„Du musst“

Wer darf es zu wem sagen und unter welchen Umständen

Was mich schon immer sehr gestört hat, war, wenn jemand zu mir gesagt hat: Du musst! Ich bin in einer „autoritären Zeit“ aufgewachsen, auch Kindererziehung war wahrscheinlich autoritär, wenn meine Eltern durchaus liebevoll zu mir waren.  

Aber ich mag diesen „deutschen Imperativ“, du musst, gar nicht. Denn, was „muss“ ich wirklich? Genaugenommen muss ich mich an die 10 Gebote halten. Sicher „muss“ ich den bestehenden Gesetzen entsprechend leben, ich „muss“ wahrscheinlich auch den gesellschaftlichen Konventionen folgen, außer wenn ich ein Außenseiter bleiben will.  Ich muss meine Steuern zahlen. Wenn ich einen Vertrag mit einem Arbeitgeber vereinbart habe, muss ich mich dessen Anweisungen – im Rahmen der Gesetze – unterwerfen. Muss ich mich aber auch an die „Menschenrechte“ halte? Da wird’s ein wenig schwieriger…

Aber selbst kann man versuchen, nicht anderen ein „muss“ aufzuzwingen. Man kann ja auch ein „bitte, könntest Du“ verwenden, das würde, so glaube ich, einiges in der zwischenmenschlichen Atmosphäre verändern.

Wer darf überhaupt einem Anderen gegenüber ein „Du musst“ äußern? Eltern, Lehrer, Chefs, Ehepartner? Politische Parteien, wenn sie „als staatliche Vertreter“ sprechen? Jetzt z.B. in Corona-Zeiten, wer darf anordnen, dass ich eine Maske trage, dass ich zu Hause bleibe, dass ich mir öfter die Hände wasche, dass ich Abstand halte? Gerade das werden viele auch ohne Anordnung (Eigenverantwortung) so machen. Hoffentlich!

Aber was kann mir ein Staat noch befehlen? Ich muss wohl „in den Krieg ziehen“, wir erinnern uns alle an den Fall Jägerstädter – er hat dies verweigert und ist mit dem Tode bestraft worden. Sie werden sagen, jetzt ist alles anders, ja, selbstverständlich. Damals herrschte ein tyrannisches System. Jetzt kann jeder seinen Militärdienst als Zivildienst absolvieren, aber Zeiten können sich rasch ändern. Wir stellen rundherum nationalistische, autoritäre Züge – auch in Demokratien fest („illiberale Demokratie!“).  Und gar nicht weit von uns – in Belarus – wird man schon eingesperrt, wenn man nur friedlich demonstriert.  

Ich habe aus meiner Kindheit ein „ich muss“ mitgenommen. Manchmal werde ich gefragt, warum machst Du das jetzt, z.B. Schreiben, regelmäßig, Du bist doch in Pension, du musst doch gar nichts! Ich finde halt, wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann muss ich das auch tun.  Vielleicht sagen Sie jetzt, das ist doch unflexibel! Vielleicht ist das auch so, aber ich halte (Selbst-)Disziplin schon für ziemlich wichtig.  Ein selbstauferlegtes „muss“ unterscheidet sich doch gewaltig von einem Zwang durch Dritte, wer immer sie auch seien.

Auch mein Mann ist in derselben Periode aufgewachsen wie ich – er hat anderen gegenüber oft ein „Du musst“ ausgesprochen, auch mir gegenüber. Ich habe nur selten gesagt, dass ich mich über ein diesbezügliches „Bitte“ sehr gefreut hätte. Selber habe ich mir gedacht, „eigentlich muss ich gar nichts“, aber ich tue es halt, weil mein Mann behindert war und weil ich meinen Mann geliebt habe. So habe ich das vor mir gerechtfertigt: ich habe es nicht getan, weil ich es „musste“, ich habe es getan, weil ich wollte.

Jeder von uns sollte aufpassen, wenn ihm oder ihr ein „Du musst“ entgegengeschleudert wird. Ist der Mensch, die Institution, der/die es sagt, dazu autorisiert? Breche ich, wenn ich das durchführe, höhere Gesetze? (Ich finde, dass jetzt „höhere Gesetze“ gebrochen werden, wenn keine Menschen aus den Lagern auf den griechischen Inseln aufgenommen werden – warum lassen wir uns das gefallen?) In einem Krieg ist diese Fragestellung schwierig, als Soldat. Aber wir Älteren haben erlebt, wie es manchen ergangen ist, die den „Befehlen“ Folge geleistet haben.  Ich denke da an die Nürnberger Prozesse. Ich frage mich auch, wie es jenen Soldaten geht, die bewaffnete Drohnen über ein „Feindesgebiet“ – auch diese Definition ist fraglich – lenken und dort ihre Raketen losschicken, die ein Haus zerstören, in dem angeblich „Terroristen“ – diese Definition ist schon wieder fraglich – leben, aber in denen sich auch sonstige Zivilisten, wie deren Frauen und Kinder aufhalten Natürlich handeln sie auf Befehl!?

Ich habe mich lange mit dem so genannten „gerechten Krieg“ beschäftigt. Große Philosophen und Heilige Männer haben darübergeschrieben. Aber das ist dann ein anderes Thema, über das ich dann später schreiben werde. (WGW).

Jetzt passen Sie einfach auf, wer Ihnen ein „Du musst“ sagt, und hinterfragen Sie es auf jeden Fall!

„Du musst“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s