Von Wegwerfen und Bewahren

Und von den laufenden Veränderungen

Man soll nicht an Dingen hängen, man soll sich von allem, was nicht unbedingt erforderlich ist trennen, man wird glücklicher sein – so wird gepredigt. Ist das wirklich so?

Für mich ist es schwierig, alte Dinge wegzuwerfen (weggeben geht eher noch). Mit diesen „alten, unnützen Dingern“ verbinden mich viele (glückliche) Erinnerungen, besonders betreffend Menschen, mit denen ich sehr verbunden war und die jetzt nicht mehr unter uns sind. Ich verstehe, dass für andere, die vielleicht den Platz brauchen, „altes, hiniges Kram ist“. Dennoch ist es mir lieb und wert.

 Der Schock kam gestern. Wir haben sehr viel ausgemustert, das derzeit wirklich nicht mehr gebraucht wird, besonders „medizinische Möbel“ (Rollstuhl, Duschsessel etc.). Dankenswerter Weise wurde das gestern von Mitarbeitern der Caritas abgeholt. Wir sind mit einem der Herren dieser Gruppe ein wenig ins Gespräch gekommen, er hat uns erläutert, wie das mit den überlassenen Dingen gehandhabt wird. Teilweise werden sie gewinnbringend verkauft, der Erlös davon geht dann in die diversen Projekte. Oder sie werden Bedürftigen überlassen. Dann meinte er, dass keine „kaputten“ Dinge übernommen würden, denn für die Reparatur stünden keine Arbeitskräfte zur Verfügung. Und – er zeigt auf unser Biedermeiersofa, bei dem, da es jetzt stärker benutzt wird, die Polsterung schon schleissig wird, würden sie sicher nicht mitnehmen.

Ich war wirklich betroffen, meinen WG-Mitbewohnern gefiel diese Aussage schon sehr gut. Ich habe‘ jetzt mein geliebtes Sofa mit einer Tagesdecke abgedeckt und werde demnächst den Tapezierer anrufen, dass dieses Sofa neu überzogen wird.

Eine Zeitlang z.B. waren flauschige Teppichböden modern, bis man draufkam, dass sie bei Benutzung bald schäbig wurden und außerdem unhygienisch waren. Ich kann mir wiederum keine Wohnung ohne Vorhänge (möglichst Stores und Übervorhänge) vorstellen, die derzeit auch eher als störend empfunden werden.

Ich finde, dass alte Dinge repariert und nicht weggeworfen werden sollen. In meiner noch aktiven Zeit hat man solche Menschen ein wenig abschätzig „Sammler“ genannt – im Gegensatz zu den Jägern. Außerdem bin ich draufgekommen, dass des einen „Schmarrn“ des anderen „Schatz“ sein kann. Und ich halte es für Toleranz, des anderen „Schmarrn“ zu achten.

Natürlich ist das auch ein Generationenproblem. Genauso wie sich die Ansichten der „Boomer“ von jenen der „Millennials“ (ich gehöre keiner dieser beiden Gruppen an, meine Altersgruppe hatte keinen Namen – wir waren ja nicht einmal Teenager, als wir zwischen 13 und 19 Jahre alt waren) unterscheiden, unterscheidet sich auch der Geschmack, die Sprache etc. „Zu meiner Zeit“ trugen die Herren noch Hüte und Damen Handschuhe, aber nur sehr exzentrische unter ihnen gar Hosen (Marlene Dietrich).  Zu meiner Zeit gab’s noch die Schlurfs, mit der Packelfrisur, bei uns waren Dinge vielleicht noch „leiwand“, wir junge Mädchen waren Backfische.  Wir wären nie auf die Idee gekommen, die Straßenbahn Bim zu nennen, wir sagten eher noch Elektrische oder Tramway, den Ausdruck Kids kannten wir noch nicht. Wir gingen noch auf dem Trottoir und nicht auf dem Gehsteig, wir sagten zur Begrüßung weder Hallo noch Hi, sondern Servus. Ich kann mich nicht überwinden, zu jeder Gelegenheit Oida zu sagen.

Aber neue Begriffe müssen wir unentwegt lernen! Wer hätte sich schon vor einem halben Jahr vorstellen können, was contact-tracing, social distancing, Basisreproduktionszahl, etc. bedeuten könnte, heute sind wir täglich damit konfrontiert. Und wer hätte gedacht, dass wir einander statt mit „Bussi-Bussi“ begrüßen, einander mit Ellenbogen oder Fußspitze (geht bei mir nicht – Umfallgefahr) „Guten Tag“ sagen. Selbst der gute alte Handkuss ist mit Corona verschwunden.

Und mit dem Klimawandel geht es uns nicht viel besser: Treibhausgase, über die Permafrostböden habe ich vor langer, langer Zeit einmal in der Schule gehört, 2-Grad-Ziel, INDC („Intended Nationally Determined Contribution“), UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change), etc.

Und manche Begriffe, die man jetzt eher nicht mehr so oft hört (verdrängt von Corona und Klimawandel, bzw. Artensterben) sind z.B. Al-Qaida, Isis etc., die aber zwischen zeitlich zu „Household-Words“ geworden sind.

Wir sollten aber das gewonnen Wissen sowohl über Terrorismus, oder Klimawandel bzw. Corona nicht vergessen, sondern die richtigen Lehren daraus ziehen, damit das Alte als Grundlage für Neues dienen kann.

Von Wegwerfen und Bewahren

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