Als wir im Frühjahr 1945 nach Wien zurückkamen

für ein Kind: ein Abenteuer

Wir waren nach Oberösterreich, ins Mühlviertel evakuiert worden, im Februar 1944.  Nun war dieser Krieg zu Ende, und wir wollten wissen, was aus unserer Wohnung in Wien geworden war. Meine Mutter wollte, dass ich endlich wieder in die Schule ginge, die vierte Klasse Volksschule abschießen möge und zur Aufnahmsprüfung ins Gymnasium in Wien antreten solle.

Was uns erwarten würde, das wussten wir nicht. Die briefliche Kommunikation war abgebrochen, an Telephonieren nicht zu denken – also versuchten wir St.Valentin zu erreichen und dort einen Zug nach Wien zu erwischen. Die Züge waren voll, meine Mutter versuchte durch die Tür hineinzukommen, ich wurde durch ein Fenster hineingehoben. Aber wir waren drinnen. Über die Zonengrenze war meine Mutter mit einer geborgten I-Karte (I = Identifikation) gekommen. Der Zug brauchte lange, nicht in Stunden, es handelte sich um 2 Tage. Immer wieder wurde die Lokomotive abgekoppelt, weil sie anderwärtige – für „Wichtigeres“ benötigt wurde. Der Zug stand auch ohne ersichtlichen Grund. Auszusteigen getraute man sich nicht, denn der Zug könnte ja „plötzlich“ weiterfahren.

Aber wir kamen nach Wien. Öffentliche Verkehrsmittel gab es kaum, nicht nur die Straßenbahnzüge waren zerstört, vor allem auch die Gleise. Wir schleppten unsere Koffer bis in die Währinger Straße. Das Haus stand noch. Wir gingen die Stiegen hinauf, die Wohnungstür war noch abgesperrt – es war also nichts beschlagnahmt, niemand einquartiert oder gar eingebrochen worden.  Allerdings: alle Fensterscheiben waren zerbrochen und in einem Zimmer war ein großes Loch in der Wand. Aber solche Schäden erachtete man als geringfügig. Denn jetzt war es nicht kalt, wir hatten Lebensmittel aus Oberösterreich mitgebracht, also Wasser rann noch – zuweilen, Gas gab es auch – man musste nur wissen, wann, dasselbe galt für Elektrizität. Aber die Glühbirnen waren ja auch kaputt.

Meine Volksschule war geschlossen, es gab ein Restschule in der Viriotgasse, die konnte man zu Fuß erreichen, und die Aufnahmsprüfungen fürs Gymnasium waren aus organisatorischen Gründen abgeschafft. Ich wurde in der Billrothstraße angemeldet. Nach drei Monaten würde sich entscheiden, ob ich weitermachen dürfte oder in die Hauptschule gehen müsste (ein Alptraum für meine Mutter).  

Ich konnte meine Großeltern besuchen, die nicht weit von uns entfernt wohnten – in der Harmoniegasse. Dort traf ich eine Tante mit deren Kindern, sie war – selbst verletzt – nach dem „Bombentod“ ihres Mannes bei ihren Eltern untergekommen. Von der Tante, die vor den Krieg nach England gegangen war gab es keine Nachrichten. Die Großeltern hatten einen Suchauftrag beim Roten Kreuz eingebracht.

Mein früheres Spielrevier, der Votivpark (heute Sigmund Freud Park), war aufgebuddelt worden, dort befand sich jetzt ein Löschteich. Aus dem gepflegten Park, in dem man den Rasen nicht hatte betreten dürfen, indem es noch eine Sesselfrau gegeben hatte, die für den Sitzplatz auf einem Sessel kassiert hatte, war eine „Gstätten“ geworden. Noch lagen irgendwo etwas lädierte Bänke herum, auch stand noch „nur für Arier“ drauf. Dennoch: für uns ein herrlicher Spielplatz.

Die Straßen tauchten bereits langsam aus den zusammengeschauftelten Trümmern auf. Eigentlich hätte man unterwegs sein können. Allerdings waren die vier Besatzungszonen noch nicht etabliert, und ich scheute jegliches (sowjetisches) Militär.

Meine Mutter war unterwegs, um Bretter aufzutreiben, d.h. in Schutthaufen zu suchen, mit denen man die Fenster vernageln konnte, allerdings war es dann einigermaßen finster in der Wohnung. Glühbirnen waren rar und nur im Tauschverfahren zu bekommen. Man versuchte Kerzen zu bekommen und Petroleum – für die Petroleumlampen.

Wir waren glücklich, dass der Krieg vorbei war, hofften, dass alle Angehörigen der Familie halbwegs heil wieder heimkommen würden. Wir bekamen wieder Lebensmittelmarken, mithilfe derer man sich wieder etwas zu essen (wenig, aber doch) kaufen konnte.

Als dann die Schulferien begannen, war ich schon froh, wieder ins Mühlviertel zurückzukehren; die Bahnfahrt lief ähnlich ab, wie die „Reise“ nach Wien, sie dauerte lange (hinterher hatte ich dann Läuse, deren Entfernung mittels Petroleums stattfand – grauslich).

Jetzt ging es darum, alles Essbare zu sammeln, aufzutreiben und haltbar zu machen, um es dann in Wien, im Herbst zu Schulbeginn zur Verfügung zu haben. Heidelbeeren (getrocknet, eingekocht, Kompott gemacht), Pilze (getrocknet), manche Dinge waren Lohn für Arbeitsleistung: Speck, Würste, Butter (wurde auch zu haltbarerem Butterschmalz verarbeitet), Eier (wurden in Gläsern – mit Kalk – eingelegt). Der Transport all dieser Güter konnte dann nur mittels Lastwagentransportes bewerkstelligt werden. Es ging um eine Mitfahrgelegenheit, die wiederum nur im Gegenleistungsverfahren möglich war.

Mir gings gut dabei, es gab „verantwortliche“ Erwachsene, die das alles regelten. Ich freute mich auf die Schule und hoffte viele meiner Freundinnen hier wieder zu treffen.

Als wir im Frühjahr 1945 nach Wien zurückkamen

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