Corona und eine muslimische Hochzeit

Ein neuer Cluster im Waldviertel

Ein neuer Corona-Cluster wird im Waldviertel nachgewiesen: Ursache eine „türkische Hochzeit“, das Fest hat am 12. September in der Stadthalle Schrems stattgefunden. Es sollen 700 Personen dabei gewesen sein, allerdings waren nur 350 vorher den Behörden gemeldet worden.

Dazu sollte man bedenken: Die Hochzeit ist für viele Muslime eines der wichtigsten Feste in ihrem Leben. Und je mehr Gäste, desto mehr Geschenke für das Brautpaar. In den einzelnen Ländern unterscheiden sich die Hochzeitsfeste sehr voneinander. Arabische Muslime feiern zum Beispiel ganz anders als muslimische Familien aus Indonesien oder aus der Türkei. Überall aber geht es sehr fröhlich und festlich zu und es gibt auch viele traditionelle Speisen. Da spielen lokale Besonderheiten eine Rolle, auch bei Menschen, die aus diesen Gegenden stammen und jetzt bei uns leben.

In der Türkei, wo die Scharia im Zuge der Gründung der Türkischen Republik 1923/24 zwar als Gesetzesgrundlage abgeschafft wurde, werden dennoch bis heute vor allem in ländlichen Gebieten Ehen nach Scharia-Recht geschlossen. Diese sogenannten Imam-Ehen, die unter anderem Ehen mit mehreren Ehefrauen sein können, aber auch Ehen von Minderjährigen oder Zwangsehen, werden in regelmäßigen Abständen vom türkischen Staat amnestiert, sodass auf diese Weise das traditionelle und kulturell geprägte Heirats- und Eheverständnis zunehmend wieder Einzug hält. Angeblich gibt es dort noch einen gewissen niedrigen Prozentsatz von türkischen Frauen, die in polygamen Ehen leben. Das Polygamie-Gesetz wird in der Türkei aber bisweilen durch religiöse Eheschließungen umgangen. Nun stammen viele der bei uns zugewanderten Türken aus ländlichen Gebieten, aber dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Ehe hier standesamtlich geschlossen wird, dem eine Zeremonie mit einem Imam folgt. Aber Zwangsehen oder solche mit Minderjährigen halte ich für selten bis nicht-existent.

Ich weiß nicht, ob diese Verheiratung im Waldviertel eine standesamtliche war oder eine durch einen Imam vollzogene – oder beides. Eine in Österreich bloß konfessionelle/also islamische Eheschließung ist vor dem österreichischen Gesetz ungültig.

Aber hier einige Fakten zu islamischen Ehen.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich nimmt islamische Eheschließungen vor. Vor der Zeremonie und dem großen Fest müssen beide Partner vor Zeugen erklären, dass sie mit der Eheschließung einverstanden sind. Das wird in einem Vertrag besiegelt – meistens vom Imam. Dem Vertrag müssen auch die Familien des Brautpaares zustimmen. Ist es für die Frau die erste Eheschließung, muss Ihr Vater sein Einverständnis geben. Die islamische Ehe ist eine nach Maßgabe der Scharia geschlossene Ehe und gilt nach islamischer Systematik als privatrechtlicher Vertrag. Bei einer muslimischen Hochzeit wird nach der Unterzeichnung des Vertrages gebetet und alle Besucher lesen die Sure Al-Fatiha. Sie ist eine besondere Sure am Anfang des Koran und wird zu verschiedenen Anlässen und in jedem Gebet gesprochen. Die Braut erhält zur Hochzeit eine Brautgabe. Die Morgengabe wird durch die Eltern der Braut dargebracht.

Das Paar wird von den zumeist zahlreichen Gästen reich beschenkt, oft mit Goldschmuck, der häufig in einer Art Geschenkeschau gezeigt wird. Nach der Hochzeitsnacht überreicht der Mann seiner Frau die Morgengabe: Sie besteht aus Geld- und Sachwerten und gilt als finanzielle Absicherung.

Nach islamischem Verständnis sind die intimen Lebensbereiche von heiratsfähigen Frauen und Männern grundsätzlich getrennt; die Ehe ist der einzige Ort, in dem diese Trennung legitimerweise aufgehoben ist.

Die islamische Ehe ist grundsätzlich auf Dauer angelegt. Hinsichtlich der Eheschließung mit Muslimen herrscht im Islam traditionell ein System der asymmetrischen Endogamie: während muslimische Männer jüdische und christliche Frauen heiraten dürfen, ist muslimischen Frauen die Eheschließung mit nicht-muslimischen Männern nicht erlaubt. Die islamische Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist nicht möglich.

Bei der Ehe ist nach klassischer Rechtslehre ein Ehevormund (Wali) für die Frau notwendig, dieser muss eine „theologisch bewanderte“ und „moralisch gefestigte“ Person sein. Außerdem wird ein Ehevertrag abgeschlossen. Bei Vertragsabschluss ist die Anwesenheit zweier männlicher Zeugen vorgeschrieben. Eine umstrittene Frage ist, wie viel der Mann von seiner Verlobten vor der Eheschließung sehen darf. Das Spektrum der verschiedenen Auffassungen reicht vom Verbot jeglichen Kontakts mit der Frau bis hin zu großer Freizügigkeit. Heutzutage wird ein Mittelweg empfohlen: Der Mann dürfe die Frau in der Kleidung sehen, in der sie gewöhnlich auch vor ihrem Vater und Bruder erscheine.

Der Mann ist der Frau zum Unterhalt verpflichtet – dieser ist nötigenfalls von der Frau einklagbar. Das verdiente Geld der Frau dagegen gehört alleine ihr, ihr Mann sowie ihre Kinder haben keinen Anspruch darauf. Es ist alleine ihre Entscheidung, was sie mit dem Geld macht. Der Mann hat die Verpflichtung, seine Frau gut zu behandeln und sie zu unterstützen.

Ich wünsche dem Paar alles Gute für ihren weiteren Lebensweg und den von Corona Infizierten einen leichten verlauf der Krankheit und baldige Besserung.

Corona und eine muslimische Hochzeit

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