Zur kommenden Ballsaison – der Liebe Augustin

Und Unterlassungen in Vorwahlzeiten, für die ich mich schäme

Vielleicht haten Sie mich jetzt für frivol. Jetzt unabhängig davon, dass ich mich schäme, als Österreicherin, dass wir keine unbegleiteten Minderjährige aus Moria aufnehmen, keine Flüchtlingsfamilien – für die Platz wäre, in leerstehenden Flüchtlingsunterkünften, dass ich mich schäme für einen Innenminister der vor einem russischen (!) Transportflugzeug auftritt und „Hilfsgüter“ bringt, die die Menschen aber nicht wollen, weil sie nicht wieder in eine Zeltlager wollen, sondern sich endlich eine Perspektive für ihr weiteres Leben wünschen. Ich schäme mich auch, dass schon wieder ein Kühltransport mit Flüchtlingen, gerade noch lebend „aufgegriffen“ wurde …  Das ist alles zusammengenommen eine unhaltbare Situation, und Bürokraten in Europa, die in gekühlten bzw. geheizten Büros weilen, diskutieren seit fünf Jahren über deine Lösung des Flüchtlingsproblems …

Aber dennoch ich lebe in Wien, mir ist diese Stadt ein Anliegen und ein Teil der Kultur dieser Stadt sind die Bälle im Fasching. Sagen Sie jetzt nicht, „wir haben doch andere Sorgen“ (siehe oben). Planen muss man bekanntlich rechtzeitig. Ja, ich gebe zu, es ist leider noch ein Weilchen Wahlkampfzeit (Sie wissen schon: Wahlkampf ist Zeit fokussierter Unintelligenz). Aber wenn dieser vorbei sein wird- endlich, kann man sich doch vom „Stimmenfangkonzept“ lösen, und wie man so schön sagt: Nägel mit Köpfen machen – also unbegleitete Kinder und ein paar Familien aufnehmen aber parallel dazu auch die wirtschaftlich durchaus wichtige Ballsaison planen.

Ich könnt‘ mir vorstellen, dass sich einer Gruppe von sogenannten „Stakeholdern“, also Leute, die Interesse an diesen Bällen haben, mit einigen g’scheiten Kreativen zusammentun und überlegen, wie man auch in Corona Zeiten einen eleganten Ball abwickeln kann (Vorbild: Helga Rabl-Stadler hat ja auch die Corona-Festspiele in Salzburg ohne Infektionen über die Bühne gebracht.) Es dürfen weniger Leute dabei sein – aber vielleicht kann man es dann halt mehrmals durchführen, anders nennen auf mehr Räume verteilen …

Wir leben hier doch in der Stadt auch des Lieben Augustins, ja, wir haben ihn sogar ein Denkmal gesetzt.

Das Jahr 1679 mag den Wienern lange im Gedächtnis geblieben sein; denn es brachte wie kaum ein zweites Unheil und Tod über viele Familien. Von Ungarn kommend, war der grausame Würger Pest in die Stadt geschlichen. Anfangs kaum bemerkt, hatte sich die Seuche in kurzer Zeit in fast allen Häusern breitgemacht. Wer konnte, verließ die Stadt; denn die Zahl der Erkrankten stieg von Tag zu Tag, die Todesfälle wuchsen an, manche Leute wurden mitten in den Straßen vom Tod ereilt, so dass zuletzt viele Tote in den Straßen umherlagen. Reiche und Arme, Junge und Alte fielen der würgenden Krankheit zum Opfer. Unaufhörlich fuhren die Leichenwagen, hochbeladen mit Toten jedes Standes und Geschlechtes. Die Stadtknechte lasen auf, was sie fanden, beluden ihre Wagen und leerten sie in die Pestgruben, die man vor der Stadt ausgehoben hatte. Waren die Gruben voll, wurden sie einfach zugeschüttet.

In dieser schweren Zeit lebte in Wien ein lustiger Sänger und Dudelsackpfeifer, der immer fröhlich und guter Dinge war nach dem Grundsatz:

„Lustig gelebt und lustig gestorben

ist dem Teufel die Rechnung verdorben.“

Seines unverwüstlichen Humors wegen war er den Wienern lieb und wert, allgemein hieß er nur „der liebe Augustin“.

Augustin hielt sich mit Vorliebe im Bierhaus „Zum roten Dachel“ am Fleischmarkt auf und gab dort seine Possen und Lieder zum Besten. Obwohl in der Pestzeit die meisten Lokale aus Furcht vor Ansteckung von den Wienern gemieden wurden, gab es im „Roten Dachel“ stets vollbesetzte Tische; denn Augustins Humor lockte manchen Waghalsigen dorthin, der bei dem edlen Gerstensaft und den heiteren Klängen von Augustins Sackpfeife das tägliche Elend zu vergessen suchte.

An einem klaren Septemberabend aber saß der liebe Augustin trüb und niedergeschlagen in der Schenke, denn heute wollte sich kein Gast zeigen. Wortlos und unwillig stierte er vor sich hin und ließ sich Glas um Glas vorsetzen, um seinen Unmut zu dämpfen. Wankend und höchst unsicher auf den Beinen, verließ er spätabends den Schauplatz seiner früheren Triumphe, um seine vor der Stadt gelegene Behausung aufzusuchen.

Als er über den Kohlmarkt zum Burgtor hinausgetorkelt war, stolperte er und fiel am Rande der Straße nieder, wo er, unfähig, sich wieder zu erheben, liegenblieb und gleich einschlief. Als ein wenig später die Pestknechte mit einer Leichenfuhre an der Stelle vorüberkamen, dachten sie, hier liege auch ein mausetoter Mann, packten ihn und warfen ihn zu den übrigen Toten auf den Wagen. Sie luden ihn dann mit den andern in der Pestgrube ab und fuhren wieder davon.

Augustin aber hatte weder das Aufladen noch das Abladen verspürt, sondern mitten unter den Toten auf dem Wagen und in der Grube weitergeschlafen, als ob er zu Hause in seinem Bett läge. Als ihn dann die Morgenluft ernüchterte und er aus seinem Schlummer erwachte, sah er mit Bestürzung, dass eine Pestgrube voll schauerlicher Leichen seine unheimliche Schlafstätte gewesen war. Da kamen gerade die Pestknechte mit einer neuen. Leichenfuhre zu der Grube und gewahrten entsetzt einen Mann zwischen den Toten herumstapfen. Augustin aber rief ihnen laut schimpfend zu: „So helft mir doch! Seht ihr denn nicht, dass ich den Grubenrand nicht erreichen und daher aus dieser verdammten Grube nicht hinausklettern kann?“

Sie zogen ihn aus der Grube, und er ging schimpfend davon. Das Nachtlager unter den Pestleichen hatte keine bösen Folgen für ihn; er blieb gesund, wie er es bisher gewesen war, und bildete weiter den Anziehungspunkt für die Gäste des „Roten Dachel“, denen er sein schauriges Abenteuer in zierlichen Versen noch oft zu Gehör brachte, bis er im Jahre 1702 hochbetagt eines natürlichen Todes starb.

Es handelte sich dabei um Markus Augustin; * 1643; † 1685, er war ein Bänkelsänger, Dudelsackspieler, Sackpfeifer, Stegreifdichter und Stadtoriginal.

Reißen wir uns zusammen, bringen ein paar Flüchtlinge von griechischen Inseln nach Österreich und freuen uns auf einen „anderen“ Fasching 2021.

Zur kommenden Ballsaison – der Liebe Augustin

2 Gedanken zu “Zur kommenden Ballsaison – der Liebe Augustin

  1. Elena schreibt:

    Ein riesig großes Dankeschön für diesen Eintrag, für Ihre Worte!
    Ich stimme Ihnen gerne und absolut zu, mich ebenfalls schämend und mich fragend, wie „das alles in Österreich“ weitergehen soll…

    Herzliche Grüße
    E.

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