, und uns dann nachkäme. Er überreichte mir noch die Wohnungsschlüssel.

Also trabte ich mit meiner Enkelin nach Hause, sie zog die schattige Seite vor, denn es war recht warm geworden.   Ich bot an, die doch ziemlich große Schultasche zu tragen. Das Angebot wurde abgelehnt, sie wäre nicht schwer, weil die Unterlagen in der Schule gelassen würden.  Meine Enkeltochter ging ein bissel komisch, ich stellte fest, dass sie wunderschöne neue rote Lackschuhe trug, die ihr sichtlich noch ein bisserl zu groß waren und sie an der Ferse schon ein Pflaster hatte. Hier scheint schon zu gelten: Schönheit muss leiden, Oje, oje.

Kaum waren wir zu Hause, kam auch schon der große Bruder, er hatte versucht uns einzuholen.

Zusammen mit den Eltern gingen wir dann in ein gemütliches griechisches Lokal in der Otto-Bauer-Gasse, wo wir im Schanigarten vergnügt speisten.

Die Großmutter ist besorgt!

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